Trotz der Sorgen und Hoffnungen der Eltern sowie der Genesungswünsche zahlreicher Menschen ist die kleine Yueyue in der Nacht auf den 24. Oktober im Krankenhaus gestorben. Yueyue wurde nur zwei Jahre alt.
Das Mädchen wurde am 13. Oktober vor einem Markt in Foshan, einer Stadt in der südchinesischen Provinz Guangdong, überfahren. Vor dem Unfall soll das Mädchen von dem Laden seiner Eltern aus auf die Straße gelaufen sein, als die Eltern gerade nicht aufpassten. Was dann folgte, wurde von einer Überwachungskamera aufgenommen. Demnach fuhr zuerst ein Kleinbus auf das Mädchen zu. Die Videoaufnahme zeigt, dass der Fahrer für einen kurzen Moment zögerte, am Ende aber das Kind überfuhr und dann Fahrerflucht beging.
Die nun folgenden sieben Minuten aber sind es, die den Leuten das Herz erst richtig schwer gemacht haben. Unglaubliche 18 Passanten sind an dem blutenden Mädchen vorbeigegangen, und doch hat niemand seine Hände zur Hilfe ausgestreckt. Inzwischen hatte ein zweiter Kleinwagen das schwer verletzte Kind noch einmal überrollt. Ohne überhaupt zu bremsen, fuhr auch der zweite Fahrer davon. Eine 58-jährige Müllsammlerin namens Chen Xianmei war es schließlich, die das Mädchen aufhob. Sie brachte es in Sicherheit und rief Hilfe. Dann kam auch die Mutter dazu und trug die bewusstlose Yueyue ins Krankenhaus.
Dieses Video sowie die Bilder gingen um die Welt und erregten großes Aufsehen, insbesondere im Internet. Manche der Netizens schimpfen auf die zwei Fahrer und die teilnahmslosen Passanten, während andere sich ganz allgemein schockiert über so einen Unfall zeigen. Fragen wie „Was ist los in China?" oder „Wie kann es so viele herzlose Leute geben, die überhaupt kein Mitleid für ihre Mitmenschen haben?" sind heiße Themen, die sowohl in den Online-Foren als auch in Mikroblogs diskutiert werden.
„Ich wusste nicht, dass ich über ein Mädchen gefahren war. Ich dachte, es wäre irgendein Gegenstand. Es war dunkel und ich hatte die Scheinwerfer nicht eingeschaltet", so die Erklärung des ersten Fahrers namens Hu, der sich erst später der Polizei stellte. Auch der zweite Fahrer sowie einige Passanten wollten mit ähnlichen Gründen die Schuld von sich weisen: Sie hätten das Kind nicht bemerkt.
Frau Lin, die mit ihrer fünfjährigen Tochter an Yueyue vorbeiging, räumte ein, dass sie das weinende Mädchen auf der Straße gesehen habe. „Ich habe die Besitzer eines Ladens in der Nähe gefragt, ob sie das Mädchen kennen. Sie sagten 'Nein'. Wenn die anderen nicht wagten, sich um das Mädchen zu kümmern, wieso dann ich?" so die Frau.
Furcht vor einer falschen Anschuldigung ist wohl ein Grund dafür, dass viele Chinesen gegenwärtig den in Not Geratenen keine Hilfe bieten wollen. Ein anderer Vorfall ereignete sich zum Beispiel im Jahr 2008 in der Provinz Henan. Ein Student aus der Stadt Zhengzhou wurde dazu verurteilt, einer alten Frau 79.000 Yuan Entschädigung zu bezahlen, da er beim Radfahren gegen sie gestoßen sei und sie verletzt habe. Dagegen verteidigte sich der Student, der sagte, er habe der Seniorin in Wirklichkeit nach deren Sturz beim Aufstehen geholfen. Für diese Aussage konnte er jedoch keine Beweise liefern.
Ein Internetnutzer schrieb im Mikroblog von Sina, dem chinesischen Pendant zu Twitter, Folgendes zum Vorfall von Yueyue: „Wir wollen schon helfen. Aber wer garantiert, dass wir nicht wegen unserer Gutherzigkeit selbst mit Problemen konfrontiert werden?"
Wu Zhipan, stellvertretender Präsident der Peking-Universität sprach im Mikroblog den Studenten Mut zu: „Helft bitte gestürzten Senioren. Wenn ihr zu Unrecht beschuldigt werdet, bietet euch die Justizabteilung unserer Hochschule juristische Unterstützung. Wenn man euch zu Unrecht verurteilt, dann würde die Hochschule die Entschädigung für euch bezahlen", so der Professor.
