F: Willkommen bei "Sie fragen, wir antworten". Heute möchten wir zuerst den Wunsch unseres Hörers Bernhard Westhölter aus dem deutschen Wermsdorf erfüllen und etwas näher auf die Bräuche des chinesischen Neujahrsfestes eingehen. Dazu schrieb uns Herr Westhölter:
M: "Welche Bräuche zum Jahreswechsel gibt es in China? Danke für die Antwort."
F: Wie Herr Westhölter haben sich viele Hörer bei uns gemeldet und ähnliche Fragen gestellt. Den Jahreswechsel nennt man in China "Guo Nian", das traditionelle chinesische Frühlingsfest "Chun Jie". In diesem Jahr wird das Frühlingsfest am 14. Februar gefeiert. Überall in China feiern die Menschen das Frühlingsfest auf unterschiedliche Art und Weise. Das Frühlingsfest dauert bis Mitte des ersten Monats nach dem chinesischen Mondkalender. Es endet jeweils mit dem Laternenfest. Zu Beginn unserer heutigen Sendung wollen wir Sie, liebe Hörer, zuerst nach alter chinesischer Sitte zum neuen Jahr begrüßen: "Baige Nian"!
M: Auch ich wünsche Ihnen natürlich ein gutes neues Jahr! Nun wollen wir Ihnen das Frühlingsfest und einige seiner typischen Sitten und Bräuche etwas näher vorstellen. Das Frühlingsfest ist das wichtigste Fest in China. Von der Wichtigkeit her ist es vergleichbar mit Weihnachten im Westen. Mit dem Frühlingsfest beginnt nach dem traditionellen chinesischen Mondkalender das neue Jahr. Das Jahr des Büffels geht bald zu Ende. Das neue Jahr steht im Zeichen des Tigers.
F: Das Frühlingsfest heißt auf Chinesisch "chunjie": "Chun" bedeutet Frühling, und "jie" Fest. Das Frühlingsfest wird in China bereits seit rund 4.000 Jahren gefeiert. Lange wurde das Fest nicht "chunjie" genannt, sondern einfach "nian", also "Jahr". Der Ursprung des Frühlingsfests ist eng mit den bäuerlichen Opferritualen des landwirtschaftlich geprägten China verbunden. Im alten China bezeichnete der Begriff "Nian" die Getreidereife. Mit dem Frühling begann ein neuer Saat- und Erntezyklus. Um eine reiche Ernte im neuen Jahr zu erhalten, wurde den Göttern geopfert.
M: So ist es. Die Götter sollten auf diese Weise milde gestimmt werden. Es gibt aber auch volkstümliche Überlieferungen zu den Ursprüngen des Frühlingsfestes. Einer Legende zufolge war "Nian" ein Ungeheuer, das viele Katastrophen über die Menschheit brachte. In einem erbitterten Kampf gelang es den Menschen eines Tages schließlich, das böse Ungeheuer zu töten. Da das Ungeheuer am Ende des Jahres besiegt wurde, wurde sein Tod zur Jahreswende ausgiebig gefeiert.
F: In der Tat eine interessante Geschichte. Im Laufe der Zeit wurden die Feierlichkeiten zum Frühlingsfest immer vielfältiger. Ein Brauch, der sich durchgesetzt hat, ist der Frühlingsputz. Zwischen dem 23. und dem 30. Tag des zwölften Monats nach dem chinesischen Mondkalender stehen in China die "Putztage" auf dem Programm. Während dieser Zeit werden die Wohnungen so richtig auf Vordermann gebracht. Die „Putztage" sind ein ganz alter chinesischer Neujahrsbrauch.
M: Das mit dem Putzen ist nicht so mein Ding. Viel lieber erledige ich die Neujahrseinkäufe! Traditionellerweise beginnt man zehn Tage vor dem Neujahr mit den Festeinkäufen. Ein absolutes Muss ist der Kauf von Huhn, Ente, Fisch, Tee, Wein, Öl, gerösteten Nüssen und sonstigen Süßigkeiten. Selbstverständlich dürfen die Geschenke für die Verwandten und Freunde nicht vergessen werden. Zudem müssen die Kinder mit neuen Kleidern eingedeckt werden.
F: Ein weiterer Brauch zum Frühlingsfest ist die Dekoration der Wohnung mit Neujahrs-Zweizeilern oder Neujahrsbildern. Besonders beliebte Motive sind der Schutzgott, der Gott des Reichtums oder das Schriftzeichen "Fu", das "Glück" symbolisiert. Der Brauch des Verzierens von Türen und Wänden mit solchen Motiven stammt aus der Song-Dynastie vor rund tausend Jahren. Nach altem Volksglauben halten rote Spruchbänder Gespenster und böse Geister fern.
M: In der heutigen Zeit sollen die Spruchbänder in erster Linie eine festliche Stimmung schaffen. Während die Türen und Wände mit Spruchbändern verziert werden, werden die Fenster mit Scherenschnitten geschmückt. Die meisten Scherenschnitte stellen den bäuerlichen Alltag dar, oder Szenen aus bekannten Geschichten. Ebenfalls grosser Beliebtheit erfreuen sich Scherenschnitte mit Tiermotiven.
