
Liebe Hörer, in den folgenden Minuten wollen wir Ihnen Wu Guanzhong vorstellen. Der 90-jährige Maler nimmt eine äußerst wichtige Stellung in der chinesischen Bildenen Kunst der Gegenwart ein.
Wu Guanzhong wurde 1919 in Yixing in der ostchinesischen Provinz Jiangsu in eine Bauernfamilie hineingeboren. Als 18-jähriger fing er an, Malerei zu lernen. In seinem 23. Lebensjahr absolvierte er sein Studium an der Kunsthochschule Hangzhou. 1946 wurden über 100 Studenten vom Bildungsministerium für eine Fortbildung in Frankreich ausgewählt. Wu Guanzhong belegte bei der dazugehörigen Prüfung den ersten Platz. Ein Jahr später ging Wu Guanzhong also nach Frankreich und studierte dort bei Professor Jean Souverbie Ölmalerei. Heute sagt Wu Guanzhong vor Journalisten, Jean Souverbie habe ihn tief beeinflußt:
"Es gibt zwei Arten von Kunst: einen schmalen Weg, der dem Publikum einen sinnlichen Genuß bereitet, und einen breiten Weg, der die Seele der Zuschauer erschüttert. Ich habe mich für den breiten Weg entschieden."
Vor dem Abschluß seines Studiums hatte der talentierte Wu Guanzhong die Gelegenheit, auch die Entwicklung seiner Persönlichkeit in Frankreich zu fördern. Es war schließlich ein Brief Vincent van Goghs, den dieser einmal seinem Bruder schrieb, der Wu Guanzhong dazu bewegte, wieder in seine Heimat zurückzukehren. In dem Brief heißt es: "Du solltest in die Heimat zurückkehren; Du bist Weizen und kannst nur in Weizenfeldern gut wachsen", schrieb van Gogh seinem Bruder.
Das dreijährige Studium in Frankreich hat Wu Guanzhong auch ermöglicht, die Quintessenz der modernen Kunst im Westen zu erfassen. In der chinesischen Kultur aufgewachsen, hat er gleichzeitig auch ein tiefes Verständnis vom chinesischen Malstil "Xieyi".
"Xieyi" ist ein spontaner Malstil der chinesischen Malerei und bedeutet übersetzt: "den Sinn schreiben". Das heißt, dass man den Sinn oder den Charakter des Motivs mit wenigen Pinselführungen auf Papier zum Ausdruck bringt. Dabei kommt es darauf an, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Wu Guanzhong strebte damals danach, sich die Vorteile der beiden Künste zu Eigen zu machen.
Nach seiner Rückkehr nach China lehrte Wu Guanzhong unter anderem an der Zentralen Akademie für Bildende Kunst, der renommierten Qinghua-Universität und der Beijinger Kunstakademie.
Ende der 1970er Jahre, also zu Beginn der Reform und Öffnung in China, wurde sowohl im ideologischen als auch im kulturellen Bereich eine Normalisierung eingeleitet. Wu Guanzhong trat gleichzeitig in die Blühtephase seines künstlerischen Schaffens ein. Er setzte sich über die Schranken der westlichen Ölmalerei sowie der chinesischen Tuschmalerei hinweg und schuf eine Reihe von Werken, die sich sowohl von der traditionellen chinesischen Tuschmalerei als auch von der modernen westlichen Kunst unterschieden.
Wu Guanzhongs Werke sind unkonventionell und voller Leidenschaft. Dabei sind die Bilder von Wu Guanzhong in den Augen von Europäern stark chinesisch geprägt, nach Ansicht der Chinesen hingegen modern und westlich.
Die ästhetische Einstellung und die einzigartige Maltechnik machen die Bilder von Wu Guanzhong zu Meisterwerken der chinesischen Malerei.
1991 hat das französische Kulturministerium Wu Guanzhong den höchsten französischen Orden für Literatur und Kunst verliehen. 1992 wurden Wu Guanzhongs Werke im Britischen Museum ausgestellt. Es war die erste Ausstellung eines lebenden chinesischen Malers im Britischen Museum. 2000 wurde Wu Guanzhong zum Mitglied der Französischen Akademie der Künste gewählt. Er ist damit der erste chinesische Künstler, dem dieser Titel verliehen wurde. Zudem ist Wu Guanzhong der erste Asiate, der seit der Gründung dieser Akademie vor knapp zwei Jahrhunderten diese Auszeichnung erhalten hat.
Wu Guanzhongs Bilder werden auf dem internationalen Kunstmarkt zu hohen Preisen gehandelt. Diese Bilder hätten jedoch mit ihm nichts zu tun, so Wu Guanzhong. Seine besten Werke habe er öffentlichen Museen und Galerien gespendet.
Als er gefragt wird, wie er auch in hohem Alter die große Leidenschaft für das künstlerische Schaffen behalten habe, antwortet der 90-jährige Maler:
"Erstens, ich fürchte keine Armut und habe geringe Ansprüche, was den materiellen Genuß betrifft. Ich habe alle meine Gefühle der Kunst gewidmet."
Anfang der 1990er Jahre hat Wu Guanzhong den damaligen Trend, klassische Werke einfach zu kopieren, scharf verurteilt. Dadurch kam es in chinesischen Malerkreisen zu einer heftigen Debatte. Auch heute noch hält Wu Guanzhong an seiner früheren Haltung fest:
"In der Malerei gibt es keine festen Regeln, sondern nur Gefühle. Jede Maltechnik ist erlaubt, wenn die Gefühle des Malers zum Ausdruck gebracht werden können. Plagiate und Kopien sind wertlos."
Verfasst von: Liu Si'en
Gesprochen von: Qiu Jing



Wir über uns






