Wir befinden uns im Dorf Henanzhang im Kreis Huimin der Provinz Shandong. Der Name des 300-Seelen-Ortes leitet sich von einem alten Fluss her, in dessen Norden das Dorf liegt. Besonders bekannt sind die Dorfbewohner, die nahezu alle den Familiennamen Zhang tragen, für ihre Lehmskulpturen. Von der Geschichte der Lehmfiguren aus Henanzhang weiß der lokale Künstler Zhang Kai zu berichten:
„Die Herstellung von Lehmskulpturen kann in unserem Dorf auf eine Geschichte von mehr als 500 Jahren zurückblicken. Die verwendeten Techniken sind seit der Regierungszeit des Ming-Kaisers Xuande und damit über 22 Generationen lang überliefert worden."
Bis in die 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein waren fast alle Anwohner Henanzhangs jeder Altersklasse in der Lage, Lehmskulpturen anzufertigen. Zu jener Zeit wurden die Figuren nicht als Kunsthandwerk betrachtet, sondern als Nebenerwerbsquelle für arme Bauern. Die Rohlinge für die Figuren wurden in den landwirtschaftlichen Ruhephasen hergestellt und in der winterlichen Zeit vor dem chinesischen Neujahr bemalt, bevor sie auf den Märkten verkauft wurden.
Besonders auffällig ist die große Themenvielfalt der hiesigen Skulpturen. Gerne aufgegriffen werden Szenen aus Opern, mollige Kleinkinder, Tiere, aber auch Obst und Früchte. Allgemein sind die Lehmfiguren aus Henanzhang von schlichter Gestalt und zugleich farbenprächtig. Es sind die Wünsche der Bevölkerung und die Hoffnung auf ein glückliches Leben, die in ihnen zum Ausdruck kommen.
Früher war es in dieser Region Sitte, dass ein frisch vermähltes Ehepaar die Lehmfigur eines Kleinkindes in ihrem Haus aufstellte, wie uns der Volkskundler Zhang Xianqing mitteilt. Damit wollte man um Glück und zahlreichen Nachwuchs bitten.
„Unvollständigen Statistiken zufolge gab es früher in dieser Gegend vier, fünf Tempel. Junge Ehepaare gingen dort oft zum Gebet und kauften dann auf dem Markt ein Lehmbaby. Diese Lehmfigur wurde dann mit einem im Tempel erworbenen roten Faden angebunden und nach Hause mitgenommen. So bat man darum, dass im Folgejahr ein Kind in die Familie hineingeboren wird."
Aufgrund der aufwendigen Produktion und der zahlreichen Arbeitsschritte fällt das tatsächliche Einkommen aus der Lehmfigurenherstellung nicht besonders hoch aus. Mit dem Handwerk allein lässt sich daher kein Lebensunterhalt bestreiten. Es sei daher die Sorge um das Verschwinden dieser Volkskunst, die ihn dazu antreibt, auch weiterhin Lehmfiguren herzustellen, wie Künstler Zhang Lianhua mitteilt.
„Die Techniken der Lehmfigurenherstellung muss auch weiterhin von Generation zu Generation überliefert werden. Wir dürfen diese Volkskunst keinesfalls aussterben lassen."
Wie viele andere Formen der Volkskunst sind auch die Lehmfiguren Henanzhangs mit großen Herausforderungen konfrontiert. Die Anzahl der verkauften Figuren hat in den letzten Jahren deutlich abgenommen, die Produktion stagniert. Gegenwärtig gibt es nur noch ein Dutzend Haushalte in Henanzhang, in denen die Herstellung professionell betrieben wird. Zudem ist der überwiegende Teil der Künstler vergleichsweise alt. Aus verschiedenen wirtschaftlichen und kulturellen Gründen haben sich die Techniken zur Produktion der Skulpturen kaum weiterentwickelt. Daher können die kleinen Figuren nicht mehr mit den qualitativen und ästhetischen Anforderungen unserer Zeit Schritt halten. Zudem werden die Lehmskulpturen nur einmal jährlich am zweiten Tag des zweiten Monats im chinesischen Mondkalender verkauft. Das Einkommen aus diesem Geschäft ist entsprechend gering und liegt weit unter dem, was die Bauern in den Städten verdienen könnten. So geben immer mehr Haushalte Henanzhangs den traditionellen Nebenerwerb auf.
Der eingangs erwähnte Zhang Kai gehört zu den Besten seiner Zunft. Bereits sein Vater Zhang Bing'ao hatte sich mit seinen Lehmfiguren einen Namen verdient. Obwohl er mit seiner Arbeit nicht viel verdienen kann, ist Zhang Kai nicht bereit, das Handwerk seines Vaters aufzugeben. Deshalb bringt er noch immer jedes Jahr zahlreiche Werke hervor.
Inzwischen gewinnt der Schutz der Figuren aus Henanzhang immer größere Aufmerksamkeit. Hierzu meint Volkskundler Zhang Xianqing:
„Schutz und Weiterentwicklung der hiesigen Lehmfiguren muss wie folgt vonstatten gehen: An erster Stelle müssen Nachwuchskräfte ausgebildet werden. Momentan sind es vor allem alte Künstler, die in dieser Branche arbeiten. Junge Menschen haben kaum Interesse an diesem Beruf. Zweitens müssen die Lehmfiguren gemeinsam mit anderen Elementen der lokalen Volkskunst wie Scherenschnitte und Neujahrsbilder zu touristischen Produkten ausgebaut werden."
Inzwischen haben die 500 Jahre alten Lehmfiguren aus Henanzhang Eingang in die nationale Liste zum Schutz des immateriellen Kulturerbes gefunden. Nun gilt es, Maßnahmen zur Bewahrung dieses Kulturgutes auf den Weg zu bringen.
Um den benötigten Nachwuchs für das traditionelle Kunsthandwerk zu gewinnen, soll die Herstellung von Lehmfiguren auf Beschluss der lokalen Bildungsbehörden an den Schulen unterrichtet werden. Zu diesem Zweck wurde Zhang Kai dazu eingeladen, den Schülern sein Handwerk näher zu bringen. Es bleibt also zu hoffen, dass die traditionellen Figuren unter den Händen der jungen Generation zu neuer Lebenskraft erweckt werden können.
Text und gesprochen von Xiao Lan



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