F: Herzlich willkommen zu unserem Fragenblock "Sie fragen, wir antworten". Heute möchten wir wie bereits erwähnt dem Wunsch unserer Hörerin Anja Warnecke-Bi aus Frankfurt am Main in Deutschland nachkommen. Sie interessiert sich für die Kunst des chinesischen Scherenschnitts. Frau Warnecke-Bi schrieb uns vor kurzem in einer Email:
F: "Sehr geehrte Damen und Herren, bitte schicken Sie uns einige Ihrer schönen Scherenschnitte zu. Vielen Dank! Falls Sie etwas Näheres über die Kunst des chinesischen Scherenschnitts berichten können, bin ich sehr dankbar!"
F: Viele andere Hörer haben einen ähnlichen Wunsch geäußert, da sie von Radio China International die neuen Scherenschnitte zum Jahr des Tigers bekommen. Deshalb glauben wir, dass der Wunsch von Frau Warnecke ganz gut dazupasst. Nun, während des chinesischen Neujahrs- oder Frühlingsfestes gibt es in vielen Landesteilen die Tradition, Scherenschnitte mit verschiedenen Mustern an das Fenster oder an die Tür zu kleben. Sie sollen die festlich-fröhliche Atmosphäre der Feiertage unterstreichen.

M: Genau. Scherenschnitte zählen zu den populärsten volkstümlichen Künsten in China. Wann die ersten entstanden sind, lässt sich kaum noch präzise feststellen. Es wird aber angenommen, dass sie ihren Ursprung in alten, religiösen Gebets- und Beisetzungszeremonien haben. Man schnitt damals mit Schere oder Messer die Umrisse verschiedener Figuren und Tiere aus Papier aus. Diese wurden dann als Beigaben mit dem Toten begraben oder bei der Bestattung verbrannt. Aber bereits vor mehr als 1.000 Jahren wurden Scherenschnitte zunehmend für Dekorationszwecke eingesetzt.
F: So ist es. Historischen Dokumenten zufolge verwendeten die Frauen in der Tang-Dynastie (618-907) Scherenschnitte als Kopfschmuck. In jener Zeit fielen auch die Scherenschnitte mit Schmetterlings-Motiven, mit denen der Frühling begrüßt wurde. Im 12. Jahrhundert, also während der Song-Dynastie, wurden Geschenke mit Scherenschnitten geschmückt. Sie wurden auch an Türen, Fenster, Wände, Spiegel oder Lampions geklebt. Die ersten professionellen Scherenschnitt-Kunsthandwerker kamen auf.
M: Wobei man dazu sagen muss, dass Scherenschnitte in Handarbeit gemacht werden. Die Grundkenntnisse sind nicht allzu schwierig, man braucht im Prinzip nur eine Schere und ein Stück Papier. Fachkräfte brauchen allerdings Scheren und Spitzen verschiedener Größe, um auch sehr komplizierte Muster herzustellen. Nach einem Muster können ein einzelner oder mehrere Scherenschnitte auf einmal gemacht werden. Ein einfaches Muster kann mit Schere direkt geschnitten werden, während ein kompliziertes Muster zuerst auf das Papier gedruckt und dann mit einer passenden Spitze ausgeschnitten wird. Es darf kein Fehler gemacht werden, sonst ist die ganze Arbeit umsonst.
F: Die Motive der Scherenschnitte lassen sich in mehrere Kategorien einteilen. Dazu gehören u.a. Blumen und Vögel, Fische und Insekten, kleine Tiere, Menschenfiguren aus volkstümlichen Legenden oder aus klassischen literarischen Werken oder auch Masken der Peking-Oper. Fast alles kann als Motiv für Scherenschnitte dienen.

