Traditionelle Wohnhäuser
in China
Auf der 24. Sitzung der Kommission für das Weltkulturerbe der Organisation der Vereinten Nationen für
Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) im Jahre 2000
wurden die alten Ansiedlungen Xidicun und Hongcun in der
Provinz Anhui offiziell in die Liste des zu schützenden
Weltkulturerbes aufgenommen. Zu Jahresbeginn gab der von
dieser Kommission beauftragte japanische Experte Dr. Naomi
Okawa nach Beendigung seiner eingehenden Untersuchungen sein
hohes Urteil ab: "Eine Dorflandschaft wie die in
Hongcun ist wirklich einmalig...", "Die alten Straßen
und Gassen in Xidicun gleichen einer Bilderbuchlandschaft,
das ist heutzutage weltweit nicht mehr oft zu sehen."
1997 wurde Pingyao in der Provinz Shanxi und 1999 Lijiang in
der Provinz Yunnan in die Liste des zu schützenden
Weltkulturerbes aufgenommen. Auch Zhouzhuang in der
Wasserlandschaft südlich des Yangtse-Unterlaufes in der
Provinz Jiangsu hat sich offiziell beworben. Und mit der
Jahrhundertwende lüften die traditionellen Wohnhäuser in
China zunehmend ihre Schleier und zeigen sich der Welt.
China öffnet sich und die Welt beginnt, China besser zu
verstehen.
China ist ein Land mit weitläufigem Territorium, unterschiedlicher
Topographie und zahlreichen Klimazonen. Es gibt eine große
Zahl an Völkergruppen und Kulturen und so nimmt es nicht
Wunder, dass traditionelle Wohnhaussiedlungen und die
Wohnhausarchitektur unterschiedlichste Ausprägungen und
Formen aufweisen. In diesem Band werden Ansiedlungen mit
repräsentativem Charakter, die noch heute weit verbreitet sind, vorgestellt unter der
Beleuchtung der Lebensgewohnheiten und des Verhaltens der
Menschen, die traditionelle Wohnhäuser bevölkern, und unter
besonderer Beachtung der Raumaufteilung. Generell können
traditionelle Wohnbauten in die drei Formen Hofhäuser,
mehrstöckige Gebäude und Höhlenbauten (Lehmbauten)
unterteilt werden.
(1)
Unter sämtlichen traditionellen Wohnbauten in China sind
Hofhäuser am weitesten verbreitet. Auch sind die
verwendeten Materialien und die innere Struktur am
fortschrittlichsten. Hofhäuser haben die facettenreichsten
Bestandteile als auch Mittel zur Unterscheidung des Status
ihrer Bewohner sowie eine vielfältige Innenausstattung und
Dekoration. In gewisser Hinsicht ist dies eine der
modernsten Wohnformen in einer Agrargesellschaft, auch in
einer feudalistischen Gesellschaft mit zunehmend verkümmernder
natürlicher Umgebung ist es eine ideale Wohnform. Die
komplett umgrenzten Beijinger-Wohnhöfe (Beijing Siheyuan)
sind klassische Vertreter dieser Hofhäuser. Wichtigste
Charakteristik sind ihre Abgeschlossenheit und ein oder
mehrere Innenhöfe. Sie sind symmetrisch an einer
Mittelachse orientiert und unverkennbar nach ihrer Priorität
in Innen- und Außenbereich unterteilt. Hauptsächlich
trifft man sie in Nordchina, der Zentralebene, auf der
Halbinsel Shandong sowie im Flachland und in den Küstengebieten
Südchinas an. Vereinzelt findet man sie auch in Kesseln und
Ebenen im Südwesten, in Chengdu in der Provinz Sichuan, in
Kunming oder Dali in der Provinz Yunnan sowie in den Ebenen
auf Taiwan. Wo die Han-Chinesen oder andere, eng mit der
Han-Kultur verbundene ethnische Minderheiten wie die Bai
oder Naxi leben, in entwickelten Gebieten mit Völkern wie
den Zhuang oder auch dort, wo andere Nationalitäten wie die
Man oder Hui gemeinsam mit den Han leben,
überall dort findet man in der Regel Hofhäuser vor.
