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„Nach ein paar Gläsern war ich aufgeregt. Meine Kumpel, die da oben saßen, riefen mir zu, ich sollte zu ihnen kommen. In dem Moment wollte ich nicht die Treppe rauf laufen. Stattdessen habe ich mich am Seil daneben hochgezogen. Die anderen feuerten mich an und die Musik war laut. Da bin ich Herrn Deva aufgefallen und er ist danach auf mich zugekommen. So haben wir uns kennen gelernt."

Herr Deva, wie Gai Lin ihn nennt, ist 1948 in Sri Lanka geboren. Nach dem Studium in Großbritannien blieb er in England und wurde 1992 zum Unterhausparlamentarier gewählt. Sieben Jahre später zog Deva ins EU-Parlament. Außerdem ist er Sonderbotschafter von Sri Lanka. In der Bar hat er beobachtet, wie Gai Lin sich vier Meter hochzog und stellte fest: Dieser junge Mensch hat Mut und eine starke Führungskompetenz. Der 23jährige Student der Handelshochschule Brüssel strahlte überdies noch ein Selbstvertrauen aus, das in anderen jungen Menschen selten zu finden ist, erzählt Deva.
„Mir ist aufgefallen, dass, außer ein paar Kollegen, die China nur zu kritisieren wussten, niemand im EU-Parlament das Land richtig kannte. Für ein Land, dessen Einwohner ein Viertel der Weltbevölkerung ausmachen, haben die Leute viel zu wenig Ahnung. Wir brauchen einfach mehr Verständnis für China und deswegen habe ich versucht, einen Chinesen in mein Team zu holen."
Trotz seines jungen Alters sorgte Dai Lin bei seinem Mentor im EU-Parlament mit seinen fundierten Ansichten zu chinesischen und internationalen Fragen immer wieder für Erstaunen. Im Sommer 2005 hat das EU-Parlament auf Devas Gesuch hin Gai Lin als ausländischen Abgeordnetenberater eingestellt. Obwohl der junge Chinese Deva überzeugen konnte, war der Anfang seiner Karriere alles andere als einfach. Gai Lin spürte die Feindseligkeit anderer Abgeordneter deutlich. Manche sahen einfach über ihn hinweg, andere bezeichneten ihn schlechthin als „Spion".
„Als ich im Parlament anfing, nannten mich viele Spion aus China. Das hat mich verlegen gemacht, ich konnte nichts dazu sagen. Später, als mir wieder jemand so was sagte, ging ich entspannter damit um. Ich antwortete, ich würde gerne für die chinesische Regierung was machen. Das Problem ist aber, alle Informationen im EU-Parlament sind transparent. Auf der offiziellen Webseite des Parlaments steht ja alles. Was, glauben Sie, kann so ein Spion denn noch machen? Dann lachten die Leute und gaben mir Recht."

Einige Probleme lassen sich einfach durch Rhetorik lösen. Substanzielle Fragen brauchen hingegen Arbeit. Gai Lin ist auf eine geniale Idee gekommen:
„Beim Umgang mit den Abgeordneten habe ich entdeckt, dass die China-kritischen Leute das Land gar nicht mal richtig kennen. Im Parlament gibt's Freundschaftsgruppen für die EU und Indien, für Sri Lanka, für Tibet und Taiwan… Ich dachte dann, wie wär´s mit einer EU-China-Freundschaftsgruppe. Dabei habe ich von Herrn Deva Unterstützung bekommen."
Die Idee klang vielversprechend, doch deren Umsetzung war ein steinerner Weg. Gai Lin weiß schon nicht mehr, wie viele schlaflose Nächte er durchlaufen und wie viele Stunden er pausenlos reden musste. Nach unzähligem Hin und Her war es endlich soweit: 2006 ist die EU-China-Freundschaftsgruppe gegründet worden. Damit soll ein objektives China-Bild vermittelt und die chinesisch-europäischen Beziehungen gefördert werden. So hat die Gruppe unter Leitung von Niranyan Deva eine wichtige Rolle bei großen Ereignissen wie beispielsweise den Olympischen Spielen 2008 in Beijing und der Expo 2010 in Shanghai gespielt.
Mit dem immer größeren Einfluss Chinas auf der Welt hat sich auch die Einstellung vieler EU-Abgeordneter verändert. Heute zählt die EU-China-Freundschaftsgruppe mit über 40 Mitgliedern, die aus verschiedenen Parteien kommen, zur größten im EU-Parlament. Außerdem wurde der „Freundschaftsverband zwischen der EU und China" errichtet, eine NGO für den Ausbau einer pragmatischen Zusammenarbeit.
Und der einstige „Spion aus China"? Gai Lin berät heute neben Deva fünf andere Abgeordnete:
„Das China-Bild im Parlament hat sich enorm verbessert. Einerseits ist China stärker geworden, andererseits haben die Leute eingesehen, dass gute Beziehungen für beide Seiten von Vorteil sind. Das Parlament hat China als Land und mich als ein Teil des Landes akzeptiert."
Übersetzer und Sprecher: Li Zheng



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