
Am 15. April wollte der Lkw-Fahrer Hao Xiaomao von der Provinz Henan aus über Beijing nach Changchun in der nordostchinesischen Provinz Jilin fahren. Für ihn wäre es ein ganz normaler Arbeitstag gewesen, denn er fährt diese Route schon seit 2006, und zwar immer im Frühling und Herbst. Als er mittags an der Mautstelle des Kreises Huoxian vorbei fuhr, wurde er allerdings plötzlich von einem Pkw-Fahrer namens An angehalten. Anlass war Hao Xiaomaos Fracht:
„Fast jeden Mittag fahren Lkws über diese Mautstelle nach Nordostchina. Sie transportieren Hunde nach Changchun und Yanji, die dort gegessen werden. Wir sind heute hierher gefahren, um solche Lkws aufzuhalten. Und wir haben tatsächlich einen erwischt."
In Hao Xiaomaos Lkw drängten sich sage und schreibe 520 Hunde – eine Restaurantlieferung. Nachdem Herr An den Lkw gestoppt hatte, bat er im Internet um Unterstützung. Auf seinen Aufruf wurde schnell reagiert. Immer mehr Tierliebhaber haben sich an der Mautstelle versammelt, darunter auch Li Wei, eine der zahlreichen Freiwilligen des Beijinger Tierschutzvereins:
„Als ich gegen 17 Uhr an die Mautstelle kam, gab es da schon etwa 40 Autos und 50 Freiwillige, die die Freilassung der Hunde forderten. Alle haben Wasser und Futter mitgebracht. Die Hunde sahen sehr erschöpft aus. Sie haben ihre Nasenspitzen durch die Drähte der Käfige gesteckt. Ihre Augen hatten keinen Glanz mehr."
Die Forderung der Hundefreunde wurde vom Lkw-Fahrer vehement zurückgewiesen. Die später dazugekommenen Verkehrspolizisten haben seine offiziellen Papiere überprüft und meinten, dass die Dokumente gültig und keine Fälschungen seien. Sie konnten die Beweggründe der Tierliebhaber zwar nachvollziehen, wollten den Weg für den Lkw aber freigeben. Xu Huai vom Beijinger Tierschutzverein hat 20 Jahre Erfahrung in der Hundehaltung. Für Sie und viele andere war das Urteil der Verkehrspolizei eine Farce (Li Zheng: Französisch für Täuschung, nichts sagendes Getue):
„Erstens sind die Hunde alle krank. Viele sind erschöpft, ihre Augen sind verkrustet und ihnen läuft Schleim aus der Nase – alles Anzeichen für Hundeseuche. Viele andere haben typische Symptome einer Parvovirose, also Erbrechen und heftigen, blutigen Durchfall. Zweitens ist die Herkunft der Hunde sehr verdächtig. Ich kenne die Hundefabriken, die Hundefleisch verkaufen. Dort werden nur bestimmte Hunderassen gezüchtet. Die für den Verzehr verkauften Hunde sind meist gleich groß. Aber in dem Lkw sind alle Hunde unterschiedlich groß und von allen möglichen Rassen. Es gibt Golden Retriever und Huskies mit Glöckchen und Namensschildchen um den Hals. Sie haben bestimmt einen Besitzer."
Deshalb waren sich die Hundefreunde einig, dass die Haustiere gestohlen worden waren. Trotzdem weigerten sich die Behörden, ihnen den Rücken zu stärken, denn der Lkw-Fahrer konnte alle notwendigen Dokumente vorweisen. Mittlerweile hatten sich über 200 Leute versammelt und die Mautstelle blockiert. Zwischen ihnen, dem Lkw-Fahrer und den Verkehrspolizisten kam es zu Streit. Um die Leute zu beruhigen, kamen sogar bewaffnete Polizisten.
Nach 15-stündigen Verhandlungen stimmte das Logistikunternehmen letztendlich zu, die Hunde gegen Geld freizulassen. Umgerechnet 11.500 Euro wurden von Leepet Holdings und der Shangshan-Stiftung zum Schutz von Kleintieren bereitgestellt. Laut dem Lkw-Fahrer wurden die Hunde auf dem Schwarzmarkt für einen Euro 40 pro Kilo angekauft. Xu Huai sprach sich ursprünglich energisch gegen das Lösegeld aus. Doch für sie spielte das Überleben der Tiere am Ende eine wichtigere Rolle.
„Am Anfang habe ich abgelehnt, die Hunde gegen Lösegeld zu retten. Mit der Zeit habe ich dann doch nachgegeben. Man konnte es nicht anders machen. Die Entscheidung war eine Qual. Falls wir kein Geld bezahlt hätten, wären die 520 Lebewesen nicht mehr da. In diesem Fall blieb uns nichts anderes übrig, als sie zuerst zu retten."
510 Hunde wurden nach der Befreiungsaktion direkt in Tierkliniken der Hauptstadt gebracht. Zehn waren bereits tot. Bei den Untersuchungen kam heraus, dass 70 Prozent der Vierbeiner ernsthaft erkrankt waren. Die anderen hatten Hauterkrankungen oder waren verletzt. Viele Hunde litten unter Parasiten und Geschwülsten.
Auf dem chinesischen Festland gibt es einige Vereine zum Schutz von Kleintieren. Die meisten sind nicht staatlich und versorgen hauptsächlich Straßenhunde und -katzen. Die Leiterin des Beijinger Tierschutzvereins Qin Xiaona bezeichnete die Lage zum Tierschutz in China als sehr ernst.
„Eine Situation in China ist sehr kritisch, und zwar, dass der Verkauf von Hunden nicht durch Gesetze reguliert wird. Es gibt keine ordnungsgemäße Hundezucht. Man besorgt einen Hund und meldet ihn bei der Behörde. Dann kann man diesen Hund züchten. Es gibt keine gesetzliche Kontrolle oder Einschränkung dafür. Den entsprechenden Bestimmungen wird auch nicht nachgekommen. Die Regierung muss ihre Denkweise ändern und versuchen, an der Ursache zu arbeiten. Es tauchen ja immer wieder Fang- und Tötungsaktionen gegen Haustiere auf. Die darf es in der Zukunft nicht geben. Man muss die Kontrolle sozusagen am Oberlauf stärken."
Die Rettungsaktion hat im Internet heftige Diskussion ausgelöst. Es gibt Anhänger, die solchen Aktionen beipflichten, und natürlich auch Gegner, die sie als unnütz ansehen. Zumindest muss man sich keine Sorge um die Zukunft der geretteten Vierbeiner machen, denn der wohl größte chinesische IT-Konzern Tencent hat versprochen, die Hunde bis an ihr Lebensende zu versorgen. Zahlreiche Internetuser haben sich ebenfalls gemeldet, um die Tiere zu adoptieren. Es bleibt nur zu hoffen, dass möglichst bald Tierschutzgesetze ausgearbeitet und dann auch eingehalten werden.
Übersetzt und Gesprochen von Li Zheng



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