Lieber Hörer, bereits in früher Zeit entwickelten sich enge Beziehungen zwischen dem chinesischen Flachland und dem westlich gelegenen Tibet. In der Tang-Dynastie (618 bis 907 n.Chr.) wurden diese außergewöhnlichen Beziehungen zwischen beiden Seiten zu einer Legende. Es gab Konflikte, aber auch Frieden, der durch zwei herausragende Frauen jener Zeit gebracht wurden. Dabei handelt es sich um zwei Prinzessinnen der Tang-Dynastie. „Die weiße Tara – Prinzessin Wencheng" und die „Tochter der gelben Erde – Prinzessin Jincheng" erzählen eben diese Geschichte, die nicht etwa von einem Chinesen, sondern einer Deutschen geschrieben wurden. Sie werden sich wohl fragen, was eine Europäerin dazu bewegt, sich jahrelang mit zwei chinesischen Prinzessinnen zu beschäftigen? Frau Monika Gräfin von Borries wird Ihnen im folgenden Beitrag ihre Erlebnisse berichten.

Monika Gräfin von Borries
„Tochter der gelben Erde – Prinzessin Jincheng: Chinesische Prinzessin, Tibetische Königin" ist der zweite historische Roman von Gräfin von Borries. Am 19. Oktober 2010 wurde die chinesische Auflage offiziell im Friedenspalast der Gesellschaft des Chinesischen Volkes für Freundschaft mit dem Ausland in Beijing veröffentlicht. Jincheng ist die zweite Tang-Prinzessin, die im Jahr 710 am tibetischen Königshof verheiratet wurde. Vor 70 Jahren gingen Prinzessin Wencheng und ihre Begleiter erstmalig von Chang'an (heute Xi'an) nach Tibet, um ihre Friedensmission zu erfüllen.
Durch seine einzigartige Anziehungskraft fasziniert das „mystische" Tibet zahlreiche Menschen in China und auf der ganzen Welt. Frau Monika Gräfin von Borries ist eine davon. Als Vorsitzende der Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft (GDCF) im Donnersbergkreis im Bundesland Reihnland-Pfalz, und zugleich langjährige China-Freundin hegt sie großes Interesse für China. Nichts desto trotz ist es kaum vorstellbar, dass eine Deutsche historische Romane über Tibet schreibt. Wie kam die Idee, sich mit diesem Thema zu beschäftigen? Gräfin von Borries erklärt:
„Zunächst war es eigentlich nicht meine Absicht, einen Roman über Prinzessin Wencheng, mein erstes Buch, zu schreiben. Ich „begegnete" ihr während meiner ersten China-Reise 1985. Fasziniert vom Leben einer Frau, die in Feindesland geht und dort als geliebte Landesmutter und spätere Göttin verehrt wird, begann ich Nachforschungen über sie anzustellen. Das war nicht einfach, da es kaum Material über sie gibt. Trotzdem ließ mich die Frage nicht los, wie ein solcher Mensch beschaffen sein muss, dem es gelingt, Anerkennung in zwei Regionen zu finden, die schon immer eine schwierige Beziehung miteinander hatten. Das gilt auch für Jincheng."

Prinzessin Wencheng (rechts)
Um die Geschichten der beiden Prinzessinnen zu untersuchen, waren reichhaltige historische Materialien von zwingender Notwendigkeit. Über die Schwierigkeiten beim Schreiben der beiden Romane sagt Frau Gräfin von Borries:
„Die größte Schwierigkeit war eigentlich die Materialbeschaffung. Als ich dann zu schreiben begann, stellte sich sehr bald heraus, dass ich zu wenig wusste über ganz alltägliche Dinge dieser Zeit. Wie sprach man miteinander, wie ging es am kaiserlichen Hof zu, welche Riten gab es, wie bewegte sich so ein Reisetross vorwärts – all das, was einen Roman lebendig macht."
Wencheng und Jincheng sind Prinzessinnen aus verschiedenen Zeiten der Tang- Dynastie. Ihre Erlebnisse in Tibet waren sehr unterschiedlich. Trotzdem verfügen sie über eine Gemeinsamkeit: sie haben dem tibetischen Volk fortgeschrittene Produktionstechniken mitgebracht, vom Ackerbau und der Medizin über den Hausbau bis hin zu Kunst und Musik. In den Augen von Frau Gräfin von Borries verfolgten sie ihren Weg, bereicherten die Kultur Tibets und trugen dazu bei, dass der Buddhismus sich verbreiten konnte.
„Beide, denke ich, waren enorm wichtig für die Entwicklung in Tibet. Sie brachten beide ungeheure Kulturschätze mit ins Land. Durch die buddhistischen Mönche, die damals Träger des gesamten Wissens waren, konnte sich das Land in vielerlei Hinsicht schneller entwickeln. Sie wirkten stabilisierend auf den Frieden, was schon daran zu erkennen ist, dass die Fehden zwischen beiden Ländern schon bald nach ihrem Ableben wieder ausbrachen."
In der Geschichte sollten gute Beziehungen zwischen beiden Staaten oftmals durch eine spezielle Politik entstehen. Dabei handelt es sich um eine friedliche Heiratspolitik, die zur Ehe von Wencheng und Jincheng mit tibetischen Königen führte. Derartige Missionsträger haben häufig ihren Anteil an der Förderung guter Beziehungen zwischen Ländern und dem gegenseitigen Verständnis der Völker. In einem gewissen Sinne können sie als Botschafter betrachtet werden. Als Vorsitzende der Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft Reihnland-Pfalz scheint es Frau Gräfin von Borries oft so, als wären sie und ihre China-Freunde ein Kreis von Menschen, die den gleichen Traum haben wie Jincheng: „aus Waffen Jade und Seide zu machen."

