Chen Junliang ist 21 Jahre alt, Psychotherapeut und blind. Oft sagt er Sätze wie „Behinderte sind nicht nutzlos". Sein Berufsziel kann leicht beschrieben werden: Er will möglichst vielen Menschen mit Sehbehinderung über ihren Kummer hinweghelfen.
Chen Junliang war nicht von Geburt an blind. Doch im Alter von 13 Jahren erkrankte er an einer Virusinfektion mit heftigem Fieber, in deren Folge sich die Sehnerven zurückbildeten. In kürzester Zeit verlor Chen so sein Augenlicht. Seine Eltern und Lehrer gaben ihm den Mut, in seine alte Schule zurückzukehren und wieder Kontakte mit Gleichaltrigen zu pflegen.
Diese Entscheidung erwies sich als sehr vernünftig. Seine Mitschüler begegneten ihm offen und luden ihn häufig zum Spielen und Umherbummeln ein. Diese menschliche Wärme ermutigte Chen Junliang, und allmählich schöpfte er neue Hoffnungen. Es waren diese Erlebnisse, die für sein späteres Schul- und Berufsleben eine entscheidende Rolle spielten.
Nach einem Jahr in seiner alten Schule wechselte er an eine Sonderschule für blinde Kinder. Aufgrund seiner speziellen Erfahrungen war er willensstärker und auch offener als viele seiner Mitschüler. Schnell wurde er ein anerkannter Helfer für die Lehrer und ermutigte deprimierte Schulfreunde dazu, sich an verschiedenen Schulaktivitäten zu beteiligen und die Gesellschaft aktiv kennen zu lernen. Da er selbst nicht sehen konnte, wusste er genau um die Bedürfnisse blinder Personen. Aus dem Wunsch heraus, anderen Menschen mit Sehbehinderung zu helfen, studierte er nach seinem Schulabschluss erfolgreich Psychotherapie. Seither arbeitet Chen Junliang in der südchinesischen Stadt Shenzhen für einen Behindertenverein. Hier bringt er behinderte Menschen dazu, im Kontakt mit der Gesellschaft zu bleiben und sich nicht von der Außenwelt abzuschotten, wie er uns erklärt:
„Viele blinde Leute bleiben lieber zu Hause und faulenzen, wenn ich das so sagen darf. Das ist nicht gut. Ich glaube, statt Mitleid brauchen wir viel mehr Chancen. Aber woher soll die Gesellschaft das wissen, wenn wir nicht hinausgehen und uns in die Außenwelt integrieren? Deshalb schlage ich meinen behinderten Freunden immer vor, sich innerlich zu befreien und mit dem einfachsten Job anzufangen. Dieser erste Schritt ist der wichtigste."
In seiner Freizeit führt Chen Junliang ein unerwartet vielfältiges und abwechslungsreiches Leben. Genau wie andere Menschen geht auch er mit Freunden zum Essen, besucht Bars oder bummelt mit seiner Freundin durch die Straßen. Die beiden haben sich in der Sonderschule für Blinde kennen gelernt. Wie zwei große Kinder sind sie neugierig auf alles Neue in der Welt und haben einen Hang zum Verspielten, wie es Chen Junliang ausdrückt. Einmal im Jahr gehen sie auf Reisen. Dabei schildert ihm seine Freundin alle Details und Nuancen der Umgebung. Anhand ihrer Beschreibungen ist es Chen möglich, sich all die Schönheiten auszumalen, die ihn umgeben.
Doch nicht nur Chen Junliang engagiert sich freiwillig als psychologischer Helfer für Menschen mit Sehbehinderung, viele andere tun es ihm gleich. Im Jahr 2006 gründete die Stadt Shenzhen einen Workshop zur kostenlosen psychologischen Beratung für Behinderte. Im Zuge dieser Neugründung wurde eigens ein psychologischer Lehrgang ins Leben gerufen, der sich ausschließlich an blinde Menschen richtet. Bisher haben 13 Personen diesen Kurs absolviert und im Anschluss ein Zertifikat als Psychotherapeut erhalten. Da sie selbst ihre Sehkraft verloren haben und ein besseres Einfühlungsvermögen für ihre blinden Mitmenschen aufweisen, dringen sie erheblich besser und schneller zu ihren Patienten vor.
Dabei musste der Workshop mit vielen althergebrachten Berufsregeln brechen und neue, kreative Wege in der psychologischen Beratung einschlagen. Als Mitarbeiter des Projekts weiß Chen mehr davon zu berichten:
„Traditionell findet eine psychologische Beratung üblicherweise erst dann statt, wenn sich die Leute an einen Psychotherapeuten wenden. Aber aus unserer Sicht ist es realitätsfern, bloß im Büro zu bleiben und auf einen Hilfsbedürftigen zu warten. Viele Chinesen, darunter natürlich auch behinderte Menschen, sind kaum über psychologische Beratungen informiert und hegen sogar noch Vorurteile dagegen. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, blinde Menschen zu kontaktieren und uns mit ihnen anzufreunden. Wenn sie Hilfe brauchen, versuchen wir dann, sie durch Beratungsgespräche innerlich zu befreien."
Tatsächlich ist es dem Workshop seit seiner Gründung gelungen, vielen sehbehinderten Menschen durch Hotlines und Online-Beratungen zu helfen.
Doch neben direkten Hilfestellungen finden Behinderte auf der Homepage des Workshops auch eine Plattform zum Austausch von Gedanken und Gefühlen. Durch die konstanten Bemühungen aller Mitarbeiter gewinnt der Workshop immer mehr an Einfluss und Ansehen.
Die Leiterin des Projektes, Su Liping, ist ebenfalls behindert. Auf ihre Arbeit ist sie besonders stolz:
„Seit der Gründung unseres Workshops erfreuen wir uns immer mehr Nachfrage. Nun erhalten wir täglich viele Emails und Anrufe von behinderten Freunden. Auch einige Unternehmen mit behinderten Angestellten laden uns dazu ein, ihren behinderten Mitarbeitern psychologische Hilfe anzubieten und entsprechende Vorlesungen zu halten."
Zurzeit gibt es in dem Workshop insgesamt acht Psychotherapeuten und mehr als zehn behinderte Mitarbeiter. Neben dem Angebot von Beratungen hat der Workshop in insgesamt elf Wohnvierteln Servicestellen eingerichtet und mehr als 60 psychologische Einführungskurse abgehalten. Dementsprechend gewinnt das Projekt in ganz China zunehmend Anerkennung. Auf einer landesweiten Messe gemeinnütziger Organisationen war der Workshop die einzige Einrichtung in ganz China, die behinderten Menschen Hilfestellungen per Internet anbietet. Der Vorteil dieses Mediums ist dabei offensichtlich: Denn von derartigen Angeboten profitieren nicht nur Behinderte vor Ort, sondern auch hilfsbedürftige Menschen sowie ihre Familienangehörige in ganz China, ungeachtet ihrer Entfernung von Shenzhen.
Gesprochen von Liu Yuanyuan



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