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China als ein ereignisvolles Land erleben
  2010-03-15 14:30:36  CRI
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Johnny Erling lebt seit 1997 in Beijing. Aus der chinesischen Hauptstadt berichtet der deutsche Sinologe und Korrespondent über spannende Ereignisse aus einem sich rasant entwickelnden Land. Die aufregendste Zeit seiner journalistischen Arbeit im Jahr ist Anfang März, wenn der Nationale Volkskongress tagt und die Abgeordneten in der Großen Halle des Volks die Regierungsarbeit prüfen und über die Zukunft des Landes diskutieren:

„Ich denke, das ist die einzige Gelegenheit, wo aus dem gesamten Land die Abgeordneten kommen und miteinander für etwa zehn Tage, acht bis zehn Tage, zusammensitzen und Dinge debattieren können. Wir erleben in den letzten Jahren, dass diese Debatten etwas offener werden, etwas lebendiger werden."

Offen und lebendig, weil sich das bevölkerungsreichste Land der Welt schnell entwickelt. Im Prozess der Modernisierung stößt China aber auch auf eine Menge Probleme und Herausforderungen. Die chinesische Regierung ist sich der Lage bewußt und arbeitet daran, die Probleme zu bewältigen. Nur brauche man etwas Zeit, meint der Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt":

„Ich fand das sehr vernünftig, das was Premierminister Wen Jiabao jetzt in einer Pressekonferenz gesagt hatte. Er hat gesagt, es gibt drei große Problemkomplexe, nämlich die Einkommensunterschiede zwischen den einfachen Leuten und den etwas besser Verdienenden und den reich Verdienenden, die immer größer werden. Dann die große Gefahr der Inflation, die wir zur Zeit haben. Und dann haben wir natürlich auch noch Wirtschaftswachstum und gleichgewichtiges Wachstum und soziale Gerechtigkeit, also auch in diesem Falle Wohnung und ähnliche Krankenversorgung. Wenn die drei Komplexe aus dem Ruder geraten, das heißt, nicht gut gemanagt werden, dann droht diesem Land ein Verlust an politischer und wirtschaftlicher Stabilität. Und das hat er ziemlich drastisch beschrieben. Er hofft natürlich, dass er das in den Griff kriegt. Ich stimme mit ihm überein, dass das in der Tat exklusive Probleme sind für das Land. Ich identifiziere selten ein einzelnes Problem als großes Problem. Auf diesem Volkskongress gab es viele Debatten über die unendlich sich verteuernden Wohnungspreise. Das ist aber ein Problem, das man spezifisch analysieren kann. Da haben sie eine Reihe von Möglichkeiten, einzugreifen und etwas zu tun. Aber die Probleme insgesamt und vor allen Dingen die der sozialen Gerechtigkeit, die des Auseinanderdividierens von Einkommen, die wachsende Kluft zwischen dem Bauerneinkommen und dem städtischen Einkommen. Die Motivation der Bauern, die dann dazu führt, dass zu wenig Getreide angebaut wird. Das sind wichtige Probleme, die das Land in den nächsten Jahren erleben und bewältigen muss. Man darf China nicht nur als große Exportnation, oder als große Weltmacht oder als große Wirtschaftsmacht sehen. Es hat eine Unmenge von einheimischen, hausgemachten Problemen, die längst nicht gelöst sind. Und wenn man nur abstrahiert von den Metropolen und Großstädten, kriegt man ein völlig falsches Bild, was in diesem Land passiert."

Auch große Aufgaben müssen von klein an angepackt werden. Der Zeitungsjournalist hält den Schwerpunkt der diesjährigen Tagung des Nationalen Volkskongresses für einen guten Ansatz für die nachhaltige Entwicklung Chinas:

„Ich würde nicht sagen, dass diese Tagungen nichts Besonderes sind. Ich würde sagen, dass diese spezielle Tagung, die wir jetzt erleben, nicht spektakulär ist. Spektakulär ist, wenn zum Beispiel eine neue Führung gewählt wird, was erst 2012 ist. Aber interessant bleiben diese Tagungen auf jeden Fall auch für ausländische Korrespondenten und Journalisten, weil sie die Möglichkeit bieten, mit vielen dieser Abgeordneten zusammenzukommen am Rande dieser Parlamentssitzung oder auch während Pressekonferenzen und anderen, und doch eine Reihe von Themen besser zu ergründen, die eine wichtige Rolle spielen. Also beispielsweise Schwerpunkt dieses jetzigen Volkskongresses ist meiner Ansicht nach die Schwierigkeiten, die China hat, sein bisheriges Wirtschaftsmodell umzustellen: von einer Exportstruktur und einer sehr stark von Investitionen abhängigen Struktur zu einer Binnennachfrage und damit also auch zu einem nachhaltigen Wachstum. Das ist ein sehr langer, sehr schwieriger, sehr mühsamer Prozess, der jetzt begonnen hat und dessen Anfangsgeburtswehen wir miterleben und mit Interesse verfolgen, was daraus wird."

