Shenzhen – ein strahlender Wegweiser für den kometenhaften Aufstieg der VR China

2020-08-25 09:56:17

Drei Tage später konnte vermeldet werden, dass in Shenzhen als erster Stadt der Welt die 5G-Kommunikation flächendeckend eingesetzt werde. Damit sei die Stadt ein Vorreiter zum Beginn einer neuen Ära geworden. Es sind zwei beeindruckende Meldungen, in der Tat, aber letztlich doch nur Facetten zu der Bedeutung Shenzhens an sich. Und im Hinblick auf diese Bedeutung überbieten sich die Kommentatoren mit Superlativen wie „Boomtown“, „Wunder im Perlflussdelta“, „Stadt der Hoffnung“ oder „Welthauptstadt der technischen Entwicklung“.

Am 26. August kann Shenzhen nunmehr den 40. Jahrestag des Anfangs, des Ursprungs seiner Entwicklung zum „Märchen im Perlflussdelta“ begehen. Am 26. August 1980 war nämlich die Sonderwirtschaftszone in Shenzhen förmlich eingerichtet worden, als Ausdruck der durch die Plenartagung des Zentralkomitees der KPCh im Dezember 1978 eingeleiteten Reform- und Öffnungspolitik. Was in der Zwischenzeit geschehen ist, betitelte die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ einmal knapp, aber treffend mit den Worten: „Einst Fischerdörfchen, heute Megacity“. Genauer gesagt: Alles begann mit der Umbenennung des bisherigen Kreises „Bao’an“ in die Stadt Shenzhen. Und in den folgenden 40 Jahren mit beispiellosen gigantischen Wachstumsraten zuvor nie gekannten Ausmaßes, die Entwicklung zu einer Art Hightech-Hauptstadt der Welt, geprägt etwa durch Namen wie Tencent, Huawei, ZTE und DJI. Die traditionell nüchterne und sachliche „Neue Zürcher Zeitung“ beschrieb das heutige Shenzhen mit den Worten: „Die Erfolge sieht man in Shenzhen auf Schritt und Tritt. Die Investitionen in die Infrastruktur haben mit dem rasanten Wirtschaftswachstum Schritt gehalten. Im Hafen von Shenzhen werden mehr Container umgeschlagen als in Hongkong. Das moderne Metrosystem wird ständig ausgebaut, überall ragen Hochhäuser in den Himmel. Inzwischen dauert es nur noch 15 Minuten, um mit dem Schnellzug vom Stadtzentrum Shenzhens nach Kowloon West in Hongkong zu fahren. Und es spricht Bände, dass die japanische Lifestyle-Kette Muji ihr erstes Designerhotel weltweit nicht in London, New York, Seoul oder Tokio, sondern in Shenzhen eröffnet hat.“ Der Anteil der von China aus exportierten Hightech-Produkte beläuft sich laut einer Berechnung der Großbank HSBC auf deutlich mehr als 20 Prozent.

Und der frühere Kreis Bao’an, von dem aus alles seinen Ausgang nahm? Sein Name lebt in Shenzhens Stadtbezirk Bao’an weiter, mit 5,5 Mio. Einwohnern und einem Bruttoinlandprodukt von mehr als 300 Mrd RMB, seinem großen Containerhafen, dem modernen internationalen städtischen Flughafen und einem Anteil von 22 Prozent der städtischen Gesamtproduktion eine Art Herzkammer der Stadt.

Jedoch: Die Schaffung der Sonderwirtschaftszone war zwar Voraussetzung für den kometenhaften Aufstieg von Shenzhen, aber alleine mit der Einrichtung war es nicht getan. Eine solche Einrichtung ist kein Automatismus, kein autonomes Fahren, bei dem sich der „Fahrer“ gelassen zurücklehnen kann. Eine 2018 vorgelegte Untersuchung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages wies darauf hin, dass es inzwischen in drei Vierteln aller Staaten ca. 4.300 Sonderwirtschaftszonen gebe, zahlreiche mit durchaus sehr schwachen Erfolgsbilanzen. Dagegen wird der Fall Shenzhen als herausragendes Musterbeispiel für eine Erfolgsgeschichte hervorgehoben und ausgeführt: „Kein Artikel über positive Ergebnisse durch SWZ kommt ohne Erwähnung Chinas aus. Unter den zahlreichen erfolgreichen SWZs Chinas ragt vor allem Shenzhen bei Hongkong hervor. Die Sonderwirtschaftszone Shenzhen gehört zu den ältesten der Volksrepublik und als das ‚Wunder vom Perlflussdelta‘, quasi als Modell für den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg des ganzen Landes.“ Die Sonderwirtschaftszonen hätten einen erheblichen Beitrag zur Tatsache geleistet, dass China mittlerweile eine wirtschaftliche Weltmacht sei und sich vom Entwicklungs- zum Geberland gewandelt habe. Ursache hierfür seien die sorgfältige Analyse der gemachten Erfahrungen durch die chinesische Staatsführung, die gesetzgeberische Umsetzung der gemachten Erfahrungen und der sorgfältige innovative Weiterentwicklungsprozess gewesen. In der Tat: Die rasante Entwicklung von Wirtschaft und Technik forderten von der chinesischen Staatsführung und den Akteuren vor Ort Wachsamkeit, Flexibilität und Reaktionsvermögen. Entsprechend verlief der Produktionsprozess in Shenzhen von einfachen Fertigungen billiger Massenprodukte für den Bedarf der Welt über High-End-Fertigungen (Shenzhen als Hauptstadt der Hardware-Produktion) bis hin zur heutigen führenden Stellung im Software-Bereich („chinesisches Silicon Valley“). „Die künstliche Intelligenz spricht chinesisch“, formulierte die bereits zitierte „Neue Zürcher Zeitung“. Und dazu passt, dass laut der World Intellectual Property Organization inzwischen rund die Hälfte der aus China eingereichten internationalen Patente aus Shenzhen kommt. Nur aufgrund ständiger Innovation und Reform über Jahrzehnte hinweg konnte Shenzhens Wirtschaft die weltweit beispiellosen Höhen ihrer Erfolge erreichen. Aber: Der erste Schritt hierzu erfolgte nun einmal am 26. August 1980 – und nach dem von mir persönlich sehr verehrten Laozi beginnt auch eine Reise von 1000 Meilen mit dem ersten Schritt. Daher ist der 26. August 2020 ein sehr würdiger und angemessener Anlass zu einem herzlichen Glückwunsch an Shenzhen – verbunden mit der zugegebenermaßen etwas saloppen Aufforderung „Weiter so und dranbleiben!“.

Dr. Michael Borchmann

Ministerialdirigent a.D. (Land Hessen), früherer Abteilungsleiter (Director General) Internationale Angelegenheiten

Mitglied des Justizprüfungsamtes Hessen a.D.

Senior Adviser der CIIPA des Handelsministeriums der VR China

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