Prinzessin Jincheng
„Heiratspolitik hat es ja in vielen Ländern dieser Erde gegeben. Es war damals ein Mittel, wie wir heute Diplomaten austauschen. Die Bräute wurden allerdings nicht nach vier Jahren wieder abgelöst, sie mussten es sich zur Lebensaufgabe machen. Entsprechend mussten sie ausgewählt, erzogen und ausgebildet werden. Eine hohe Anforderung, der sich auch Könige stellen mussten. Man konnte nicht einfach seinen „Job" hinschmeißen. Das ist ein grundsätzlicher Unterschied zur heutigen Ausbildung von Politikern. Die beiden Prinzessinnen haben großartiges geleistet, oft unter Verzicht eigenen, vordergründigen Glücks. Eine Art mütterliche Eigenschaft, die sie auf ein ganzes Volk ausdehnen konnten. Sie könnten uns heutigen egozentrierten Menschen ein Beispiel sein."
Wie wirkt das heutige Tibet auf die Autorin, nachdem sie zahlreiche Reisen in das autonome Gebiet im Westen Chinas unternommen hat?
„Ich denke, es ist völlig anders als man es sich vorstellt. Wir haben eigentlich ungeheure Vorurteile, besonders im Westen, wie Tibet aussieht. Sie entstehen dadurch, dass wir zu wenig voneinander wissen. Menschen zueinander zu führen, einander zuzuhören, voneinander lernen, das kann nicht nur Fremde zu Freunden machen, sondern auch die eigene Entwicklung und die Beziehung zwischen Menschen und Völkern ungeheuer bereichern. Es ist aber richtig, dass es im Westen viel Unwissen über die Geschichte und die Beziehungen zwischen den Regionen China und Tibet gibt."
Die Auflage der „Weißen Tara", war ziemlich erfolgreich in Deutschland. Tibet sei für viele Deutsche noch sehr fremd, so Gräfin von Borries. Es werde vielfach idealisiert und eine heile Welt nach ihren eigenen Wünschen geschaffen. Es bereite ihr Spaß, Menschen zu treffen und Vorurteile abzubauen.
Da es vor der Zeit des Dalai Lama eine Königsdynastie mit langer Geschichte in Tibet gab, ist das Schreiben für Sie noch längst nicht zu Ende. Diese Dynastie ist im Westen noch sehr unbekannt. Um die „Yarlung-Dynastie" abzuschließen, fehle noch ein Zeitraum von cirka 200 Jahren, so Gräfin von Borries.
„Ich würde gerne noch mit einer tibetischen Königin diese Lücke füllen. Eine höchst faszinierende Persönlichkeit. Ich habe auch bereits damit angefangen – nur diesmal müsste ich meine Recherchen auf den frühen Buddhismus gewaltig ausweiten. Keine leichte Aufgabe, man kann ja nicht mal eben ins Internet gehen und nachfragen. Mir fehlt aber speziell zu dieser geistigen Auseinandersetzung die innere Ruhe. Seit ich zu Schreiben begonnen habe, ist viel Zeit vergangen und in den letzten sechs Jahren bin ich vier Mal Großmutter geworden. Ich werde mir also noch ein bisschen mehr Zeit nehmen müssen, wenn ich meine Pläne verwirklichen will."
Interviewt von: Liu Xinyue
Verfasst von: Liu Xinyue
Gesprochen von: Huang Gang



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