In vielen chinesischen Gemeinden trifft man auf Menschen mit roten Armbändern, die durch die Straßen patrouillieren und für Sicherheit sorgen. Dabei handelt es sich keineswegs um Polizisten oder Sicherheitspersonal. Doch genau wie diese bringen sie den Anwohnern ihrer Heimatstädte Sicherheit und Ordnung, während sie sich selbst Gefahren aussetzen. Für den folgenden Beitrag haben wir ein Mitglied einer solchen Nachbarschaftswache in der Stadt Haining in der ostchinesischen Provinz Zhejiang für einen Tag begleitet.
Es ist neun Uhr abends, und im Bezirk Yuanhua der Stadt Haining im ostchinesischen Zhejiang versammeln sich die Mitglieder einer Nachbarschaftswache zur Patrouille. Unter ihnen befindet sich auch ein Mann mittleren Alters, dessen Akzent erkennbar von jenem der Lokalbevölkerung abweicht. Sein Name lautet Jin Litang, und ursprünglich stammt er aus der Umgebung der regierungsunmittelbaren Stadt Chongqing im Südwesten des Landes.
„Als ich hier in meiner neuen Heimat ankam, wollte ich etwas zur Region beitragen. Also habe ich mich dieser Patrouille angeschlossen."
Unweit seiner Heimat wurde 1992 das weltweit größte Bauprojekt für Wasserkraft begonnen – der Drei-Schluchten-Staudamm. Seither liefert er günstige Elektrizität und verhindert Fluten und Dürren in den angrenzenden Gebieten. Doch mit der Inbetriebnahme des Dammes 2001 wurden auch 130 Städte und Gemeinden in der Provinz Hubei und im Umkreis der regierungsunmittelbaren Stadt Chongqing überflutet. Insgesamt 1,2 Millionen Anwohner mussten aus ihrer angestammten Heimat evakuiert und in andere Teile des Landes umgesiedelt werden.
Die Familie Jin Litangs gelangte 2001 nach Haining. Nach ihrer Ankunft half ihnen die Lokalregierung nicht nur bei der Wohnungssuche, sondern versah Jin auch mit einer Stelle bei einem örtlichen Lebensmittelproduzenten. Schon nach einigen Jahren hatte sich Jin Litang an das Leben vor Ort gewöhnt. Um seiner Dankbarkeit gegenüber seiner neuen Heimat Ausdruck zu verleihen, meldete er sich im Oktober 2008 freiwillig für die Nachbarschaftswache. So wollte auch er einen Beitrag zur Sicherheit seiner neuen Mitbürger leisten.
„Normalerweise patrouilliere ich zwischen 9 und 3 Uhr nachts. Wenn es in der Fabrik gerade nicht viel zu tun gibt, kann ich den Vormittag frei nehmen. Aber morgen gibt es viele Aufträge, ich muss um 7 Uhr aufstehen und den ganzen Tag arbeiten."
Seine Arbeit bei der Nachbarschaftswache ist dabei rein freiwilliger Natur und bringt keinerlei Vergünstigung oder Bezahlung mit sich.
Es ist 10 Uhr, als Jin und fünf seiner Kollegen im starken Regen einen Radfahrer mit einem verdächtigen großen Bündel ausmachen.
„Wir haben ihn zum Anhalten aufgefordert, aber er hat sich geweigert und ist an unserer Kontrollstation vorbeigefahren. Wir haben dann so schnell wie möglich die Verfolgung aufgenommen."
Nach kurzer Zeit stellt sich der Verdächtige aus Angst. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem Inhalt des Bündels um eine größere Menge Birnen. Entgegen seiner anfänglichen Beteuerung, die Birnen seien gekauft, gesteht er auf der Polizeiwache schließlich, sie von lokalen Bauern gestohlen zu haben.
Trotz gelegentlicher Gefahren sei er mit seiner Freiwilligenarbeit zufrieden, so Jin. Er sei froh, die gestohlenen Früchte ihrem rechtmäßigen Besitzer zugeführt zu haben.
Schließlich, um 3 Uhr in der Nacht, wenn seine Mitbürger längst tief und fest schlafen, beendet auch Jin seine Patrouille. Bevor er seinen Dienst in der Fabrik antreten muss, bleiben ihm noch einige Stunden Schlaf.
Shen Junjie, der Leiter dieser Nachbarschaftswache, ist beeindruckt von Jin Litangs Engagement.
„Unsere Truppe hat pro Monat etwa sechs Einsätze. Wenn wir eine Patrouille organisieren, sagen wir ihm Bescheid, und fast immer übernimmt er den Dienst. Obwohl das häufig dazu führt, dass er nur drei oder vier Stunden Schlaf hat, beschwert er sich nie."
Für Jin Litang bedeuten die Einsätze eine spirituelle Erfüllung.
„Ich habe schon das Gefühl, dass sich die öffentliche Ordnung mit jedem Tag verbessert. Früher wurden hier häufig Fahrräder gestohlen, aber in den letzten Jahren ist die Zahl dieser Vorfälle deutlich zurückgegangen."
Inzwischen können die Jins auf ein Jahrzehnt in ihrer neuen Heimat Haining zurückblicken. Obwohl er noch immer den Akzent seiner Heimat in Chongqing trägt, sieht sich Jin Litang selbst als Einwohner Hainings.
„Ich glaube, dass ein hart arbeitender Mann überall ein Auskommen finden kann. Allgemein ließe sich aber vielleicht sagen, dass die Menschen in Chongqing ein bisschen hedonistischer sind. In Haining sind sie dagegen fleißiger und arbeiten härter. Diese Einstellung hat mich sehr inspiriert."
Wie uns Jin zum Abschied erklärt, fühlt er sich in seiner neuen Heimat sehr wohl und ist davon überzeugt, dass er in Zukunft ein noch besseres Leben führen wird.
Übersetzt und gesprochen von Lucas Göpfert



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