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Wie kann man eine Kamera benutzen, wenn man nicht sehen kann? Ein berühmter Grieche sagte einmal, dass nur Blinde wissen, wie man mit dem Herzen sehen kann. Blinde Fotografie hört sich wie ein Paradox an, aber in unseren heutigen Sendung wollen wir genau darüber berichten. Wir haben mit Sun Zhiyuan gesprochen, Projektmanager im „One Plus One Sound Studio" in Beijing.

Sun Zhiyuan ist einer der wenigen Chinesen, der das Glück hatte, mit Blinder Fotografie in Berührung zu kommen. Er war maßgeblich daran beteiligt, die Technik zu verbessern und mehr Menschen mit Seheinschränkungen zu ermuntern, ihr Leben in Bildern festzuhalten. Seine Kurse sind kostenlos.
Der heute dreißigjährige Sun hat sein Augenlicht bei einem Unfall verloren, als er mit zwölf Jahren Bleichmittel in die Augen bekam. Aber das hält ihn nicht davon ab, ein erfülltes und glückliches Leben zu führen. Er zeigt uns ein Foto, dass seiner Meinung nach sein Leben am besten beschreibt. Es ist eine rote Zahl Sechs vor einem dunklen Hintergrund, die in einem Aufzug aufgenommen wurde.
„Eigentlich ist es meiner eigenen Situation sehr ähnlich. Ich mag nicht wie eine blinde Person aussehen, aber mein Sehvermögen ist in Wirklichkeit sehr eingeschränkt. Ich kann eigentlich nur sehr wenig sehen. Deswegen zeigt diese Sechs mein wirkliches Leben. Aber mein jetziges Leben gefällt mir. Wenn man die Welt aus einer anderen Perspektive sieht und dokumentiert, dann wird man aller Voraussicht nach etwas entdecken, was anders und interessant ist."
Die Idee stammt ursprünglich aus Großbritannien. In China gibt es Blinde Fotografie seit 2009. Sie fordert blinde Menschen auf, die Welt so abzulichten, wie sie sie wahrnehmen und fühlen. Wenn sie ihr Motiv auswählen, dann richten sie sich nach Geräuschen, Schritten, Entfernungen und Geschwindigkeiten. Natürlich wird sich ein solches Bild von der Arbeit eines sehenden Fotografen unterscheiden.
Ein Bild, das von einer jungen Frau mit Sehbehinderung gemacht wurde, fällt besonders auf. Es zeigt den Moment, in dem ein Tropfen ins Wasser fällt. Sun sagt, dass die Fotografin mittels einer besonderen Technik ihr Bild erfühlen kann.
„Dieses Mädchen wollte vor allem wissen, welche Form Tropfen haben, in dem Zeitpunkt, in dem sie ins Wasser fallen. Aber sie hat den Zeitpunkt selbst überhaupt nicht gesehen. Deswegen haben wir für sie einen recht guten Fotoapparat gefunden, auf dem sie Aufnahmen in schneller Reihenfolge machen konnte. Wir haben es dann zu einem zweidimensionalen, nach außen gewölbten Foto gemacht. Diese Linien können von den Blinden leicht wahrgenommen werden und helfen ihnen, an dem Bild teilzuhaben. Die besondere Technik hat ihr geholfen, die Form der Wassertropfen zu berühren und zu fühlen."
Außer Blinden Fotografie macht Sun Zhiyuan auch eine Radioshow, die wöchentlich in Beijing ausgestrahlt wird. Er nimmt sein eigenes Leben als ein Beispiel, um zu zeigen, dass Menschen mit Sehbehinderung nicht nur Hilfe brauchen, sondern auch einzigartig und wertvoll sind.
Glücklicherweise ist er nicht allein. Er hat viele Freunde, die ihn in seinem Streben nach einem besseren Leben unterstützen. Eine von ihnen ist seine Verlobte Han Yao, die ebenfalls schlecht sehen kann. Sie findet die Einstellung ihres Partners bewunderungswürdig.
„Ich bewundere Zhiyuan, vor allem weil er konsequent die Sache der Blinden vertritt, um die sich bei uns im Land selten einer kümmert. Unabhängig davon, was dabei herauskommt, wir werden uns immer darum bemühen, das Leben von Menschen mit Sehschwäche zu verbessern. Das ist auch mein Ziel."
Im Unterschied zu uns können blinde Menschen sich nicht auf ihr Augenlicht verlassen. Das heißt aber nicht, dass sie keine tollen Bilder machen können. Fotografie ist nicht unbedingt etwas Visuelles. Sie vermittelt ihre Botschaft vielmehr durch die Aufnahme eines Augendblicks. Und dieser Zeitpunkt kann von einem Blinden genauso gut gewählt werden, wie von einem Sehenden. Das Leben der Menschen wird reicher und erfüllter.
Übersetzt von Jörg Pensin
Gesprochen von Xiao Lan



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