An was denken Sie bei dem Wort „Kung Fu"? Ich glaube, die Antworten darauf sind bestimmt vielfältig. Die meisten Chinesen denken an den Shaolin Tempel, während Bruce Lee den meisten Ausländern vertrauter vorkommt. Durch seine Filme hat er dem Ausland präsentiert, was „Kung Fu" bedeutet. Durch den Shaolin Tempel können ausländische Kung Fu-Fans aber am eigenen Leib erleben, wie man die Kampfkunst erlernt. Unsere Deutschland-Korrespondenten Kong Jie und Yin Fan in Deutschland haben sich einmal im Shaolin Tempel in Berlin umgesehen.
Der einzige Ableger des weltberühmten Songshan Shaolin Tempels in Deutschland befindet sich in der Bundesallee 215 in Berlin. Der Bau ist zwar auf den ersten Blick typisch chinesisch, sieht aber nicht wie ein Tempel in China aus, sondern eher wie ein Teehaus. Beim Betreten wird eines sofort klar: Bei dem wundersamen Gebäude handelt es sich um ein wahres Paradies für Kung Fu-Fans. Die Kung Fu-Schüler lernen in spezieller Übungskleidung vom Kung Fu-Meister aus dem Shaolin Tempel der chinesischen Provinz Henan. Im Hintergrund läuft Entspannungsmusik. In dem zweistöckigen Gebäude gibt es zwei Übungsräume.
Großmeister Shi Yongchuan wurde vor 41 Jahren in eine buddhistische Familie geboren. Seine Eltern sind beide aufrichtige Buddhisten. Da seine Familie nicht weit von dem Shaolin Tempel wohnte, half er seit seinem sechsten Lebensjahr oft im Tempel aus. Mit 16 wurde er nach der Tonsur offiziell ein Mönch. Danach lernte er sechs Jahre in der Buddhismusakademie buddhistische Schriften. Zudem reiste er durch ganz China, um seinen Glauben zu verbreiten. Im Jahr 2001 nahm er die Aufgabe auf sich, in Berlin einen Ableger des bekannten Shaolin Tempels zu errichten. Die Idee dazu habe er von einem deutschen Lehrling bekommen.
„Das nennt man im Buddhismus „Yuan Fen", also auf Deutsch etwa „vorherbestimmte Verbindung". Vor zehn Jahren gingen nur sehr wenige Ausländer in den Shaolin Tempel, um Kung Fu zu lernen. In Europa gab es schon viel Interesse an Kung Fu. Doch entweder hatten die Leute keine Zeit, oder kein Geld, nach China zu kommen, um Kung Fu zu lernen. Demnach war es eine gute Idee, die Shaolin Kultur nach Europa zu bringen. Natürlich gehört die Shaolin Kultur nicht nur uns. Wir haben auch die Pflicht, sie zu verbreiten."
Von 2001 bis heute hatten die Kung-Fu-Meister aus Henan insgesamt über 5.000 Schüler. Derzeit besuchen täglich über 100 Berliner die Kung Fu-Kurse, und zwar in verschiedenen Gruppen: eine Kindergruppe für Kinder zwischen sechs und zwölf, eine Gruppe für Jugendliche zwischen zwölf und 16 und eine Erwachsenengruppe.
Meister Shi hofft auf ein eigenes Haus, wo er sich mit seinen Kollegen auf die Lehren des Kung Fu konzentrieren kann. Jetzt müsse man sich aber jeden Monat wegen der Mieten sorgen. Er habe noch nie gehört, dass in China ein Tempel Miete zahlen muss.
„Bis heute sind wir Untermieter. Das mag ich nicht gerne. In China gibt es keinen Tempel, der seinen Sitz mietet. Mein Ziel ist, dass wir zukünftig einen eigenen Ort haben, egal ob groß oder klein. Wir könnten dann dort ohne Sorgen leben."
Marcus Fuhrmann kommt regelmäßig in den Shaolin Tempel in Berlin. Er ist Obstverkäufer. Vor zehn Jahren erfuhr er zufällig über das Radio von dem Shaolin Tempel in Berlin. Als Kung Fu-Fan meldete er sich sofort an und wurde einer der ersten Schüler des Tempels. Fuhrmann gibt zu, dass das Training sehr hart war. Doch durch die vielen Jahre habe er die richtige Bedeutung von Kung Fu begriffen.
„Man muss sehr, sehr viel Geduld haben und viele Schmerzen ertragen können. Am Anfang ist es doch sehr, sehr schwierig, weil es ja für den Körper eine große Umstellung ist. Es ist sehr hart. Mir tut es halt, es ist unheimlich gut für meinen Körper, für meinen Geist, wenn ich das mache, weil ich halt sehr viel arbeite. Und wenn ich dann zum Kung Fu gehe oder zum Qi Gong, dann hilft mir das über den Tag hinweg trotzdem noch fit zu sein und nett zu sein. Weil durch die viele Arbeit wird man doch – stauen sich viele Aggressionen und Unruhe auf und das kann man hier gut abbauen. Für mich bedeutet das wirklich: der Körper und der Geist. Also, dass der Körper natürlich stärker wird, auch der Geist wird sehr viel stärker, vor allem ruhiger."
Seitdem er sich mit Kung Fu beschäftigt, interessiert sich Marcus Fuhrmann auch immer mehr für die chinesische Kultur. Er hat auch schon angefangen, einfache chinesische Schriftzeichen zu lernen. Im kommenden Jahr werde er mit seinen zwei Kindern zum Songshan Berg nach Henan reisen, um den Muttertempel zu sehen.
Das Schriftzeichen „Wu", was „Kung Fu" bedeutet, wurde aus zwei anderen Zeichen zusammengesetzt, nämlich „Zhi" und „Ge", was wiederum für „Waffenstopp oder Kriegsende" steht. Deshalb sollten alle Kung Fu-Schüler wissen, dass diese traditionelle Kampfkunst eigentlich nicht dem Kampf dient.



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