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Privatsphäre in China
  2011-10-14 09:08:09  cri
 

Ende April wurde ein Foto im chinesischen Mikroblog Sina von vielen Nutzern weitergeleitet: ein Mann hatte darauf seine linke Hand am Steuer seines Wagens und seine rechte Hand - auf der Brust seiner jungen Beifahrerin. Wegen Geschwindigkeitsübertretung wurde dieser Moment von einer Radarfalle aufgenommen. Dabei war das Photo so klar, dass die beiden Beteiligten sofort von Internetnutzern erkannt wurden. Namen und Adressen wurden sogar im Internet veröffentlicht. Am Anfang drehte sich die öffentliche Diskussion ausschließlich um die „außereheliche Beziehung"; später aber wurden Sorgen laut, wie sicher denn eigentlich die Privatsphäre sei?

Nach zweiwöchiger Ermittlung kündigte die zuständige Polizei in Sichuan an, dass das Foto nicht durch die Polizei, sondern möglicherweise durch eine einschlägige Agentur durchgesickert sei. Der Fall ist daraufhin mehr und mehr in Vergessenheit geraten.

Derzeit aber leiden viele Chinesen an der Verletzung ihrer Privatsphäre, insbesondere in der Modelbranche. Meng Liyi ist seit drei Jahren aktiv Model, als sie jedoch noch etwas jünger war, hatte sie einige Male „human body photography" machen lassen. Damit hat ihr Alptraum begonnen:

„Zuvor habe ich einen Vertag mit dem Fotographen und dem Investor unterzeichnet. Die Fotos waren ziemlich freizügig und manche sogar nackt. Später hat der Fotograf aber vertragsbrüchig diese Fotos auf einer Webseite veröffentlicht. Ich war wirklich empört."

In diesem Fall ist Frau Meng zweifellos berechtigt, den Fotografen anzuklagen. Aber sie sagt, junge Models hätten oft keine andere Wahl, als die Wogen zu glätten. Denn einerseits wollen sie nicht bei den Fotografen, die eine einflussreiche Rolle in der Branche haben, anecken; andererseits können sich viele einfach die hohen Anwaltskosten nicht leisten.

Während Frau Meng also die Ungerechtigkeit wohl oder übel schlucken muss, gibt es auch andere, die ihr legitimes Recht auf Privatsphäre verteidigen. Cai Jiming ist Professor für Ökonomie an der Tsinghua-Universität. Im Jahr 2006 schlug er der Regierung vor, die Ferienwoche um den 1. Mai wegen den nur geringen Auswirkungen auf den Tourismus zu streichen. Ein Jahr später wurde zwar sein Vorschlag vom Staatsrat angenommen, allerdings gab es auch viel Empörung. Auf der chinesischen Suchmaschine Baidu wurde sogar ein Link errichtet, wo persönliche Informationen von Cai Jiming veröffentlicht wurden, etwa seine Festnetz- und Handynummer sowie seine E-Mailadresse. Cai Jiming erinnert sich an diese unerträgliche Zeit zurück:

„Das Telefon klingelte tief in der Nacht. Ich ging also ran und wurde auf das Übelste beschimpft. Natürlich konnte ich nicht mehr einschlafen! Als Professor der Tsinghua-Universität und anerkannter Gelehrter bin ich eigentlich an Respekt meiner Mitmenschen gewöhnt. Plötzlich aber fällt man vom Himmel in die Hölle! Man schmähte mich mit unerhörten Wörtern wie „Hund", „Abschaum" und so weiter."

Nach wochenlangen Belästigungen verklagte Cai Jiming schließlich die Suchmaschine Baidu wegen mangelnder Aufsicht. Baidu sei seiner Pflicht zum Schutz der Privatsphäre nicht nachgekommen, begründete der Ökonom seine Anklage. Vier Jahre später, also im vergangenen August, hat Professor Cai seinen Prozess endlich gewonnen. Baidu wurde von einem Beijinger Gericht zu einer Entschädigungszahlung von 100.000 Yuan RMB an den Kläger verurteilt.

Dieser Prozess hat die Alarmglocken bei allen Internet-Anbietern schrillen lassen. Ende Juni 2011 gab es in China etwa 485 Millionen Internetnutzer. Und viele davon geben sich inzwischen mit ihrer Rolle als Informationsempfänger nicht mehr zufrieden. Sie sind zu einem Produzenten und Vertreiber von Informationen geworden. Das stellt die Internet-Anbieter, was den Schutz der Privatsphäre betrifft, vor große Herausforderungen. Dazu Qin Tao, Manager beim bekannten chinesischen Internetforum „Tianya":

„Bei uns muss jedes einzelne Forum von einem Moderator verwaltet werden. Sobald sie regelwidrige Sachen finden, werden entsprechende Maßnahmen ergriffen. Wir überprüfen zudem auch die Arbeit der Moderatoren. Aber oft ist es sehr schwierig, solche Informationen sofort zu löschen. Es gibt mehr oder weniger Verspätungen."

Statistiken zufolge gibt es bisher in knapp 20 Ländern spezielle Gesetze zum Schutz der Privatsphäre. Die meisten von ihnen sind Industrienationen. Im Vergleich dazu wurde dieses Thema in China erst relativ spät aktuell. In diesem Bereich hat die Legislative in China also noch einen langen Weg zu gehen.

Übersetzt und gesprochen von Zhu Liwen

Forum Meinungen
• mengyingbo schrieb "Leben in Changshu"
seit etwas über einer Woche ist nun Changshu 常熟 in der Provinz Jiangsu 江苏 meine neue Heimat - zumindest erstmal für rund 2 Jahre.Changshu (übersetzt etwa: Stadt der langen Ernte) liegt ungefähr 100 km westlich von Shanghai und hat rund 2 Millionen Einwohner, ist also nur eine mittelgroße Stadt.Es gibt hier einen ca. 200m hohen Berg, den Yushan 虞山 und einen See, den Shanghu 尚湖...
• Ralf63 schrieb "Korea"
Eine schöne Analyse ist das, die Volker20 uns hier vorgestellt hat. Irgendwie habe ich nicht genügend Kenntnisse der Details, um da noch mehr zum Thema beitragen zu können. Hier aber noch einige Punkte, welche mir wichtig erscheinen:Ein riesiges Problem ist die Stationierung von Soldaten der USA-Armee in Südkorea...
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