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Übertrieben hart oder angemessen streng und erstmals gerecht? Die chinesische Netzgemeinde scheidet sich an der Bewertung der Anfang Juni 2016 durchgeführten „Gaokao" – der „Nationalexamen zur Hochschulimmatrikulation". In der diesjährigen Diskussion geht es allerdings nicht etwa um berüchtigte Aufsatzthemen oder komplizierte Chemieaufgaben. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen vielmehr die äußeren Bedingungen, die sich seit einer Neuerung im Strafrecht grundlegend verändert haben. So fanden in diesem Jahr die ersten Nationalexamen statt, bei denen Spicker und Schummler zu hohen Haft- und Geldstrafen verurteilt werden können. Ein Online-Video des Info-Portals „Nachrichtenstand" fasst die Regelungen zusammen:
„Der neunte Strafrechtsentwurf legt eindeutig fest, dass organisierte Täuschungsversuche in gesetzlichen Nationalprüfungen mit einer dreijährigen Haft- und zusätzlicher Geldstrafe belegt werden. In schwerwiegenden Fällen kann eine Haftstrafe von bis zu sieben Jahren und eine zusätzliche Geldstrafe verhängt werden. Haft- und Geldstrafen werden ebenso für alle Involvierten geltend, sollte eine Person anstelle des Prüflings an einem Nationalexamen teilnehmen."

Zahlreiche Provinzen machten nach der diesjährigen Prüfungswoche die vage Angabe, die Gesetzesänderung habe maßgeblich zu Fairness der Prüfungsumgebung beigetragen. Was sind die Hintergründe zu diesen in der internationalen Prüfungswelt durchaus radikal geltenden Maßnahmen? Einige Punkte mehr oder weniger in den Aufnahmeprüfungen können für den Werdegang chinesischer Jugendlicher entscheidend sein. Reicht es für eine der Spitzenhochschulen, die hochbezahlte Jobs in Aussicht stellen, muss man sich mit einer einfachen Kleinstadt-Fachhochschule abfinden oder kann gar nicht studieren? Blogger Juhua schreibt:
„Es versteht sich, dass die Prüflinge viel Kraft investieren, um nicht zu versagen. Ein schlechter Abschluss, im schlimmsten Fall eine nicht bestandene Abschlussprüfung, betrifft nicht nur sie selbst, sondern bringt auch Schande über die Eltern und die ganze Familie. Mit dem neuen Strafsystem stellt sich nun die Frage, was die größere Schande ist – eine schlechte Punktzahl oder wenn man durch Schummeln ins Gefängnis kommt."
Da die Prüfung also nicht allein Angelegenheit des Schülers ist, sind viele Eltern zu tatkräftiger Unterstützung bereit. Viel Geld wird in Nachhilfe oder eben in illegitime Täuschungsmethoden investiert. In den vergangenen Jahren nahmen insbesondere jene Fälle zu, in denen eine belesene Ersatzperson anstelle des Prüflings an den Examen teilnahm – ausgestattet mit gefälschtem Personalausweis. Allein in der Provinz Henan wurden im Prüfungsdurchgang des Jahres 2013 nahezu 130 solcher Fälle aufgedeckt, was die Behörden alarmierte. Kontrollmaßnahmen verschärften sich, Prüfzentren arbeiteten fortan mit biometrischen Fingerabdrücken und Porträtfotos der Schüler, Druckereien sicherten sich gegen Datenlecks, durch die schon so oft Testfragen unter der Hand kaufbar waren. All dies führte jedoch nicht zu den erhofften Erfolgen – in erster Linie aufgrund der Kreativität der Trickser, die zunehmend mit Funkverbindungen und versteckter Hightech arbeiteten. Daher musste nun das neue Strafsystem her. Verständlicher Weise zeigten sich viele Schüler nicht begeistert, wie in einer ganzen Reihe von Weibo-Threads zum Ausdruck gebracht wird. Lulu erinnert sich an frühere Zeiten:
„Früher musste man in der Ecke stehen und sich schämen oder bekam im schlimmsten Fall vom Papa eins auf den Hintern. Heute sitzt man sieben Jahre hinter Gittern. Es ist unfassbar."
Gao Shuinan stimmt zu:
„Die neue Strafklausel untermalt den Ernst der Lage, dem wir mit den Aufnahmeprüfungen ausgesetzt sind. Hätten die Prüfungen nicht einen derartig hohen Stellenwert, dann würden auch nicht so viele Schüler auf verzweifelte Art Schummeln. Jetzt muss man dafür ins Gefängnis. Das muss man mal ins Verhältnis setzen: Gerade erst einmal 17-jährige Schüler und sieben Jahre Gefängnis. Ist das nicht reinste Ironie? Mir ist jedoch nicht gerade zum Lachen zumute."
Wie Statistiken der Vergangenheit zeigen, übt Gaokao auf die jungen Chinesen tatsächlich einen schwer zu ertragenen Druck aus. Immer wieder wird von schweren Depressionen, traumatischen Erfahrungen und lebenslangen Lernstörungen berichtet. Diese Fakten scheinen nahezu unberührt von den Gedanken der Gesetzgeber zu stehen, die durchaus Berechtigung haben mögen. So argumentiert ein Lehrer in einem weiteren Weibo-Thread:
„In unserer kommunistischen Gesellschaft streben wir soziale Gleichheit an. Wer sich eine gute Prüfung erkaufen kann, der verzerrt gesellschaftliche Prinzipien. Ganz gleich, ob eine Familie wohlhabend ist oder nicht, müssen alle die gleichen Chancen und Rechte haben. Es bleibt nichts anderes übrig, als fleißig zu lernen. Das ist ein allgemeingültiger Grundsatz, der jedem einleuchten muss."
Unabhängig von diesen Idealen werden die kommenden Jahre zeigen, ob das aus pädagogischer Sicht nur bedingt effektive Mittel der Bestrafung zur Chancengleichheit beitragen wird – oder ob der Einfallsreichtum der Trickser neue Blüten treibt.
Text: Miriam Nicholls
Foto: NanfangDushi



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