
Wir sind im Yuanmingyuan, dem alten Sommerpalast von Beijing. Heute ist es genau 151 Jahre her, als eine französisch-englische Militärexpedition die kaiserlichen Gärten geplündert und verbrannt hat. Und wie wir gerade gehört haben, lässt das Ereignis die Herzen chinesischer Patrioten noch immer höher schlagen.
Es war der Schlussakkord des 2. Opiumkrieges. Der Kaiser war bereits aus Beijing geflohen und eine französisch-englische Militärexpedition wollte mit einer drastischen Geste ihre Überlegenheit demonstrieren und die chinesischen Truppen vom weiteren Widerstand abhalten. So hat der englische Befehlshaber Lord Elgin den Befehl erteilt, die Sommergärten vor den Toren der Stadt zu zerstören.
Sie waren das Prunkstück des mandschurischen Vielvölkerreiches und Sinnbild ihres Herrschaftsanspruchs. Hier gab es Nachbildungen von Gärten aus Südchina und sogar mehrere Schlösser im westlichen Stil – die „Xiyang Lou". Doch in zwei Tagen war der Yuanmingyuan seiner Schätze beraubt und unbewohnbar gemacht.
Professor Wang Daocheng ist ein prominenter Historiker der Qing-Dynastie und einer der bekanntesten Yuanmingyuan-Experten. Seine Forschungen haben gezeigt, dass die Plünderung durch die Briten und Franzosen nur der Anfang einer langen Leidensgeschichte war:
„Während des Boxer-Aufstandes lief in Beijing alles drunter und drüber. Da sind Deserteure, Banditen, örtliche Raufbolde und Sträucher in den Yuanmingyuan gekommen. Sie haben die verbliebenen Gebäude zerstört, alte Bäume gefällt und sie als Holzkohle verkauft. Dieses Mal war die Zerstörung der alten Gebäude und Bäume von Yuanmingyuan praktisch komplett."
Und die Ruinen, die noch da waren, haben die Republikzeit nicht überlebt. Vor allem Politiker und lokale Warlords sonnten sich in dem Glanz der Steine aus dem kaiserlichen Park, mit denen sie ihre eigenen Prachthäuser bauten. Wie ein Reisender in den 1950er Jahren anmerkte, war vor der alten Anlage „nur die Topografie" übriggeblieben.
Wobei nicht einmal das wirklich stimmte. Mit der Zeit haben sich immer mehr Menschen auf dem alten Gelände angesiedelt. Die Hügel erodierten und die Seen und Kanäle versandeten. In den 60er und 70er Jahren wurden sie ganz zugeschüttelt und in Reisfelder verwandelt.
„Nach dem Beginn der Reform- und Öffnungspolitik sind 6.000 Menschen hergezogen. Hier gab es eine Schweinefarm, eine Entenfarm, eine Pilz- und Tofufabrik. Ein Unternehmen lagerte hier Baumaterialien und es gab einen Supermarkt. Als ich das erste Mal hierher kam, da war Yuanmingyuan nichts anderes als ein Dorf."
Erst in den 1980er Jahren wurde Yuanmingyuan unter Denkmalschutz gestellt. Prominente Politiker und Wissenschaftler haben sich für seinen Schutz eingesetzt. Doch bleibt bis heute umstritten, was, wie und im welchen Umfang restauriert werden soll.

Der prominente Germanist Ye Tingfang hat in einem Aufsatz im letzten Jahr geschrieben, dass „die Schönheit des Yuanmingyuan nicht wiederhergestellt werden kann." Renovierung, so der Experte, wäre „eine andere Katastrophe".
Wang Daocheng ist etwas anderer Meinung:
„Ich glaube, dass man die für Yuanmingyuan typischen Gebäude wiederherstellen sollte. Manche glauben, dass der Garten im ursprünglichen Zustand behalten werden soll. Ich glaube, dass man beim Yuanmingyuan auf die ganzen 300 Jahre achten soll. Er hatte sowohl seine Zeit der Glorie als auch seine Zeit der Schande, die beide sichtbar werden sollen."
Ungeachtet der Debatten schreitet die Restaurierung des alten Sommerpalastes langsam aber stetig voran. Es werden Brücken wiedererrichtet, Straßenpflaster gelegt und neue Pavillons gebaut. Touristen lärmen, zücken Fotoapparate und versuchen, sich die vergangene Pracht vorzustellen.

Text von Jörg Pensin
Gesprochen von Xu Wei



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