
Im Jahr 2008 erschien der preisgekrönte Roman „Ein Satz wiegt schwerer als tausend Worte" von Liu Zhenyun. Anhand des Lebens und Schicksals der zwei Protagonisten, die auch aus unterschiedlichen Zeitepochen stammen, beschreibt er die lange Suche nach einem wahren Freund. Dabei reflektiert Liu auch die zunehmende Einsamkeit der Chinesen heutzutage.
Viele chinesische Autoren streben danach Chinas neu urbanisierte Kultur in Worte zu fassen. Der Mao-Dun-Literaturpreisträger Liu Zhenyun hingegen scheint mit einer Leichtigkeit die Sorgen und Bedürfnisse vieler Chinesen erfassen zu können.
Liu's 2008 erschienener Roman „Ein Satz wiegt schwerer als tausend Worte" wurde als chinesische Version des weltbekannten kolumbianischen Meisterwerks „Hundert Jahre Einsamkeit" gefeiert. Durch den Autor wird bildhaft und deutlich die innere Einsamkeit der einfachen Leute beleuchtet.
Bezüglich seiner Intention erklärt Liu Zhenyun:
„Ein chinesisches Sprichwort besagt ‚Es genügt ein wahrer Freund im ganzen Leben'. Das ist wahr. In unserem täglichen Leben finden wir es zunehmend schwerer jemanden zu finden, dem wir unser Herz ausschütten können. Ein einziger Satz gegenüber einem wahren Freund kann viel wert sein."
Obwohl Liu Zhenyun's Sprache von Witz geprägt ist, ist das Thema des Romans schmerzhaft. Liu veranschaulicht, dass sich viele Menschen trotz Freunden oft einsam fühlen. Es fehlt ihnen eine Person, mit der sie ihre Gefühle teilen können. Der Roman „Ein Satz wiegt schwerer als tausend Worte" beschäftigt sich genau mit diesem Thema.
Liu stellt das Schicksal vieler Chinesen, besonders der der unteren Gesellschaftsschichten dar. Er konzentriert sich auf das Leben und die Gefühle der einfachen Leute in Yanjin, einem kleinen Dorf im zentralchinesischen Henan, wo auch der Autor selbst geboren wurde.
Im ersten Teil des Romans beschreibt Liu Zhenyun das Leben des jungen Wu Moxi, dessen bitteren Erfahrungen in den 1940er Jahren und dessen Suche nach seiner Adoptivtochter Cao Qing'e, die entführt wurde. Sie war die einzige Person, mit der Wu Moxi seine tiefsten Gefühle teilen konnte.
In der zweiten Romanhälfte kehrt der Sohn dieser entführten Adoptivtochter, Niu Aiguo, in sein Heimatdorf zurück – ebenfalls auf der Suche nach jemanden, mit dem er seine wahren Gefühle teilen kann.
Die beiden Protagonisten, denen es an engen Freunden mangelt, streben danach jemanden zu finden, mit dem sie Gefühle und Gedanken austauschen können.
Zhang Qinghua, Professor für chinesische Literatur an der Beijing Normal University, ist überzeugt, dass Liu's Werk nicht nur ein weitverbreitetes Phänomen der chinesischen Gesellschaft widerspiegelt, sondern auch die Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur selbst bewirkt.
„Der Roman lässt den Leser unsere Kultur und Menschen reflektieren. Zweifellos hat China eine tiefgreifende Kultur und Tradition. Für Chinesen ist jedoch eines besonders charakteristisch: Sie interessieren sich stets mehr für die Geschäfte anderer als für die eigenen. Es existiert in unserer Kultur scheinbar ein Bedürfnis etwas über andere zu wissen. Überall wo Chinesen sind, gibt es auch eine Unterhaltung. Aber im tiefsten Inneren kennen wir uns kein bisschen."
Den Roman hindurch spiegeln die Charaktere und Handlungen die oft erfolglose Kommunikation zwischen den Menschen und die Bemühungen zum Abbau von Kommunikationsbarrieren wider.
Li Jingze, Kulturkritiker und Chefredakteur des Magazins People's Literature, beschreibt zusätzlich:
„Die meisten Werke Liu's richten ihr Augenmerk auf unsere Sprache. Unsere Beziehungen mit anderen und der Welt werden mit Hilfe der Sprache bewerkstelligt. Liu zeigt gewissermaßen die Grenzen und Komplikationen der Sprache auf und erkundetet das Ziel sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten in seinem Roman."
Liu Zhenyun ist seit mehr als 30 Jahren als Autor tätig und hat Dutzende Bücher veröffentlicht. Er ist jedoch auch als Drehbuchautor und Partner des Regisseurs Feng Xiaogang bekannt. Ihre bekanntesten Zusammenarbeiten sind „Back to 1942" und „Das Mobiltelefon".
Ganz gleich ob in seinen Romanen oder Drehbüchern, die Leser und Zuschauer könnten stets Liu's individuellen Stil wahrnehmen. Zurückhaltende, nüchterne Erzählungen, gepaart mit Spott und dunklem Humor sind für seine Arbeiten kennzeichnend. Hinzu kommt die große Vertrautheit mit den vielzähligen Facetten der urbanen Gesellschaft und das Mitgefühl für die einfachen Leute am Rande dieser.
Es lässt sich zudem eine Art Beständigkeit in Liu's Werken wiederfinden. Seit seiner ersten Veröffentlichung („Das Geschäft im Turm" im Jahre 1987) versucht Liu Zhenyun stets die wahre Bedeutung des menschlichen Lebens zu ermitteln und erforscht die tatsächlichen Sorgen der einfachen Leute – so auch in seinem neuen preisgekrönten Roman „Ein Satz wiegt schwerer als tausend Worte":
„Ich selbst fühle mich oft einsam, wie jeder andere auch. Aber wenn du dich einsam fühlst, kann dir dieses Buch eine Art Trost bieten, den jeder einzelner Charakter darin ist wahrscheinlich noch einsamer als du."




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