In den folgenden Minuten stellen wir Ihnen, liebe Hörer, das Tsuur vor – ein traditionelles Blasinstrument der Tuvas. Die Tuvas gehören zur mongolischen Nationalität. Da die Tradition des Instruments so weit zurück reicht, wird es auch als musikalisches Fossil bezeichnet.

Am Kanas-See im Norden des Uigurischen Autonomen Gebiets Xinjiang ist ein geheimnisvoller Stamm beheimatet: die Tuvas. Seit Generationen leben die etwa 2000 Angehörigen von Jagd und Viehzucht.
Einige Gelehrte vertreten die Ansicht, die Tuvas seien Nachkommen von Dschingis-Khans Soldaten, die sich bei einem Feldzug in den Westen dort niedergelassen haben. Andere meinen, dass deren Vorfahren vor 500 Jahren von Sibirien nach Xinjiang übergesiedelt sind. Ein die Jahrhunderte überdauernder Bestandteil der Tuvas-Kultur ist das traditionelle Instrument Tsuur.
Im Mai steht das Zalaat, eine spezielle Grassorte des Altaigebirges, sehr hoch. Die Hirten brechen die Halme ab und bohren drei Löcher hinein - ein Tsuur ist entstanden.
Experten zufolge blickt das einfache Instrument auf eine mehr als 1600-jährige Geschichte zurück. Taivan, Angehöriger der Tuvas, weiß über seinen Ursprung folgende Legende zu erzählen:
"Um den Ursprung des Tsuur rankt sich eine Legende: Einst vernahm ein Hirte beim Weiden seiner Herde eine wunderschöne Stimme. Er ging der Stimme nach. Was er fand, waren die hohlen Grashalme. Der durch die Grasfelder wehende Wind ließ die geheimnisvollen Töne entstehen. Also nahm der Hirte einen Grashalm mit nach Hause und probierte eifrig, damit selbst Töne zu erzeugen. Er bohrte Löcher in den Halm: einmal zehn, einmal fünf und einmal drei. Mit drei Löchern erklangen schließlich die gleichen Töne, die ihn auf der Weide so faszinierten."
Das fingerdicke Tsuur ist um die 70 Zentimeter lang. Ganze drei Grifflöcher ermöglichen fünf bis sechs Töne unterschiedlicher Höhenlagen hervorzubringen. Das ist allerdings nicht so einfach. Die Spieltechnik ist einzigartig. Ein Ende des Tsuurs legt man senkrecht in den Mund und stabilisiert es mit dem oberen Rachenraum. Während der Spieler bläst, müssen die Löcher im Halm mit der Zungenspitze geöffnet beziehungsweise geschlossen werden. Durch die Vibration von Zähnen und Lippen entsteht schließlich eine Melodie. Klingt ganz schön kompliziert.
Taivan erklärte unserem Reporter, dass die Menschen durch die Melodien des Tsuur mit der Natur kommunizieren.
"Als ich das Tsuur früher beim Weiden spielte, hörten Rinde, Schafe und Pferde auf zu fressen, um den wunderschönen Klängen zu lauschen."

Lang gezogen und melancholisch sind die Melodien des Tsuur. Trotzdem kommt es auch bei Hochzeiten und anderen Festen zum Einsatz. Mit dem Tsuur können verschiedene Stimmen der Natur imitiert werden. Taivan:
"Alle Töne des Tsuurs klingen wie Laute aus der Natur. So kann man das Rauschen der Wellen des Kanas-Sees oder das Zwitschern verschiedener Vögel im angrenzenden Wald nachahmen."
Mit der touristischen Entwicklung des Gebiets kommen immer mehr Tuvas mit der Außenwelt und damit der Moderne in Kontakt. Die jungen Leute interessieren sich kaum noch für traditionelle Güter ihrer Kultur. Evdes, letzter Spielmeister der Tsuur, ist inzwischen verstorben. Vor drei Jahren hat ihn unser Reporter besucht und seine Musik aufgezeichnet.
Evdes war für seine Tsuur-Musik in der Region bekannt. Wer nach Kanas kam, besuchte auch Evdes, um seinem Spiel zu lauschen. Dass sich keiner seiner drei Söhne für die traditionelle Musik interessierte, bereitete ihm Sorgen. Da sein zweiter Sohn Munkh gute Voraussetzungen für das Spielen des Tsuur zeigte, bestimmte er ihn als Lehrling seiner Kunst. Munkh:
"Mein Vater bewahrte die Tsuur-Musik der Tuvas. Ich musste das Instrument spielen lernen, damit Gäste aus der Ferne auch in Zukunft unsere Musik anhören können. Am Anfang hatte ich keine Lust. Einer von uns Geschwistern musste aber das Tsuurspielen lernen. Die Wahl fiel auf mich. Heute bin ich meinem Vater sehr dankbar, dass er sich für mich entschieden hat."
Mittlerweile sind zehn Jahre vergangen. Heute beherrscht Munkh mehrere Melodien fehlerfrei.
"Seit zehn Jahren spiele ich das Tsuur. Es ist ein Erbstück unserer Kultur. Da mein Vater der beste Tsuur-Spieler war, fühle ich mich verpflichtet, seine Spielkunst fortzuführen."
Verfasst von: Yang Qiong
Übersetzt von: Xiao Lan
Gesprochen von: Chen Yan



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