F: Ich bin ein grosser Fan von diesen Scherenschnitten. Zum Frühlingsfest auf keinen Fall fehlen darf das Feuerwerk! Je lauter desto besser! Das neue Jahr wird in der Regel mit einem ohrenbetäubenden Feuerwerk begrüßt. Lange Ketten von Böllern werden an Holzstangen gehängt und angezündet. Was es mit diesem Feuerwerk genau auf sich hat, erzählst du am besten, Lu Ming.
M: Laut chinesischen Historikern symbolisiert das Abbrennen von Feuerwerk die Erschaffung von Himmel und Erde. Der Brauch geht auf eine Zeremonie aus dem alten China zurück. Das Neujahr symbolisiert also die Geburtsstunde von Himmel und Erde. Laut chinesischer Mythologie gab es am Anfang weder Himmel noch Erde, sondern nur einen riesigen Klumpen.
F: Genau. In diesem Klumpen soll einst Pan Gu, der Erschaffer von Himmel und Erde, gelebt haben. Eines Tages erwachte Pan Gu in seiner Behausung und hackte mit einer Axt den Klumpen entzwei. Dabei stiegen klare Substanzen - auch Yang-Energien genannt - auf, wodurch der Himmel entstand. Die schweren Substanzen, die Yin-Energien, sanken hinab und formten die Erde. Um der Geburtsstunde von Himmel und Erde zu gedenken, zündeten die Vorfahren der Chinesen zum Beginn des neuen Jahres jeweils Bambuszweige an. Beim Abbrennen des Bambus stieg Rauch auf. Der Rauch symbolisierte den Himmel, während die herabfallenden Reste des verbrannten Bambus die Erde symbolisierten.
M: Eine wirklich interessante Geschichte! Wichtiger als das Feuerwerk beim Frühlingsfest ist allerdings die Familie. Das Frühlingsfest ist in erster Linie das Fest der Familie. Ein großes Essen im Kreise der Familie darf daher auf keinen Fall fehlen. Das eigentliche Festessen wird am letzten Abend des alten Jahres, also am Silvesterabend, zelebriert.
F: Was genau aufgetischt wird, ist von Region zu Region verschieden. In Nordchina sind zum Beispiel gefüllte Teigtaschen, die "Jiaozi", unverzichtbarer Bestandteil des Festmahls. Die Form der Jiaozi ist Silberbarren nachempfunden, die im alten China als Zahlungsmittel benutzt wurden. Durch die Silberbarren-Form der Jiaozi soll der Wunsch nach Reichtum ausgedrückt werden. Damit dieser Wunsch auch in Erfüllung geht, müssen die Jiaozi am Silvesterabend um punkt Mitternacht gegessen werden.
M: In Südchina wiederum gehören Fisch und Tofu zum Festmahl wie der Weihnachtsbaum zum Weihnachtsfest in Deutschland. Wie die Jiaozi stehen auch Fisch und Tofu für Reichtum und Gesundheit. Hinzu kommt der süsse "Niangao", ein Kuchen aus Klebreis, sowie "Tangyuan", süße Klebreisklößchen. Sowohl der "Niangao" als auch die "Tangyuan" sollen den Zusammenhalt innerhalb der Familie festigen.
F: Angst, nach so vielen Speisen nicht mehr schlafen zu können, braucht am Silvesterabend niemand zu haben. Denn das frühe zu Bettgehen ist für einmal verpönt. Am Silvesterabend sitzen die Familien in China noch lange zusammen. Nach einem ausgiebigen Festschmaus wird bis in den frühen Morgen hinein gefeiert. Dieser Brauch wird „Shou Sui" genannt.
M: Nach einer kurzen Nachtruhe stehen schließlich die Neujahrsbesuche auf dem Programm, auf Chinesisch "Bai Nian". Verwandte und Freunde zu besuchen und ihnen ein gutes neues Jahr zu wünschen, ist ein ganz alter Brauch. Von Kindern wird ein "Kotau", das heißt ein Kniefall, vor den älteren Verwandten und Bekannten erwartet. Im Gegenzug werden die Kleinen dann mit einem Geldgeschenk in einem roten Umschlag belohnt.
F: Die Feierlichkeiten zum Frühlingsfest dauern bis zum Laternenfest, das am 15. Tag des ersten Monats nach dem chinesischen Mondkalender stattfindet. Das Laternenfest wird auch als Yuanxiao-Fest bezeichnet, weil an diesem Fest "Yuanxiao" gegessen werden. "Yuanxiao" sind Klößchen aus klebrigem Reisteig, die mit Süßigkeiten gefüllt sind. Während dem Laternenfest sind Straßen und Innenhöfe mit bunten Laternen in allen Formen geschmückt.
M: Zum kulturellen Programm des Laternenfests gehören volkstümliche Tanz- und Gesangsdarbietungen wie etwa der Drachen- und Löwentanz aus Südchina oder der Yangko-Tanz aus Nordchina. Das Laternenfest markiert das Ende des chinesischen Neujahrsfestes.
F: Soviel, liebe Hörer, über die Bräuche des chinesischen Neujahrsfestes.
Verfasserin: Lu Shan
Moderatoren: Lu Shan, Lu Ming



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