Beijing entwickelt sich gerade zu einer internationalen
Metropole, hat jedoch gleichzeitig gesetzlich festgelegt, 25
Gebiete mit seinen alten Gassen, den Hutongs, und alten
Wohnhöfen in der Nähe der Verbotenen Stadt unter
Denkmalschutz zu stellen. Von der Residenz des Prinzen Gong
bis zu ganz gewöhnlichen Wohnhöfen sind hier noch die am
vollständigsten erhaltenen Formen anzutreffen. Allein die
Eingangstore mit ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen
bilden ein authentisches Wohnhof-Museum (vgl. dazu auch
Kapitel 6). Beim Wechsel der Ming- (1368-1644) zur Qing-Dynastie (1644-1911) errichteten
Kaufleute in den Provinzen Shanxi und Anhui chinaweit die
meisten privaten Wohngehöfte. Besonders sei hier der große
Wohnhofkomplex der Familie Wang im Kreis Lingshi in Shanxi,
der als "Erstes Haus der Provinz Shanxi" bekannt ist, erwähnt,
der mit seinen über 100 großen und kleinen Höfen den
ebenfalls sehr berühmten Qiao-Wohnhof in seiner Dimension
noch bei weitem übertrifft. Wohnhöfe sind in den Ebenen
Nordchinas am weitesten verbreitet und obgleich es beim
Umfang, Innenausbau, bei der Struktur und Dekoration
zahlreiche Unterschiede gibt, sind doch die grundlegenden
Charakteristika ihrer Struktur gleich. Als Beispiele seien
genannt die berühmte Konfuzius-Residenz in der Provinz
Shandong, die Residenz Zheng Banqiaos in Weifang oder die
zahlreichen Wohnhöfe der Geldverleiher in Pingyao in der
Provinz Shanxi. Und obwohl zahllose Gehöfte in den
Landgemeinden nicht die komplette Struktur der typischen
Beijinger-Wohnhöfe aufweisen, sondern nur vereinfacht zwei
oder drei Gehöfte, die um den Hof gruppiert sind anstelle
der klassischen kompletten Umgrenzung, haben sie doch
ausnahmslos eine umschlossene Struktur mit großem Tor,
Umgrenzungsmauern, einem Hof und Haupt- und Nebengebäude,
so beispielsweise die nach Süden gerichteten
Manchu-Bauerngehöfte in den Provinzen Liaoning und Jilin
oder die Erdwallhäuser (Tuweizi) in Shanxi und Shaanxi.
Hofhäuser haben noch viele weitere Varianten: so die sich
aus den Höhlenlehmbauten entwickelten Stempelhäuser
(Yikeyin) in Kunming in der Provinz Yunnan oder die sich aus einer Verschmelzung von
Ganlan-Holzhäusern (Alte chinesische Bauweise mit Holz,
oder Bambus, hauptsächlich im Süden Chinas anzutreffen) (vgl.
dazu Kapitel 2) und Hofhäusern entwickelten Gehöfte mit
kleinen, hohen Innenhöfen in Huizhou in der Provinz Anhui
(vgl. dazu Kapitel 1). Auch die Erd-Rundbauten der
Hakka in Yongding in der Provinz Fujian (vgl. dazu Kapitel
8), die unter ganz bestimmten historischen und geografischen
Bedingungen hauptsächlich zur Abwehr errichtet wurden oder
die von den Immigranten aus Fujian oder Guangzhou gebauten Gehöfte
(Dacuo) in Taibei auf Taiwan mit ihren roten Ziegelmauern,
schrägen Hausdächern und ihrer bogenförmigen Feuerwand
sind eine Abwandlung der Hofhäuser.
Erstmals
tauchte die Struktur von Hofhäusern beim Übergang der Qin-
(221 - 207 v. Chr.) zur Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n.
Chr.) auf. Bilder und Backsteine aus der Östlichen Han-Zeit
(25 - 220) liefern uns dafür gutes Anschauungsmaterial.
Backsteine aus der Qin- und Ziegeln aus der Han-Dynastie als
technische Unterstützung, die ausgereifte feudalistische
Familienstruktur auf dem Land als auch die Verbreitung eines
Hierarchiesystems nach konfuzianischem Muster lieferten für
die Verbreitung dieser Wohnkultur die Bedingungen. Sie
entfaltete während der langwährenden Agrargesellschaft
lebhafte Vitalität. Der große Staatsgelehrte Wang Guowei
hat einstmals die Besonderheiten komplett umgrenzter Wohnhöfe
nach Beijinger Muster präzise zusammengefasst: "Die
Wohnräume der gesamten Familie sollen nah beieinander
liegen, damit sie friedlich zusammen leben und sich
gegenseitig helfen können. Sind die Gebäude gut
miteinander verbunden, ist der komplett umgrenzte Wohnhof
die ideale Wohnform." Der herausragende Literat Lin
Yutang legte vom gesellschafts-psychologischen Standpunkt
aus dar, warum Hofgebäude bei den Chinesen so beliebt sind:
Die Dächer chinesischer Häuser decken einfach den Boden ab
und ragen nicht wie gotische Gebäude turmhoch in den Himmel
hinauf. Die größte Stärke dieses Konzeptes ist die
Ausgeglichenheit, die Bereitstellung eines
Beurteilungskriteriums für irdisches Glück und irdische
Harmonie. Ein chinesisches Dach suggeriert, dass man das Glück
primär zu Hause findet.
