Die Wohlstandsschere in China klafft weit auseinander, gerade zwischen den ländlichen und städtischen Gebieten. Jetzt hat die Regierung die Armutsgrenze für die ländlichen Regionen angehoben.
Mit einem Federstrich gelten fast 100 Millionen weitere Menschen in China als arm. Denn das Land der Mitte hat seine Definition von Armut modifiziert, um sie den internationalen Standards anzupassen.
Dieser Schritt berechtigt vor allem mehr Menschen in ländlichen Regionen, staatliche Hilfsleistungen zu beziehen.
Die neue Armutsgrenze wird von dem durchschnittlichen Jahreseinkommen eines Bauern abgeleitet. Dieses beträgt 2.300 Yuan RMB (361 Dollar), umgerechnet ein bisschen weniger als einen Dollar pro Tag. Der Sprecher des Büros für Armutsbekämpfung beim chinesischen Staatsrat, Hong Tianyun, prognostiziert, dass mit der Anhebung der Armutsgrenze von 1.196 auf 2.300 Yuan RMB die Zahl der unter die Armutsgrenze fallenden Menschen von 26,88 Millionen in 2010 auf 128 Millionen klettern werde.
Wang Sangui, Professor an der Schule für Agrarökonomie und ländliche Entwicklung der Renmin Universität erklärte, die neue Armutsgrenze spiegle die Situation in China besser wider und bringe mehr Ressourcen in die armen Regionen des Landes:
„Die bisherige Armutsgrenze hat die Zahl der hilfsbedürftigen Leute in ländlichen Regionen unterbewertet. Nur 2,8 Prozent der ländlichen Bevölkerung wurde offiziell als arm eingestuft. Diese Quote war weit niedriger als in vielen entwickelten Ländern wie den Vereinigten Staaten, die eine Armutsquote von rund 15 Prozent haben."
Nach Chinas Änderung der Armutsgrenze werden mehr Menschen von dem Fonds der Regierung zur Armutsbekämpfung abgedeckt werden. Der Fonds wird sich in diesem Jahr auf 27 Milliarden Yuan RMB belaufen, was einer jährlichen Steigerung von 21 Prozent entspricht.
Die 52-jährige Yang Maobao aus einem Ort im Shuicheng Gebiet in der südwestchinesischen Provinz Guizhou, ist eine derjenigen, die von der neuen Politik profitieren wird. Sie zieht gemeinsam mit ihrem Mann drei Enkel groß. Dabei stützt sie sich auf ein jährliches Einkommen von 4.000 Yuan RMB, das die Familie aus dem Verkauf von Getreide und Gemüse erhält. Yangs Leben wurde immer schwieriger nachdem ihr Sohn vor zwei Jahren als vermisst gemeldet wurde und ihr die Schwiegertochter ohne ein Wort die drei Kinder hinterließ.
Kartoffeln und Gemüse bilden die Grundlage ihrer täglichen Ernährung. Fleisch bekommen sie nur zu Feiertagen wie dem Chinesischen Neujahr zwischen die Zähne. Yang Maobao erzählte:
„Wir gehen nur auf den Markt, um Salz und Sojasoße zu kaufen und den kaputten Fernseher von meinem Sohn können wir nicht reparieren, denn dies wäre zu teuer". Und Yang fügt hinzu, dass der Reiskocher das einzige elektrische Gerät der Familie sei.
Der Chefökonom der Weltbank in China Ardo Hansson sagte, dass die Anhebung der Armutsgrenze eine Hilfestellung bieten würde, um die politische Aufmerksamkeit stärker auf die richtige Zielgruppe zu lenken. Mehr ländliche Haushalte würden nun den Zugang zu staatlichen Leistungen und Programmen erhalten. Hansson ergänzte:
„Eine realistischere Armutsgrenze kann auch hilfreich für künftige Umgestaltungen in punkto finanzpolitische Umverteilung und Gleichstellung sein".
Der neue Schwellenwert ist ein weiterer Schritt, um mit dem internationalen Standard gleichzuziehen. Dieser wurde von der Weltbank im Jahr 2008 auf 1,25 Dollar pro Tag korrigiert.
Ranghohe chinesische Führer trafen sich Ende November mit dem Ziel, Maßnahmen gegen eine weitere Öffnung der Wohlstandsschere zwischen den städtischen und ländlichen Gebieten zu diskutieren. Es wurde über einen Leitfaden für den Zeitraum 2011 bis 2020 diskutiert.
Chinas Staatspräsident Hu Jintao äußerte auf dieser Sitzung in einer Rede, die Regierung bemühe sich um die Bereitstellung angemessener Nahrung und Kleidung für die armen Leute. Gleichzeitig solle ihnen der Zugang zur allgemeinen Schulpflicht, zu grundlegenden medizinischen Dienstleistungen und zu Wohnraum bis zum Jahr 2020 ermöglicht werden.
China solle zukünftig die Umweltverträglichkeit bei der Armutsbekämpfung verstärkt einbinden, sagte eine Beamtin des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen im China-Büro, die nicht genannt werden will.
Weiter erklärte sie, dass angesichts der enormen Menschenströme aus ländlichen in städtische Gebiete, der gleiche Zugang zum städtischen Sozialsystem für Migranten und ihre Familien unabdingbar wäre.
Übersetzt von Tabea Nehrbass
Gesprochen von Lü Xiqian



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