M: So ist es. Die Einwohner in den verschiedenen Landesteilen Chinas haben unterschiedliche Lebensgewohnheiten und unterschiedliche ästhetische Vorstellungen. Daher haben auch die jeweiligen Scherenschnitte ihre Eigenheiten. Während die Scherenschnitte in Nordchina groß ausfallen und schlicht und recht kräftig wirken, scheinen die Scherenschnitte in Südchina besonders fein und durch die reichlich vorhandenen Wassergebiete geprägt zu sein. Aber unabhängig vom Motiv gilt die Faustregel, dass die Scherenschnitte lebensecht und kunstvoll sein müssen.
F: Als Beispiele möchten wir Ihnen etwas mehr über die Scherenschnitte aus Yuxian in der Provinz Hebei und aus Yangzhou in der Provinz Jiangsu vorstellen. Sie können jeweils als Vertreter der Scherenschnitte in Nordchina und in Südchina bezeichnet werden. Der Scherenschnitt aus Yuxian im Nordwesten der Provinz Hebei ist eigenartig und eine weltbekannte Volkskunst. Er wird hauptsächlich geschnitzt, aber nicht geschnitten. Seine Farbe ist prächtig und strahlend schön. Der Scherenschnitt aus Yuxian wird traditionell auch als "Fensterdekoration" bezeichnet und blickt auf eine über 200-jährige Geschichte zurück. Hier gibt es viele verschiedene Motive, zu den wichtigsten zählen Personen, Tiere und Vögel, volkstümliche Legenden, Landschaften, Blumen und Pflanzen. Im Mai 2006 wurde der Scherenschnitt aus Yuxian in die Liste des immateriellen Kulturerbes des Landes aufgenommen.

M: Noch älter ist der Scherenschnitt aus Yangzhou in der Provinz Jiangsu – er ist bereits mehr als 1000 Jahre alt. Schon in alter Zeit schnitten die Leute in Yangzhou am Tag des Frühlingsbeginns Scherenschnitte. Das ist eine alte Sitte. Der Scherenschnitt aus Yangzhou ist ebenso bekannt wie die Stickerei. Beides beeinflusst und inspiriert sich gegenseitig. Der Scherenschnitt aus Yangzhou ist hübsch und fein und hat einen eleganten Stil. Er ist kunstvoll und geschmackvoll und hat als Vertreter der Kunst des volkstümlichen Scherenschnitts in Südchina einen eigenartigen ästhetischen Reiz. Der Scherenschnitt aus Yangzhou wurde ebenfalls im Mai 2006 in die Liste des immateriellen Kulturerbes des Landes aufgenommen.
F: Stimmt. Früher versammelten sich die Frauen auf dem Lande in der Ruhezeit im Herbst und machten Scherenschnitte. Jedes Mädchen musste diese Handwerkarbeit beherrschen, die Fingerfertigkeit galt sogar als ein Kriterium für die Qualität einer künftigen Braut. Inzwischen wird die Scherenschnittherstellung allerdings eher als spezieller Beruf betrachtet. Die Scherenschnitte haben sich von einer zweckmäßigen Dekoration zu einer unabhängigen Kunstform entwickelt. Heute sind Einflüsse der traditionellen chinesischen Scherenschnitte in Bildergeschichten, Zeitungsköpfen, in der Bühnenkunst, bei der Buchgestaltung und in Film und Fernsehen zu finden.
M: Damit, liebe Hörer, nun noch einige Tipps zur Aufbewahrung von chinesischen Scherenschnitten – schließlich haben viele von Ihnen in letzter Zeit die neuen Scherenschnitte von Radio China International erhalten. Eine ganz einfache Methode ist, sie flach in Bücher oder Zeitschriften einzulegen. Aber wenn Sie diese kleinen Kunstwerke oft betrachten wollen, kaufen Sie sich am besten ein Fotoalbum, darin sind sie gut geschützt.
F: Wichtig ist auch, die Scherenschnitte an einem trockenen Ort aufzubewahren. Dabei sollte man sie oft aufblättern, damit sich kein Schimmel oder Fäule bildet.
M: Hier noch ein besonders schöner Tipp: Legen Sie die Scherenschnitte hinter Glas, zum Beispiel in einen Bilderrahmen mit Glas. Damit kann man sie gut sichtbar an die Wand hängen, und sie bleiben auch gut geschützt. Kleben Sie den Scherenschnitt zunächst auf festes Papier, das in den Bilderrahmen eingelegt wird. Meist bietet sich dafür weißes Papier an, aber je nach Farbe kann man auch andere Hintergründe wählen. Ein dunkelfarbiger Scherenschnitt sollte mit einem hellen Untergrund kombiniert werden und umgekehrt.
F: Mit Scherenschnitten sollte man generell sehr sorgfältig umgehen. Dazu gehört auch eine richtige Aufbewahrung. Viel braucht es nicht, nur etwas Geduld und Sorgfalt. Wir wünschen Ihnen dafür schon mal viel Spaß und Erfolg!



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