
Der schwere Schulbusunfall in Zhengning hat die Nerven vieler Chinesen angespannt. In der Gemeinde Yulinzi, wo sich der Unfall ereignet hat, gibt es nur einen Kindergarten, und den besuchen demzufolge fast alle Kinder der Dörfer in der Umgebung. In einem Minibus, der eigentlich nur für neun Personen zugelassen ist, wurden sage und schreibe 64 Kinder transportiert! Der 40-jährige Wu Xianglong ist der Vater des fünfjährigen Wu Boyi, der bei dem Unfall verletzt wurde. Er sagt, er schicke seinen Sohn zu dem Kindergarten, weil er in der Nähe des Elternhauses liege. Viele Kinder müssten täglich so eingepfercht mit einem Minibus fahren, und obwohl viele Eltern dies auch als sehr gefährlich ansehen, schickten sie sie trotzdem weiter mit diesem Bus zum Kindergarten – sie hätten keine andere Wahl, so Wu Xianglong.
Zwar hat die chinesische Regierung schon am 1. Juli 2010 staatliche Sicherheitsvorschriften für Schulbusse eingeführt. Doch ganz offensichtlich werden diese Regelungen nicht immer umgesetzt. Es gibt in China noch viele Orte wie Zhengning, an denen es an Polizei und entsprechenden Kontrollen mangelt. Wegen schlechter Verkehrsverwaltung werden dann viele überfüllte Schulbusse für den Transport von Schul- und Kindergartenkindern eingesetzt.
Im Landkreis Deqing in der ostchinesischen Provinz Zhejiang zeigt die Lokalregierung jedoch, wie es auch gemacht werden kann: die Maßnahmen sind mittlerweile ein Vorbild für ganz China.
Orange-gelbe Lackierung, eine lange Frontnase, ein universaler Rückspiegel und die große Aufschrift „Schulbus" – so sieht ein neuartiger Schulbus im Landreis Deqing aus. 79 dieser Schulbusse sind dort im Einsatz, und nachempfunden sind sie den Bussen in den USA.
Der 25-jährige Bai Shuyan kümmert sich jeden Tag um Schüler, die mit seinem Schulbus fahren, und zwar schon seit drei Jahren:
„Früher fuhren auch wir mit einem Minibus. Es gab da beispielsweise keine Sicherheitsgurte. Wenn der Fahrer stark bremsen musste, war das immer sehr gefährlich. Im neuen Schulbus verfügt jeder Sitz über einen Sicherheitsgurt. Und da sich der Fahrer natürlich nicht um die Kinder hinten kümmern kann, setzen wir noch einen Betreuer ein. Ich fahre also mit, und die Eltern sind sichtlich erleichtert darüber."
Die Fahrt kostet nur zwei Yuan pro Schüler, und die Kinder haben durchaus Gefallen an den neuen Schulbussen:
„Im Sommer ist es im Bus dank der Klimaanlage sehr kühl. Und im Winter ist es warm. Ich fühle mich darin sehr wohl."
Die Regierung von Deqing hat seit 2009 insgesamt 20 Millionen Yuan RMB für die Anschaffung der 79 Schulbusse investiert. Pro Jahr werden zudem noch über vier Millionen Yuan bereitgestellt, um die Betriebskosten zu tragen. Mit den Bussen werden mehr als 6.000 Schüler unter 12 Jahren, darunter auch Kinder von Wanderarbeitern, transportiert. Die verschiedenen Linien führen dabei nicht nur durch die Stadt, sondern auch auf Bergstrassen hinauf in die Dörfer.
Auch die Verkehrspolizei kümmert sich speziell um die Schulbusse in Deqing. So werden ihnen beispielsweise bestimmte Rechte gewährt:
„Wenn die Schulbusse unterwegs zur Schule sind, werden wir Polizisten speziell an den jeweiligen Straßen eingesetzt, um den Verkehr in diesen Gegenden zu kontrollieren. Wenn etwa an einer Haltestelle Autos fahren, halten wir diese an, bis die Schüler sicher in den Bus eingestiegen sind."
Die Verwaltung von Deqing will nun außerdem die gesetzlichen Verkehrvorschriften für Schulbusse überdenken, so der Leiter des Kreis-Bildungsamtes, Ren Guirong:
„Wir überlegen jetzt, wie wir die gesetzlichen Vorschriften für Fahrten von oder zur Schule gestalten können. Sie sollen spezielle Fahrrechte, also Privilege, haben. Die sichere Fahrt von Schulbussen soll gegenüber den anderen Autos im täglichen Verkehr garantiert werden."
Die Wichtigkeit und den speziellen Schutz von Schulbussen schätzt man nicht nur in Deqing, sondern auch in anderen Orten in China. Im März 2011 hat die Gemeinde Lecong in Shunde in der südchinesischen Provinz Guangdong für 2,4 Millionen Yuan sechs Schulbusse mit der charakteristischen „langen Nase" geordert. Seit April sind im Bezirk Zhengdong in Zhengzhou in der zentralchinesischen Provinz Henan vier amerikanische Schulbusse im Einsatz. Und im Mai wurden 60 Schulbusse im Beijinger Stadtbezirk Chaoyang für den Schultransport freigegeben.
Aber bei weitem noch nicht alle Kinder in China haben das gleiche Glück wie die Schüler in Deqing, Lecong, Zhengzhou oder Beijing. In vielen Orten, die noch relativ rückständig sind, mangelt es an einer akkuraten Verwaltung der örtlichen Behörden. Minibusse oder dreirädrige Lastentransporter werden dort noch als „Schulbus" eingesetzt. Auf Staatsebene kann also von einem vollständigen Schulbussystem noch nicht gesprochen werden. Das Modell von Deqing soll aber für ganz China angewandt werden. Und so soll versprochen werden können, dass allen Kindern in China ein sicherer Transport zur Schule angeboten werden kann – um letztenendes auch die Zukunft des Staates zu schützen.
Übersetzt von Liu Xinyue
Gesprochen von Xi Jing



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