(2)
Höhlenbauten
und mehrstöckige Gebäude weisen in ihrer natürlichen Ökologie
ganz klare regionale Besonderheiten auf. Von allen
Wohnformen haben sie am stärksten ihre Ursprünglichkeit
bewahrt. Hauptsächlich findet man sie noch in den
subtropischen Berggebieten im Südwesten sowie in den ariden
Gebieten auf dem Lössplateau im Nordwesten Chinas.
Die typischsten Vertreter der Höhlenbauten sind die Höhlenwohnungen, von denen noch sehr viele
in Mittel- und Westchina erhalten sind, so beispielsweise in
Henan, Shanxi, Shaanxi und Gansu. In den Ebenen Westhenans
und Südshaanxis
gibt es komplett unter der Erde liegende Stollenwohnungen
(Dikengyao). Ein einige Dutzend Meter tiefes Quadrat wird in
die Erde gegraben, an dessen Wänden Stollenwohnungen in die
Erde gegraben werden, die über Erdstufen erreichbar sind
und von bis zu einem guten Dutzend Familien bewohnt werden können.
Im Kreis Liquan in Xi'an in der Provinz Shaanxi findet
man noch komplett erhaltene Wohnungen dieser Art. In der
Region Qiuhe findet man Felswohnungen, in den Fels
geschlagene mehrstöckige Wohnungen, die miteinander verbunden sind und vome von
einem Hof aus Lehmziegeln umgrenzt sind. Pfropfenhöhlen
(Guyao), eine Mischform aus Höhlenwohnung und Lehmhaus,
finden sich im Zentrum Shanxis. An die Höhle ist ein ein-
oder zweistöckiges Gebäude aus Lehm oder Backsteinen
angebaut, das einen Hof umgrenzt. Die Häuseranordnung wird
hierbei sehr flexibel gehandhabt und bietet innen viel
Platz. Eine weitere Mischform aus Höhle und Haus sind die
Behausungen des Taiya-Volkes in Taizhong und die des
Yamei-Volkes auf der Insel Lanyu in Tainan auf Taiwan. Sie
haben in der Regel einen rechteckigen Grundriss und wirken
sehr natürlich mit den ca. 1,5 m hohen Kieselsteinwänden
im unteren Bereich, der Holzstruktur oben,
Bambusstangen als Pfetten und den Blättern der Taglilie als Dach. Die gesamte Ansiedlung wirkt recht
aufgelockert und hat die Leute bis heute gut vor Taifunen,
Erdbeben und anderen Naturkatastrophen bewahrt. Trotz des
begrenzten Platzes findet sich überall in den Häusern ein
Opferplatz.
Höhlenwohnungen
oder Lehm- und Erdbauten, ja sogar die traditionellen
Wohnbauten aus roher, festgerammter oder gemauerter Erde in
den Wüsten- und Steppengebieten
im
Nordwesten Chinas, wie die Zhuangguo im Osten der Provinz
Qinghai, die Wehrturmgebäude
der Tibeter in Sichuan, Qinghai und Tibet als auch die
Gaotai-Gebäude in Kashi im Autonomen Gebiet der Uiguren,
Xinjiang, sie alle gehören in die Kategorie der
traditionellen Wohngebäude aus Lehm.
Die Forschungen der Archäologen und Anthropologen haben belegt, dass Höhlenwohnungen
die ersten Behausungen der Menschen waren. Gemäß den
historischen Aufzeichnungen lebten die Vorfahren der
Chinesen Ende des Paläolithikums,
vor gut 8000 Jahren, auf der Lössebene in gegrabenen Höhlen.