Die Berichterstattung über die NVK-Tagungen hat also auch positive Aspekte für die ausländischen Journalisten selbst. Nirgendwo hat man eine idealere Gelegenheit, mit so vielen Abgeordneten ein intensives Gespräch zu führen. Dadurch wiederum lernt man China besser kennen, seine Probleme und seine Fortschritte:

„Für mich war am interessantesten eigentlich eine kleine Pressekonferenz am Rande mit dem Eisenbahnministerium und auch der Möglichkeit dann, Fragen zu stellen. Das fand ich deshalb so spannend, weil die Entwicklung eines Hochgeschwindigkeitseisenbahnsystems eigentlich eines der ganz großen Konjunkturmaßnahmen Chinas ist, die auch wirklich dieses Land verändert. Da sehe ich wirklich eine einschneidende Veränderung, die durchaus als revolutionär zu betrachten ist. Wir können sagen, dass in vielleicht vier Jahren oder zwei bis drei Jahren schon, es keine große Stadt in China mehr gibt, die per Bahn in einer längeren Zeit als acht Stunden erreichbar ist. Man kann sie also sofort erreichen, früher mussten wir tagelang durch das Land fahren. Das Ganze gewinnt eine ungeheuere Mobilität. Und natürlich ist es auch eine großartige technologische und auch Transportleistung und auch eine Frage der Freizügigkeit, wenn das gesamte Land eisenbahntechnisch in einer neuen Eisenbahnrevolution erschlossen wird. Ich bin aber nicht der Ansicht, dass die Preisstruktur so eine wichtige Rolle spielt. Sie haben eine Entscheidung getroffen zur Zeit der Urbanisierung des Landes, das heißt, dass in den Städten innerhalb bis zum Jahre 2020 etwa 60 Prozent der chinesischen Bevölkerung werden in Städten leben. Das sind ungeheuere Mengen. Die hin und her zu bewegen, hin und her zu bringen, da ist das Eisenbahnsystem zur Zeit das umweltfreundlichste, beste, kostensparendste und vernünftigste Transportwesen. Also statt dass man zum Beispiel den Automobilverkehr riesengroß entwickelt, halte ich das für eine vernünftige Maßnahme."

Wie die Hochgeschwindigkeitseisenbahn rast auch das Land selbst in Richtung Modernisierung. Doch wie Ministerpräsident Wen Jiabao auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Tagung des NVK sagte, werde der Weg nicht einfach und voller Höhen und Tiefen sein. Diesen Weg will Johnny Erling journalistisch begleiten:

„Ich denke, dass der Versuch der Umpolung des Wirtschaftssystems wirklich Sache von Jahrzehnten sein wird, und nicht in ein, zwei bis drei Jahren funktioniert. Eine ganz wichtige Weichenstellung ist von der Wirtschaftskrise begünstigt worden. Die zwang China ja eigentlich 2008 oder 2009, diese Politik nun wirklich zu entwickeln. Das wird einer der wichtigen Schwerpunkte sein. Dem untergeordnet sind andere Dinge, die sind diesmal völlig ausgeklammert."

Forum Meinungen
• mengyingbo schrieb "Leben in Changshu"
seit etwas über einer Woche ist nun Changshu 常熟 in der Provinz Jiangsu 江苏 meine neue Heimat - zumindest erstmal für rund 2 Jahre.Changshu (übersetzt etwa: Stadt der langen Ernte) liegt ungefähr 100 km westlich von Shanghai und hat rund 2 Millionen Einwohner, ist also nur eine mittelgroße Stadt.Es gibt hier einen ca. 200m hohen Berg, den Yushan 虞山 und einen See, den Shanghu 尚湖...
• Ralf63 schrieb "Korea"
Eine schöne Analyse ist das, die Volker20 uns hier vorgestellt hat. Irgendwie habe ich nicht genügend Kenntnisse der Details, um da noch mehr zum Thema beitragen zu können. Hier aber noch einige Punkte, welche mir wichtig erscheinen:Ein riesiges Problem ist die Stationierung von Soldaten der USA-Armee in Südkorea...
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