Dieses Ereignis hat auch im CRI-Salon, dem Online-Forum der deutschen Webseite von CRI, für Aufsehen gesorgt. Man diskutiert über die moralischen Zustände in der chinesischen Gesellschaft und klagt über den Sittenverfall. Ralf schreibt:
„Hallo liebe Forumsfreunde, die Nachricht ging bei uns durch die Medien und hat in der deutschen Bevölkerung eine große Aufmerksamkeit erzeugt. Yueyue, ein zwei Jahre altes Mädchen, wurde in einer chinesischen Stadt von einem Auto angefahren und dabei schwer verletzt. Sie soll auf der Fahrbahn liegen geblieben sein und niemand hat sich zunächst um sie gekümmert. Selbst die Autos haben Gas gegeben und sind eilig vorbeigefahren. Erst eine 58-jährige, unbeteiligte Passantin, hat das Mädchen später von der Fahrbahn geholt und sich um den Transport in ein Krankenhaus gekümmert. Yueyue ist inzwischen verstorben.
Da stellt sich mir die Frage: Macht der neue Wohlstand in China die Menschen rücksichtsloser?
Meine chinesische Bekannte, die jetzt schon 15 Jahre in Deutschland lebt, berichtete mir auch von einem unverständlichen Erlebnis, das sie kürzlich bei einem Besuch in ihrer Heimat China erlebte. Sie stieg mit ihren beiden Eltern, beide Professoren und über 80 Jahre alt, in einen Linienbus. Alle Sitzplätze waren besetzt, überwiegend von Schulkindern. Kein Kind ist aufgestanden und hat den alten Menschen einen Platz angeboten. Im Gegenteil: Sie lachten nur und sagten laut, die Alten sind Müll.
Ich weiß, die beschriebenen Vorkommnisse sind Einzelfälle, doch zeichnen sie nicht schon eine zunehmende Rücksichtslosigkeit in der chinesischen Gesellschaft ab? Sind die alten Werte, auf die sich die Gesellschaft gründete, verloren gegangen?
Ich bin gespannt, ob die chinesischen Forumsmitglieder mir etwas zu meinen Fragen erklären können."
Zu den Fragen von Ralf schreibt Forumsmitglied Grufti:
„Soviel mir bekannt ist, gibt es in China keine Krankenversicherungen wie in Deutschland. Wenn ärztliche Versorgung notwendig ist, wird diese erst gegen Bargeld gewährt..... Darüber hatte ich auch schon mal früher in diesem Forum berichtet.
Wenn ein Krankenwagen gerufen wird, ist erst einmal derjenige, der den Notruf abgegeben hat, zahlungspflichtig. Damit hütet sich jeder davor, Not leidenden Personen zur Hilfe zu eilen... Denn er riskiert nicht nur, dass er zur Kasse gebeten wird...sondern im schlimmsten Fall als Täter verdächtigt wird.
Es scheint, dass man in China wegen unterlassener Hilfeleistung nicht verurteilt werden kann."
Boraudi ist der Meinung, dass die Gesellschaft moralisch unterzugehen droht.
„Diese Tragödie spiegelt wider, dass die Gesellschaft wirklich krank ist. Nicht einmal Katzen und Hunde sollten so herzlos behandelt werden. Viele Leute sind der Meinung, dass die rasante wirtschaftliche Entwicklung Chinas und die Verbesserung der Lebensumstände zu einem zunehmenden Egoismus und dem Verlust kollektiver Werte geführt hat."
Ralf63 macht nicht den Wohlstand verantwortlich.
„Nein, ich glaube nicht, dass steigender Wohlstand rücksichtsloser macht. Wenigstens fehlt mir dazu jeglicher Anhaltspunkt. Im Gegenteil, man hört immer wieder, dass die Rücksichtslosigkeit gerade unter den sozial am schlechtesten gestellten Gruppen am größten ist.
Ich hätte das Problem eigentlich nur an zwei Fakten festgemacht. Erstens sind die von der Politik in China gesetzten Rahmenbedingungen für die Lebensrettung denkbar schlecht, wenn wie von Grufti erwähnt, der Notarztwagen durch den Anrufer bezahlt werden muss. Da ist doch wohl schon vorprogrammiert, dass man nur bei Verwandten oder guten Bekannten hilft. Zweitens gibt es in den modernen Gesellschaften, also auch in Europa, zu viele Beispiele, wo eben das Helfen nicht richtig wertgeschätzt wird und diejenigen, welche nicht helfen oder gar kriminell werden, relativ gering zur Verantwortung gezogen werden.
Was bei dem aktuellen Ereignis in China viel schwerer wiegt, ist die Kluft zwischen dem Anspruch der sozialistischen Gesellschaft und der harten Realität. Das sollte auch den chinesischen Politikern zu denken geben."
Die Chinesen sind nicht alle rücksichtslos, aber es sind Tendenzen in Richtung einer untergehenden Moral und Apathie in der Gesellschaft vorhanden. Die wirtschaftliche Entwicklung sollte nicht immer der einzige Stolz der heutigen Volksrepublik sein, auf den die Leute viel Aufmerksamkeit und Wert legen. Wir müssen uns noch um viel mehr kümmern. Zum Beispiel um die Moral, das reine Gewissen und die guten Traditionen unserer Nation.
Text von China.org und CRI-Salon
Gesprochen von Lu Shan



Wir über uns





