Amy Tan gehört zu den meistgelesenen chinesischen Autoren im Westen. Ihr wird von einigen Kritikern nachgesagt, nur äußerlich asiatisch zu sein. Die meisten stimmen hingegen darüber ein, dass sie viele Frauen inspiriert hat, die sich nicht ganz über ihr Mutter-Tochter-Verhältnis im Klaren sind. Wer die 59-Jährige besser verstehen will, der kommt nicht an ihrem Bestseller „The Joy Luck Club" vorbei.
Amy Tan ist die Tochter einer chinesischen Familie, die nach Amerika ausgewandert ist. Chinesisch spricht sie nur ganz wenig. Dafür weiß sie aus eigener Erfahrung mit ihrer Mutter, wie man am besten mit den emotionalen Höhen und Tiefen fertig wird, die sich zwischen Frauen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund und Alter innerhalb einer Familie zwangsläufig ergeben.
Amy Tan hat zu diesem Thema vier Aufsehen erregende Romane verfasst. International bekannt wurde sie im Jahr 1989 mit „The Joy Luck Club", ihrem ersten und bisher am meisten verkauften Buch. Der Bestseller befasst sich mit dem Verhältnis zwischen vier chinesischen Müttern und ihren in den USA geborenen Töchtern. Zu Amy Tans großer Überraschung wurde das Buch in über 20 Sprachen übersetzt, darunter auch ins Chinesische. Die deutsche Fassung heißt „Töchter des Himmels":
„Ich hätte nie gedacht, dass überhaupt jemand mein Buch „The Joy Luck Club" lesen würde. Ich bin davon wohl selbst am meisten überrascht. Eine ganz besonders große Ehre war für mich, als mein Buch ins Chinesische übersetzt wurde, weil Chinesisch die Sprache meiner Eltern ist, und China das Land, von dem ich keine Vorstellung hatte, als ich aufwuchs. Die Kommentare, die ich von den Menschen in China erhalten habe, haben mich sehr überrascht. Nicht so sehr wegen Aussagen wie „Oh ja, dass ist das China, an das ich mich erinnere", vielmehr wegen Kommentaren wie „Meine Mutter ist genauso"."
Viele lesen „The Joy Luck Club", weil sie sich von einer Amerikanerin mit chinesischen Eltern eine neue Perspektive auf China erhoffen. Die meisten Leser identifizieren sich jedoch öfters als ihnen lieb ist mit den Erfahrungen der Autorin. Für die heute 59-jährige Amy Tan war das Buch eine Art von Selbstfindung:
„Als ich aufwuchs, wusste ich wirklich nichts über die Vergangenheit meiner Mutter oder über China. Ich wusste nicht einmal, dass China in einen Krieg verwickelt war. Aber ich wusste einige Dinge über meine Mutter anhand der Warnungen, die sie mir zu pflegen gab. Sie warnte mich beispielsweise vor schlechten Männern, die mein Leben ruinieren könnten. Sie sagte jeweils: lass dich von keinem Jungen küssen, oder du kriegst ein Baby. Dann wirst du dieses Baby in den Abfall werfen müssen, die Polizei wird das herausfinden und dich dafür ins Gefängnis stecken! Falls das passiert, kannst du dich genauso gut gleich selbst umbringen!"
Für einige sind solche Warnungen typisch für chinesische Mütter, die in die USA emigriert sind. Die Warnungen von Müttern mögen sich je nach Kulturkreis ein wenig unterscheiden. Universell hingegen dürfte der mütterliche Instinkt sein, ihre Töchter vor allen möglichen Fallen und Gefahren des Lebens zu warnen. Die Besorgtheit um das Wohl ihrer Töchter ist durch nichts zu ersetzen.
Die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Vergangenheit spielt in Amy Tans Buch eine zentrale Rolle. Die Vergangenheit ihrer Mutter hingegen war für sie lange Zeit ein Tabu:

„Ich war selbst erstaunt, dass ich sie nie vorher danach gefragt habe. Ganz simple Dinge wie, was hast du während dem Krieg auf dem Markt gekauft? Was hast du damals gegessen? Wonach hast du dich in dieser Zeit gesehnt? Wie war diese Zeit für deine anderen Kinder? Wie war es, als du deinen ersten Sohn verloren hast und er in deinen Armen starb? Alle diese Dinge rufen persönliche Erinnerungen und Aspekte der allgemeinen Geschichte hervor. Ich wollte unbedingt mehr über diese Dinge erfahren. Meine diesbezügliche Neugier hat sich bis heute fortgesetzt. Aber ich habe auch erkannt, dass es noch etwas Wichtigeres gibt. Nämlich, diese Dinge als Vermächtnis von Schmerz zu betrachten und diesen Schmerz in etwas anderes umzuwandeln."
Als Amy Tan die Vergangenheit ihrer Mutter zu rekonstruieren begann, stieß sie allmählich auf die emotionalen Wahrheiten und die wahre Lebenssituation von unterschiedlichen Generationen von Frauen innerhalb ihrer Verwandtschaft, die ihr bis dato völlig unbekannt waren. Amy Tan fragte sich oft, woher all die Sorgen und der ganze Kummer ihrer Mutter herkamen? Durch das Niederschreiben entdeckte sie nach und nach eine Geschichte, die mehr der Wahrheit entsprach, als die Fakten, die ihre Mutter ihr erzählt hatte. Aus Fiktion wurde Realität:
„Sie erzählte mir, dass ihre Mutter nachdem sie zur Witwe geworden war, einen reichen Mann heiratete und zu dessen erster Ehefrau wurde. In meiner Geschichte „Magpies" habe ich aus dieser Frau die vierte Ehefrau und Konkubine eines reichen Mannes gemacht, der sie vergewaltigt, so dass sie sich schließlich umbringt. Wie sich später herausstellte, hat sich das in Tat und Wahrheit genau so abgespielt."
Um mehr über die eigene Vergangenheit herauszufinden, muss man natürlich nicht unbedingt ein Buch schreiben. Für Amy Tan war das Schreiben jedoch wie eine Art Medizin: nicht nur, um mit sich selbst ins Reine zu kommen, sondern auch, um Verpasstes mit ihrer Mutter nachzuholen:
„In Tat und Wahrheit kann ich die Vergangenheit verändern. Diese Erkenntnis habe ich von meiner Mutter. Einmal unterhielt sie sich mit meinem Onkel. Er sagte: „Warum erzählst du deiner Tochter diese unnützen Dinge? Sie kann die Vergangenheit auch nicht mehr ändern." Meine Mutter aber antwortete: „Doch, sie kann! Sie kann allen erzählen, dass ihre Mutter nicht umsonst gelitten hat. Indem sie allen auf dieser Welt erzählt, was ihre Mutter durchgemacht hat, kann sie die Vergangenheit verändern." Ich habe dann erkannt, wie viel Wahrheit doch in dieser Aussage steckt. Und dass es für uns nie zu spät ist, Zeugen der Vergangenheit zu werden – besonders dann nicht, wenn es um die Vergangenheit unserer Familien und Eltern geht. Es ist so isolierend und befremdend, mit all diesen schrecklichen Erlebnissen und Traumata alleine durchs Leben gehen zu müssen. Erst später habe ich realisiert, dass ich durch mein Romanschreiben und durch meine Vorstellung an sie bei meiner Mutter sein kann."
Mehr über Amy Tan und die anderen Töchter des Himmels erfahren Sie im Buch „The Joy Luck Club". Viel Spaß bei der Lektüre!
Übersetzt von Simon Gisler
Gesprochen von Zheng An



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