Man kann es wahren, verlieren, gewinnen und jemand anderem geben – Mianzi, Gesicht. Es ist ein wichtiger Teil der chinesischen Kultur. Aber sogar Ausländer, die schon jahrelang in China leben sind oft unsicher wie man sich verhalten soll, was man und wie man es sagen kann. Was steckt also hinter dem Gesicht und was soll all der Wirbel darum?
In China gibt es, wie in jeder Gesellschaft unausgesprochene Regeln. Do´s und don´ts. Man kann schnell unabsichtlich dafür sorgen, dass ein anderer sein „Gesicht verliert". Mianzi umfasst ganz unterschiedliche Gefühle und Begriffe, wie Stolz, Verlegenheit, Beschämung, Schmeichelei oder Bescheidenheit.
Glücklicherweise gibt es Leute, die Nicht-Chinesen das Konzept des „Gesichts" näher bringen. Luo Weijia ist Lehrerin für chinesische Sprache und Kultur an der Hutong School in Beijing. Sie versucht, Ausländern diesen komplexen Teil der chinesischen Kultur näher zu bringen.
„Das „Gesicht" steht für den Ruf und die Position einer Person. Ich bin der Meinung, dass es einer der wichtigsten Punkte in der chinesischen Kultur ist. Es ist fast so etwas wie das zweite Leben der Chinesen."
Das hört sich doch eigentlich ziemlich einfach an. Wir versuchen im Westen ja schließlich auch, unsere Würde zu wahren, oder nicht? Niemand wird gerne bloßgestellt. Mianzi jedoch geht darüber hinaus.
Fabrizio Franciosi aus Rom ist etwa seit einem Jahr in Beijing und lernt an der Hutong School Chinesisch. Er meint, soziale Regeln und Normen seien in der italienischen Kultur wesentlich offensichtlicher. Daher sei er in China viel vorsichtiger.
„In China ist es anders. Die Regeln sind strenger, man muss sich also an ein paar grundsätzliche chinesische Traditionen halten."
Im Westen macht man gerne Witze über sich selbst und andere. Es ist nicht schlimm, wenn man vor anderen über sich selber lacht. In China geht das häufig nicht. Man kann sein Gesicht sogar ganz aus Versehen verlieren.
Die Beijingerin Liang Cheng hat lange Jahre in den USA gelebt und ist gerade erst zum Studieren nach China zurückgekehrt. Ihre chinesischen Freunde verstehen nicht, wie ein Westler absichtlich sein Gesicht verlieren kann.
„Sagen wir ich bin Amerikanerin und sitze neben einem chinesischen Freund. Plötzlich höre ich etwas in den Nachrichten. Zum Beispiel über Amerikaner, die sich meiner Meinung nach dumm verhalten haben. Aber er kennt die Zusammenhänge nicht. Und ich sage: „Oh, schau mal. Amerika geht echt den Bach runter." Er würde mich wahrscheinlich erstaunt anschauen. Darüber redet man nicht und erst recht redet man so nicht über sein Land. Man macht keine Witze darüber. Es ist eine ernste Angelegenheit."
Es kann auch heikel sein, jemanden direkt auf etwas anzusprechen. Michael Cain aus North Carolina ist seit zwei Jahren in Beijing, um chinesische Sprache und Kultur zu studieren. Damals dachte er, das „Gesicht" sei eng mit dem Ego verbunden. Mittlerweile hat er gelernt, dass man das „Mianzi" berücksichtigen muss, wenn man gute Geschäfte machen will.
„Ich glaube wir als Westler sind viel direkter. Und in China kann Direktheit schnell zu einem Gesichtsverlust führen. Wenn man als ausländischer Manager mit einheimischen Arbeitskräften zusammenarbeitet, kann ein direktes Vorgehen bei den Chinesen zu einem Gesichtsverlust führen. Vor allem, wenn man jemanden beispielsweise vor anderen fragt: „Warum sind Sie zu spät? Warum haben Sie das so gemacht und nicht anders?" Dies führt dazu, dass der Mitarbeiter bei seinen Kollegen an Ansehen verliert."
Bezogen auf die Arbeit heißt das, so Luo Weijia, dass Gruppenfeedback in China schnell als öffentliche Kritik wahrgenommen werden kann. Oft ist es auch so, dass Leute, die ihr Gesicht wahren wollen, ihre Fehler nicht gerne zugeben. Eine von Luos Studentinnen hat oft Probleme damit.
„Sie arbeitet bereits seit drei Jahren hier und kann sich normalerweise schnell auf alles einstellen. Daher kommt sie mit ihren Kollegen auch gut zurecht. Aber an eine Sache kann sie sich nicht gewöhnen. Ihre Kollegen können nie zugeben, dass sie einen Fehler gemacht haben. Sie tun, als sei nichts passiert. Das nervt sie ziemlich."
Manchmal kann die fehlende Kenntnis der Regeln dazu führen, dass man bei Banketten oder auf Reisen andere das Gesicht verlieren lässt. Dummerweise ist es manchmal schwer zu wissen, wie man sich am besten verhält. Michael Cain hat dies schon öfter erlebt.
„Ich bin schon oft mit Chinesen essen gewesen. Sie bieten an, zu zahlen und man sagt „Nein, nein". Aber dann bestehen sie drauf. Eigentlich sollte man selber zahlen, aber das geht in dem ganzen „wer gibt wem Gesicht" unter. Mir ist es schon passiert, dass ich sie habe zahlen lassen, obwohl eigentlich ich hätte zahlen sollen, um ihnen Gesicht zu geben. Und ich habe auch schon Leute in runtergekommene Läden geschleppt, die ich cool fand, obwohl es eigentlich angebracht gewesen wäre, sie in ein teures edles Hong-Kong-Restaurant einzuladen."
Auch im Unterricht gibt es unausgesprochene Regeln. Stellen ausländische Studenten den Lehrer infrage, kann es dazu führen, dass er das Gesicht verliert. Luo unterrichtet eine kleine Gruppe von Ausländern und meint, dass es auch ihr manchmal schwer falle, sich daran zu gewöhnen.
„In China genießen Lehrer großen Respekt. An der Schule oder an der Uni hätte ich nie zu meinem Lehrer gesagt: „Ich glaube ihnen nicht oder ich glaube nicht, dass sie recht haben. Ich sehe das anders." Aber manchmal, wenn wir in meinem Kurs über ein Problem sprechen, korrigieren mich meine Studenten. Ich fühle mich dann oft ein bisschen bloßgestellt vor der Klasse. Aber für Ausländer ist es normal zu sagen: „Das stimmt nicht, ich bin anderer Meinung." Für Chinesen ist das komisch. Es ist also besser, etwas vorsichtiger zu sein."
Das heißt aber nicht, dass man ständig Angst davor haben muss, die Chinesen zu verletzen. Schließlich, so Luo, erwarte niemand, dass ein Ausländer alle Regel kennt. Glücklicherweise sehen die meisten Chinesen darüber hinweg, auch wenn sie vielleicht etwas verwirrt sind.
Es ist halt eine andere Kultur. Einiges geht beim Übersetzen verloren, manchmal eben leider auch das Gesicht.
Übersetzt von Stephanie Karraß
Gesprochen von Zhu Liwen



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