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„Ideale anvisieren": China transzendiert die Populärkultur
  2015-09-07 16:48:24  cri

Die unendlichen Weiten der chinesischen Online-Unterhaltung sind verlockend: Unzählige Video-Plattformen mit Shows, Seifenopern und Filmen, mit Musikkanälen für Streaming und MP3-Downloads, Artikeln und Romanen für jeden Geschmack. Alles kostenlos versteht sich. Ein Unterhaltungsparadies. Hinzu kommen die praktischen Shoppingportale mit ihren Sonderangeboten. In kaum einer anderen Sphäre klaffen die Extreme zwischen Qualität und Schund so weit auseinander, wie in der Internet-Unterhaltung. Tägliches Verirren, Fehlkonsumieren und Fehleinkäufe sind vorprogrammiert. Die gute Nachricht: Seit wenigen Monaten es gibt Abhilfe. Sie heißt: „Kan Lixiang", „Ideale anvisieren", und ist ein Kooperationsprojekt des chinesischen Online-Videoportals „Youku Tudou" mit dem Verlag „Imaginist". Während der diesjährigen Internationalen Buchmesse in Beijing stellte die kulturelle Leiterin Yao Wentan das Projekt vor:

„Wir wollen unseren Usern in den Wirren dieser digitalen Welt einen Ort der Ruhe bieten und geistige Entwicklungen fördern. Der Zeitgeist der Gegenwart entwickelt sich weitgehend isoliert von den Wurzeln unserer Kultur. Daher möchten wir auf zeitgemäße Weise die Menschen mit klassischen und hochqualitativen Werken in Verbindung bringen. Wir kämpfen gegen die Internet-Krankheit des blinden Kulturkonsums an."

Das Projekt „Ideale anvisieren" ist im chinesischen Onlinebereich bisher eine einzigartige Synthese aus Videokunst mit Literatur, Musik, Malerei und anderen Bereichen klassischer Kultur. Tudou ist besonders stolz, für das Projekt renommierte chinesische Künstler gewonnen zu haben. Zu ihnen gehören Leung Man-tao, ein berühmter Moderator, Literaturkritiker und Schriftsteller aus Hongkong, mit seinem Programm „Eintausend und eine Nacht". Er kämpft gegen Literatur-Abstinenz und das Vergessen klassischer Literatur an. Jede Literatursitzung veranstaltet er an einem anderen Ort in Beijing unter freiem Himmel als Symbol des „Lesens in der Öffentlichkeit". Leung umreißt klar die Zielgruppe des Programms:

„Wir müssen die jungen Menschen von heute als Teilnehmer am kulturellen Leben ernst nehmen. Wir müssen ihnen vertrauen und gleichzeitig etwas bieten. Junge Menschen sind in der Kooperation zwischen Imaginist und Tudou unser Verbindungspunkt."

Chen Danqing ist ein bekannter Maler. Sein Programm heißt „Jubu" – „Im Lokalen". Darin stellt er sowohl chinesische als auch westliche Künstler vor. Der dritte im Bunde ist der renommierte Taiwaner DJ Ma Shifang, der einen Abriss über die Geschichte der chinesischen Populärmusik gibt. Sein Programm heißt „Tingshuo" – „Ich habe gehört…". In einer der ersten Serien stellt er etwa Jonathan Lee vor, den er als Mitbegründer der chinesischen Populärmusik bezeichnet. Viele junge Menschen konsumierten nur die aktuellen Charts, vergäßen dabei aber die kulturellen Grundlagen, auf denen die Musik von heute aufbaue.

Die Vorsitzende bei Imaginist Liu Ruilin berichtet von der wichtigen Aufgabe der Projektkoordination:

„Unsere Künstler stammen zwar aus unterschiedlichen Bereichen, aber sie vertreten das gemeinsame Ideal, relevantes Wissen unter die Menschen zu bringen. Wir stützen uns einerseits auf die Schrift, machen uns aber gleichzeitig auch die Videotechnik zunutze. Dennoch bleiben wir im Geiste Verleger."

Verleger mit einem Sinn für die Natur des Internets. Dazu gehört auch eine intensive Interaktion mit den Usern. Frau Yao erklärt:

„Wir sind ursprünglich ein Internetportal, das von der Beteiligung der User lebt. Deshalb bieten wir selbstverständlich eine Plattform, auf der die Netizens durch Kommentare ihre Ansichten mit den Künstlern teilen können. Überdies veranstalten wir auch Lesungen und Lounges. „Ideale anvisieren" kombiniert so Onlineserien mit Offline-Veranstaltungen. Daran knüpft auch das Merchandising an."

Natürlich muss ebenfalls Geld verdient werden. Bisher wird das Projekt großzügig durch die übergeordnete Verlagsgruppe gefördert, so dass die Videos kostenlos verfügbar sind. Allerdings wurden mit einigen E-Commerce-Unternehmen Verträge unterzeichnet. Stellt etwa ein Autor sein Buch vor, so erscheint gleichzeitig ein Pop-Up-Fenster auf dem Bildschirm, das zum Online-Erwerb im Internet auffordert. Dasselbe gilt für Musiktitel oder Kunstdrucke. Durch Big-Data-Analysen wird dann der Kunstgeschmack des Zuschauers ausgewertet.

In jeder Hinsicht transzendiert das Projekt damit die Grenzen der bisherigen Internet-Unterhaltung. „Ideale anvisieren" bewegt sich nicht nur zwischen verschiedenen Kulturgattungen und zwischen Künstlern aus ganz Greater China. Es amalgamiert auch traditionelle mit modernen Medien unter der alles bestimmenden Kraft von Konsum und Datenanalyse.

Text: Miriam Nicholls
Foto: Sohu.com
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