Nach dem Motto der frühe Vogel fängt den Wurm, herrscht am Sonntag um acht Uhr auf dem Beijinger Vogelmarkt Shilihe bereits Hochbetrieb. Vogelliebhaber tummeln sich zwischen den Ständen. Viele von ihnen haben zu ihrem Sonntagsausflug ihre kleinen gefiederten Freunde mitgebracht. Denn der Ort dient den Vogelliebhabern nicht nur zum Erwerb der Vögel, sondern auch als Treffpunkt. In Grüppchen stehen vorwiegend ältere Männer zusammen und klönen, fachsimpeln und brüsten sich mit ihren „Federkindern".

Zu ihnen gehört auch der 63-jährige Herr Kang. Wie in vielen chinesischen Familien hat auch die Vogelhaltung in seinem familiären Umfeld eine lange Tradition. Mit fünf Jahren besaß Herr Kang seinen ersten Singvogel.
Heute hält er voller Stolz einen Bambuskäfig in die Höhe und erntet dafür bewundernde Blicke. Sein jetziges Exemplar ist ein kleiner, aber feiner Vogel.
„Der Hongdianke belegt den ersten Platz unter den populärsten Vögeln in China. Diese Vogelart wurde mit Vorliebe in der Qing-Dynastie unter den Nachkommen der Acht Banner, einer militärisch-administrativen Organisation der Mandschuren, gehalten."
Die Vogelhaltung und Züchtung kam in der Regierungszeit von Kaiser Qian Long zwischen 1735-1799 in Mode. Zunächst blieb es ein kaiserliches Privileg, später griff der beliebte Zeitvertreib auf das normale Volk über. Im Laufe der Jahrtausende erlebte die Tradition ein auf und ab. Während der Kulturrevolution, in der Vögel als Störenfriede erachtet wurden, geriet die Gepflogenheit sogar in Gefahr. Herr Kang spricht allerdings von einer rosigen Zukunft.
„Zurzeit findet eine Rückbesinnung statt. Die alte Sitte der Vogelzüchtung und -haltung erlebt gerade einen neuen Aufschwung. "
Davon zeugt auch Kangs aktuelles Vorhaben, einen eigenen Verein zu gründen. Dieser soll als Plattform für die wachsende Zahl leidenschaftlicher Vogelhalter in Beijing und anderen Städten dienen. Denn auch an anderen Orten gibt es Vereine, die unter anderem regelmäßige Wettbewerbe untereinander ausrichten. Wie bei Chinas next Top Model oder China sucht den Superstar, wird hier um die Wette gezwitschert, das schönste Federkleid gezeigt oder das stärkste Männchen gesucht.
Heute spielt die Dressur nur noch teilweise eine Rolle. Im alten Beijing sah das anders aus. Dabei unterschied man insbesondere Sing- und Spielvögel. Goldenen Kehlen wurden Laute und Lautreihen beigebracht, die ihnen von Natur aus nicht zu Eigen waren. Und so konnte es sein, dass aus einem Vogelkäfig plötzlich eine „Grille" oder eine „Kröte" tönte. Ihre Ausbildung konnte bis zu zwei Jahre dauern, Lehrmeister waren bereits ausgebildete Vögel. Im Ansehen weiter hinten rangierten die dressierten Spielvögel. Zu ihnen gehörten unter anderem Drosseln, Lerchen und die besonders seltenen sowie teuren Brillenvögel. Gewitzte Spielvögel konnten nach ihren Trainingseinheiten beispielsweise Geldscheine aus der Tasche stibitzen oder dem Meister beim Kartenspielen behilflich sein.
Doch nicht nur die Dressur war und blieb bis heute eine Kunst für sich. Auch die Wahl des Zubehörs läuft unter Kennern nach ganz bestimmten Regeln ab, so auch der Kauf der Käfige. Der 58-jährige Herr Zhang verkauft seit über 30 Jahren Vogelkäfige:
„Für jede Vogelart gibt es einen speziellen Käfig. Sie unterscheiden sich in Größe und Stil. Dieser Käfig hier enthält beispielsweise ein Drachen-Emblem. Diese 'Vogelhäuser' waren im alten Beijing ein Tabu für den Normalbürger, denn der Drache galt als kaiserliches Symbol. Je nach Käfig-Art und Material variieren die Preise zwischen zweistelligen Yuan-Beträgen und hunderttausenden Yuan."
Neben den Vogelmärkten sind auch die Beijinger Parks beliebte Treffpunkte der heutigen Vogelliebhaber. Bei ihnen ist es nicht der Hund, der an der Leine ausgeführt wird, sondern der gefiederte Geselle im Käfig. Am Treffpunkt hängen die Käfige in den Ästen der Bäume. Für viele Vogelhalter ist das gemütliche Beisammensein fester Bestandteil ihres Alltags. Vogelexperte Kang erklärt noch, was er für sich aus der Vogelhaltung und den Treffen der Gleichgesinnten zieht:
„Die Vogelhaltung ermöglicht mir ein langes Leben. Ich gehe dadurch regelmäßig spazieren und bekomme frische Luft. Und das Singen der Vögel macht mich glücklich."
Text und gesprochen von Tabea Nehrbass
Bild: Tabea Nehrbass
Übersetzung: Ruan Jiawen



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