
In China gibt es täglich rund 5.000 Scheidungen. Aber nun sorgt ein Online-Rechner dafür, dass sich viele Paare zweimal überlegen, ob sie ihre Ehe auflösen. Englischsprachige Websites wie „My Divorce Calculator" oder chinesische Versionen wie „Bailixia Forest Divorce Calculator" haben regen Zulauf von Scheidungswilligen, die wissen wollen, wieviel Geld auf dem Spiel steht.
Si Pengfei arbeitet als Anwalt in der Kanzlei Beijing Longping. Seiner Erfahrung nach hat der sprunghafte Anstieg von Scheidungen bei Zwanzig- und Dreißigjährigen unterschiedliche Ursachen.
„Es gibt einige Ursachen, die in China zu Scheidungen führen. Hauptsächlich Untreue, schlechte Kommunikation, das Leben in unterschiedlichen Städten und der stressige Alltag. Besonders die Leute in den Dreißigern lassen sich aus finanziellen Gründen scheiden, wegen Untreue oder weil sie lange Zeit weit entfernt voneinander gelebt haben. Diese Altersgruppe ist außerdem sehr impulsiv, wenn es um Scheidung geht."
Es mag schon sein, dass sie überarbeitet sind und ihre Ehe zu schnell aufgeben. Aber es gibt auch andere Gründe. Der Kanadier Dr. Rick Ruiter arbeitet seit 25 Jahren als Eheberater, seit sieben Jahren lebt er in China. Er glaubt, dass die Generation der Einzelkinder Probleme mit Beziehungen hat.
„Diese Kinder sind von ihren Großeltern aufgezogen worden, sehr einsam und ihnen wurden keinerlei Fähigkeiten beigebracht. Alles wurde für sie erledigt. Wenn sie also ins heiratsfähige Alter kommen, werden sie von ihren Eltern, der Regierung und anderen unter großen Druck gesetzt, zu heiraten. Sie tun dies, jedoch ohne Lebenserfahrung."
Der Druck ist ein Problem. Aber Ruiter meint, dass die Kommunikation nach den Flitterwochen ein noch viel größeres Problem darstellt. Da die Paare im Alltag oft nicht viel Zeit haben, ihre Konflikte auszutragen, erscheint es einfacher, sich zu trennen, wenn es gerade nicht so gut läuft.
Suchen sie dann im Internet nach Informationen über Scheidung, stoßen sie auf chinesische Websites wie „Wulumqi Online". Huo Yanwen ist die Herausgeberin von „Wulumqi Online" und erklärt, warum sie Informationen, Foren, den Scheidungs-Rechner und andere Materialien bereitstellt.
„Es gibt folgendes alte chinesische Sprichwort: „Im Leben ist es schwer, die richtigen Menschen zu treffen. Also schätze die, die du hast." Heutzutage werden jedoch viele schon wegen kleiner Streitigkeiten ungeduldig mit ihrem Ehepartner oder haben ihre Ehe satt. Ich hoffe, dass diese Website sie dazu bringt, sich zu beruhigen und über ihre Ehe nachzudenken. Zumindest über die finanzielle Seite."
Dang Yongzhong hat die Website „Forest Divorce Calculator" erstellt, da englischen Sites mit Scheidungs-Rechnern für viele chinesische Paare zu kompliziert und schwer verständlich sind. Er hat eine chinesenfreundliche Version gebaut, mit dem Ziel, die Nutzer daran zu erinnern, dass man bei einer Scheidung nicht nur Liebe, sondern auch Geld verliert.
Eine Scheidung an sich ist gar nicht mal so teuer. Aber die Aufteilung des Eigentums geht ins Geld. Der Scheidungs-Rechner fragt Informationen über die finanzielle Situation des Ehepaares ab, über die Wohnsituation, Immobilien, Autos und ähnliches. Si Pengfei mahnt jedoch zu bedenken, dass die Zahlen nur Schätzungen sind.
„Wenn ein Ehepaar in Beijing ein Haus im Wert von ungefähr 1,5 Millionen Yuan besitzt, kostet es etwa 3.000 Yuan, es vor Gericht aktenkundig zu machen. Die Anwaltskosten betragen etwa 10.000 Yuan, die Schätzung des Gesamteigentums schlägt mit höchstens 15.000 Yuan zu Buche. Zusammen sind das mindestens 20.000 Yuan. Die meisten Ehepaare haben Eigentum im Wert von 1,5 bis 3 Millionen Yuan. Die Anwaltsgebühren betragen zwischen 10.000 und 20.000 Yuan. Zählen Sie das zusammen, kommen sie auf rund 20.000 Yuan Scheidungsgebühren."
Ruiter meint jedoch, dass ein Scheidungs-Rechner, der Paaren so viel Angst einjagt, dass sie zusammenbleiben, weil sie unvorteilhafte Scheidungsvereinbarungen fürchten, auch nicht das Gelbe vom Ei sei. Eine Ehe erfordere mehr, als nur den Willen, zusammen zu bleiben.
„Es ist gut, wenn Paare sich dazu entschließen, zusammenzubleiben. Denn dann müssen sie an ihrer Beziehung arbeiten. Lassen sie sich scheiden, wie es viele machen – und ich finde, dass dies immer der letzte Schritt sein sollte – wiederholen sie ihr Muster immer und immer wieder. Falls sie nicht an sich arbeiten, an ihrer persönlichen Reife und Entwicklung, wiederholen sie den ganzen Prozess nur. Daher bin ich der Meinung, dass es besser ist, zusammen zu bleiben und an sich zu arbeiten, zu wachsen und sich zu entwickeln, um die Beziehung wieder ins Laufen zu kriegen."
Leider ist das Aufarbeiten von Problemen leichter gesagt als getan. Geld kann vielleicht keine Liebe oder Glück kaufen. Aber vielleicht ist die Angst vor dem Verlust von Geld genau der Anstoß, den einige Paare brauchen, um ihrer Ehe eine zweite Chance zu geben.
Übersetzt und Gesprochen von Stephanie Karraß



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