F: Heute wollen wir Ihnen auf Wunsch unseres Hörers Hans Kopyciok aus Rostock die chinesische Stickerei etwas näher vorstellen. Herr Kopyciok hat uns folgende E-Mail geschickt:
M: "Nun habe ich wieder einmal Ihre Sendung gut empfangen. Mich interessieren vor allem wirtschaftliche, aber auch kulturelle Programme. Ich interessiere mich für die Feinminiaturstickerei. Ich kann mich noch erinnern, dass meine Mutter, als ich noch ein Kind war, eine Tischdecke einige Monate lang mit Blumen bestickte. Können Sie mal über die chinesische Stickerei berichten?"

F: Diesen Wunsch erfüllen wir Ihnen natürlich gerne, lieber Herr Kopyciok. Zuerst möchten wir Ihnen etwas über die Entwicklungsgeschichte der chinesischen Stickerei erzählen. Die Stickerei gehört zu den bekanntesten und traditionsreichsten Kunsthandwerken Chinas. Rohseide wird in China schon seit langer Zeit hergestellt und verarbeitet. Die Zucht von Seidenraupen gibt es bereits seit rund fünftausend Jahren. Im Laufe der Zeit entwickelte sich auch eine ganz spezifische Stickerei-Technik. Die in den Provinzen Hubei und Hunan ausgegrabenen Stickereien aus der Zeit der Streitenden Reiche sowie der Östlichen und Westlichen Han-Dynastie vor mehr als zweitausend Jahren sind von erstaunlich hochwertiger Qualität. Die 1958 in der Provinz Hunan ausgegrabene Stickerei im Drachen- und Phönix-Design gilt heute als eines der ältesten Werke der chinesischen Stickerei.
M: Bereits die Menschen in der Tang- und Song-Dynastie vor etwas mehr als tausend Jahren bestickten ihre Kleider. Die damalige Stickerei war schon sehr fein und farbenprächtig. Als Grundlage für die Stickereien wurden Werke aus der Kalligrafie oder der Malerei herangezogen. Gu Xiu, die Gu-Stickerei aus Shanghai, war in jener Zeit am bekanntesten. Zu Beginn der Qing-Dynastie im 17. Jahrhundert war Gu Xiu bereits weltweit bekannt. Viele ausländische Geschäftsleute reisten extra nach Shanghai, um sich diese besondere Art der Stickerei anzusehen.

F: So ist es. Schon während der Ming-Dynastie im 15. und 16. Jahrhundert erfreute sich die Stickerei großer Beliebtheit am Hof des chinesischen Kaisers – darunter auch Gu Xiu, die Stickereikunst aus Shanghai. Auch beim einfachen Volk setzte sich die Stickerei rasch durch. Vielerorts wurden Forschungsinstitutionen gegründet, um die Besonderheiten der lokalen Stickereikunst am Leben zu erhalten und weiter zu entwickeln. Die regionale Vielfalt in der Stickerei hat bis heute zugenommen. Viele Orte in China sind heutzutage für ihre außergewöhnlichen Stickereien bekannt. Den besten Ruf genießen Stickereien aus Suzhou in der Provinz Jiangsu sowie Stickereien aus den Provinzen Guangdong, Sichuan und Hunan. Diese vier Provinzen gelten gemeinhin als die "vier bekanntesten Zentren der Stickerei" in China. Wobei jedes dieser vier Zentren einen charakteristischen Kunststil aufweist.
M: Neben diesen vier Zentren der Stickereikunst gibt es in China noch andere Orte, die für Stickereien bekannt sind, beispielsweise Beijing, die Provinz Shandong, Hangzhou oder auch die Provinz Fujian. Hinzu kommen die Stickereien der nationalen Minderheiten, die alle ihre eigenen Charakteristiken aufweisen. Die "vier bekanntesten Zentren der Stickerei" in China haben ihren Ursprung in der Qing-Dynastie in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
F: Genau. Nun erzählen wir Ihnen getrennt über die "vier bekanntesten Stickereien" in China. Die Stickereien aus Suzhou in der Provinz Jiangsu wurden stark von der Gu-Stickerei in Shanghai beeinflusst. Suzhou liegt in einer seenreichen Landschaft. Das Klima in der Stadt ist feucht und mild. Die für die Herstellung von Seide guten klimatischen Bedingungen und die farbenprächtigen Brokate haben Suzhou zu einem Zentrum für die Stickerei gemacht. Stickereiprodukte aus Suzhou weisen folgende Eigenheiten auf: Das Design ist in der Regel äußerst lebhaft, die Farben weich und die Struktur des Bildes klar gegliedert. Aufgrund ihrer Feinheit wird die Stickerei aus Suzhou auch als "östliche Perle" bezeichnet. Ihre lebensechte Kunstwirkung ist weltbekannt. Die Stickereiprodukte aus Suzhou umfassen ein ganzes Sortiment. Sie reichen von Bildern und Kleidern über Schmuck bis hin zu Taschentüchern und Glückwunschkarten.

M: Die Orte Guangzhou, Nanhai, Panyu und Shunde bilden das Zentrum der Stickereikunst in der Provinz Guangdong. In der südchinesichen Provinz Guangdong hat Yue Xiu, wie die Stickerei hier genannt wird, bereits eine Geschichte von tausend Jahren. Ihr Ursprung geht auf die Li-Nationalität, einer nationalen Minderheit von der Inselprovinz Hainan, zurück. In künstlerischer Hinsicht ist die Stickereikunst aus Guangdong eng mit der einzigartigen südchinesischen Lingnan-Kultur verbunden. Ihr Bildaufbau ist dicht und lebhaft, ihre Farben prachtvoll und glänzend. Die Stickerei aus Guangdong findet man auf Kleidern, Schmuck, Wandbildern oder auch auf Fächern. Ihre Hauptmotive sind Drachen, Phönixe, Blumen und Pflanzen.
F: Die dritte Stilrichtung unter den chinesischen Stickereien heisst Shu Xiu und kommt ursprünglich aus dem Westen der Provinz Sichuan. In Chengdu zum Beispiel findet man Stickereiprodukte dieser Art. Shu Xiu weist ebenfalls eine lange Geschichte auf. Bereits in der Jin-Dynastie vor rund 1.600 Jahren war die Stickerei aus Sichuan bekannt. Ihre Blütezeit erlebte die Sichuaner Stickerei in der Tang-Dynastie vor tausend Jahren. Die durch ihre vielseitigen Motive und festlichen Farben bekannte Shu Xiu-Stickerei findet sich vor allem auf Gebrauchsartikeln wie Bett- oder Kissenüberzüge, Kleider oder auch Schuhe.
M: Die Stickereien aus Changsha, dem Hauptort der Provinz Hunan, werden als Xiang Xiu bezeichnet. Seit mehr als zweitausend Jahren wird in Changsha schon mit Seidengarn gestickt. Die bevorzugten Themen der Stickereiwerke aus Hunan sind Motive aus der traditionellen chinesischen Malerei. Typisch für Hunan-Stickereien ist ein schlichter und lebensechter Kunststil.



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