
(„Die Seidenstraße")
Die 30 Jahre der Reform und Öffnung chinesischer Fernsehdokumentarfilme sind in drei Phasen zu teilen. Die erste Phase ist zwischen Ende der 1970er und Ende der 1980er Jahre anzusiedeln. Von Gründungsbeginn der Volksrepublik bis zum Anfang der Reform und Öffnung wurden vor allem Einzeldokumentarfilme in China produziert. Erst im Juni 1979 kam es zur ersten Fernsehdokumentarfilmserie „Die Seidenstraße", eine Koproduktion des chinesischen Fernsehsenders CCTV und des japanischen Senders NHK. Seitdem wurden ständig weitere Fernseh-Dokumentarserien produziert. „Die Seidenstraße" war die erste großangelegte Fernsehserie dieser Art in China und zugleich ein durch Erfolg gekröntes Projekt. Sie zeichnete sich durch immense zeitliche und räumliche Ausdehnung, eine Vielzahl an Motiven und geschichtlichen Figuren aus.
Zwischen August und Oktober 1983 wurde „Hua Shuo Chang Jiang", „Der Yangtze", von CCTV ausgestrahlt. Die Produktion, bestehend aus 25 Serien, gilt als ein weiteres bedeutendes Werk nach „Die Seidenstraße". Zum ersten Mal hatte man in China den Versuch gestartet, in Fernsehserien Stammmoderatoren einzuführen, die direkt vor Zuschauern moderierten.

(„Hua Shuo Chang Jiang")
Bei „Hua Shuo Chang Jiang" handelte es sich um die erste in China eigenständig produzierte Fernseh-Dokuserie. Neun Monate lang wurde sie dauerhaft von chinesischen Fernsehsendern ausgestrahlt und fand im Handumdrehen guten Anklang beim Publikum.
Aufgrund konkurrierender Fernsehkunstformen Ende der 1980er Jahre kam es zu einer rückläufigen Produktion von Fernsehdokumentarfilmen. Erst in den 1990er Jahren traten sie in die zweite Entwicklungsphase ein. Den Wendepunkt signalisierte der Doku-Film „Wang Chang Cheng", „Auf die Große Mauer schauen".
Im November 1991 brach der Film jegliche Rekorde an Einschaltquoten im Bereich der Fernseh-Dokufilme. Es handelte sich dabei um eine weitere Ko-Produktion von chinesischen und japanischen Fernsehsendern. Mit Interviews über einfache Bürger inner- und außerhalb der Großen Mauer sowie authentischen Aufzeichnungen wurde zum ersten Mal ein eindeutiger und realistischer Charakter chinesischer Dokumentarfilme gezeigt. Daher galt der Film als ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der chinesischen Fernsehdokumentarfilme.
In früheren Dokumentarfilmen spielten die Szenen und Bilder die Hauptrolle, die eine Entwicklung der objektiven Welt nahezu ohne subjektive Eingriffe widerspiegelten. Die Synchronstimmen, die schöne Naturlandschaft, Gespräche vor Ort, die Folge- und Langbilder bilden einen einzigartigen Stil des Films. Seitdem ist der realistische Stil in chinesischen Dokumentarfilmerkreisen Mode.
Während dieser Phase boomte die Produktion von Fernsehdokumentarfilmen. Die zentralen und lokalen Fernsehsender richteten nacheinander feste Rubriken für Dokumentarfilme ein, was zu einem wichtigen Merkmal in der Entwicklung dieser Phase wurde.
Eine weitere Besonderheit zeigen zugleich die Dokumentarfilme über historische Persönlichkeiten wie Mao Zedong, Zhou En'lai, Zhu De und Sun Yat-sen sowie über historische Ereignisse wie die „Befreiung", die „Mission" und der „Sieg". Diese Filme zeichnen sich durch historische Werte und Geheimnisenthüllungen aus.
Der namhafte Produzent von Dokumentarfilmen, Xu Haiying, erklärt:
„Dokumentarfilme sind für mich eine Höhle mit tief verborgenen Schätzen. Sie sind nie auszuschöpfen. Ich fühle mich unaufhörlich von ihnen angezogen."
Anfang des 21. Jahrhunderts begann die dritte Entwicklungsphase für chinesische Dokumentarfilme. Inzwischen hat ein neues Dokumentarfilmmodell allmählich die Anerkennung und Akzeptanz auf dem Markt gewonnen. Bezeichnet wurde dieses Modell als „Neues Dokufilmmodell", das in den 1990er Jahren in Europa und den USA populär wurde. Das wichtigste Merkmal des Modells ist der Einbau fiktiver Materialien, um eine vollständige Geschichte zu erzählen. Die Produzenten setzen dabei alle fiktiven Mittel und Strategien ein, um Licht ins Dunkel zu bringen. So schlüpft der neutrale Reporter in die Rolle eines Beteiligten, der aktiv mitwirkt und den Film praktisch selbst erzählt. Das freie und offene Produktionsmodell orientiert sich dabei an der Rezeptionspsyche der Zuschauer und wird umfangreich in verschiedenen in dieser Zeit produzierten Dokumentarfilmen verwendet.
2001 übernahm der Wissenschafts- und Bildungskanal des Zentralen Chinesischen Fernsehsenders CCTV Ideen aus ausländischen Dokumentarfilmen und präsentierte seinem Publikum die Rubrik „Tan Suo Fa Xian", zu Deutsch „Erforschung und Entdeckung". Danach traten neue Dokumentarfilmreihen wie „Persönlichkeiten", „Erzählungen" und „nahe der Wissenschaft" hervor, die wie im Fluge die Herzen der Zuschauer eroberten.

( „Kaiserpalast")
Mit dem ständigen Wirtschaftswachstum ist das Selbstbewusstsein der Chinesen hinsichtlich der traditionellen Kultur allmählich wiederhergestellt worden. Hinter diesen Kulissen wurden auch die großen historisch-kulturellen Dokumentarfilme geschaffen. Repräsentative Werke sind der „Kaiserpalast", „1405: Zheng Hes Seefahrt", die „Auferstehung einer großen Nation", der „Sommerpalast" und „Die neue Seidenstraße". Interessant ist, dass man in diesen Werken nicht wie früher nur aus der Perspektive der historischen Helden, sondern auch aus dem Blickwinkel der einfachen Menschen Geschichte erzählt.
Zum Teil kommen in solchen Werken erzählerische Mittel wie das Nachstellen von Szenen oder Zeichentrick zum Einsatz. Die Bilder und Szenen sind eindrucksvoller. Dank moderner Technik spürt man einen lebendigen Hauch von Geschichte.
Mittlerweile bringen Produzenten üblicher Weise ihr eigenes Ich in Dokumentarfilmen zum Ausdruck. Die persönliche Sicht soll hervorgehoben werden. Dazu Liu Jie, außerordentliche Professorin von der Communication University of China:
„Mit dem Erscheinen von DV-Playern und der Öffnung des gesamten chinesischen Marktes produzieren heute in China viele verschiedene Gruppen Dokumentarfilme. So sind Dokumentarfilme heute bereits Ausdruck des eigenen Ichs geworden, Ausdruck einer Persönlichkeit. Auf diesem Weg gelangen Dokumentarfilme auch von der Elite zu den Massen."
Text und gesprochen von Qiu Jing



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