Erste schriftliche Erwähnung finden sie im "Yijing",
dem Buch der Wandlungen, und im "Liji", dem Buch
der Riten. In der Frühzeit unterschied man zwei Arten von Höhlenwohnungen:
Natürliche Höhlen, die hauptsächlich im Paläolithikum
verbreitet waren, und Höhlenwohnungen, die im Neolithikum
mit der Sesshaftigkeit des Menschen beim Übergang in eine
Agrargesellschaft bevorzugt bewohnt wurden. In diesem
Zusammenhang wollen wir einen Blick auf die Ruinen der alten
Yangshao-Kultur des Dorfes Banpo bei Xi'an werfen: Die
damaligen Behausungen waren viereckige oder runde, sich halb
unter der Erde befindende Häuser, die erst kurz nach der
Zeit, wo der Mensch noch in natürlichen Höhlen lebte,
entstanden sein mussten und belegen, dass man damals bereits
nicht mehr ausschließlich in den wilden Bergregionen lebte
sondern sich bereits auf der Ebene niedergelassen hatte. Der
Mensch war den Schritt vom Jäger- und Sammlerdasein in die
Ackerwirtschaft gegangen und gleichzeitig hatte er die Höhlen
verlassen und war in Gebäude gezogen.
(3)
Ganlan-Häuser
mit Hängepfeilern sind typische Vertreter mehrstöckiger
traditioneller Wohnbauten (vgl. dazu auch Kapitel 2), die
hauptsächlich in den Berggegenden Südwestasiens mit ihrem
subtropischen Klima vorkommen, wo viele Minderheiten-Völker
leben. Diese Bauweise ist von der Raumaufteilung und
Anordnung mit ihrer an den Berg gestützten Lage, den überstehenden
Balken und nach vorne herausgezogenen oberen Stockwerken
sowie den Holzsteckverbindungen bereits auf einem hohen
technischen Niveau. Sie verkörpert die reiche materielle
und spirituelle Zivilisation in Verbindung mit der
einmaligen Volkskultur der Minoritäten in diesem Gebiet und
gibt Einblick in ihre Gebräuche.
Ein typisches traditionelles Ganlan-Haus besteht komplett
aus Holz: Gerüst,
Balken, Dachsparren und Wände, selbst die Dachziegeln sind
aus Baumrinde. Auch als Verbindungselemente werden
Steckverbindungen und Keile aus Holz verwendet, Eisennägel
und -haken sucht man vergeblich. Der Grundriss ist
rechteckig und das Haus hat ein "Xuanshan-Dach",
eine Art Walmdach mit jeweils zwei über die Länge und
Breite des Hauses hinausgehenden Dachschrägen, die auf der
Breitseite nicht ganz nach oben reichen. Es ist in Gerüstbauweise
erstellt und verfügt über zwei bis drei Stockwerke. Fast
jeder Haushalt lebt an einem Berghang. In den Autonomen
Gebieten der Dai, Xishuangbanna im Südwesten Yunnans und
Dehong im Westen Yunnans, lebt man hauptsächlich in
Ganlan-Häusern, die aus Bambus und Holz gebaut wurden. Im
Unterschied zu Ganlan-Holzhäusern werden in der
Bambusversion mehr Kokosseile und Peddigrohr zum Verknoten
der einzelnen Elemente verwendet. Das Dach wird "Kongming-Dach"
genannt und hat schwalbenschwanzähnliche Enden, ähnlich
den Walmdächern mit ihren vier Schrägungen. Die Jingpo,
Jinuo und Hani in dieser Gegend leben bevorzugt in diesen
Bambushäusern, die in Details wie der Höhe der Stockwerke,
der Verwendung der Baumaterialien wie Lehmziegel,
Taglilienblätter oder einem Ziegeldach als auch in ihren
Anbetungsobjekten voneinander abweichen. In Yunnan gibt es
viele Besonderheiten in den Ansiedlungen mit Bambushäusern,
so beispielsweise achten die Dai sehr auf eine gute Qualität
ihrer Wasserressourcen und in ihren Dörfern sind die
Brunnen sorgfältig dekoriert, stehen oftmals sogar
Pavillons oder aus Stein geschnitzte Bestien zum Schutz. Das
Tor am Eingang in ein Hani-Dorf besteht aus überkreuzten
Baumstämmen, die früher mit Fellen, später mit
Vogelschnitzereien verziert wurden. Der japanische
Wissenschaftler Kenzaburi Torikoshi fand nach zahlreichen
Textrecherchen heraus, dass das kunstvolle Straßentor und
die Form des Dachfirstes traditioneller japanischer Gebäude
ihren Ursprung in Yunnan haben. Gemäß der Herkunft ihrer
Bauweise, der allgemeinen Struktur und der Raumaufteilung
werden die "Diaojiao-Gebäude" in den
Gebirgsgegenden und Flusstälern in der Nähe des
Emei-Berges in Südwestsichuan, in Chongqing und Fenghuang
in der Provinz Hunan sowie die runden Bambushäuser der Cao
im Gebiet des Alishan-Gebirges ebenfalls den mehrstöckigen
Gebäuden zugerechnet.
Baumhäuser
und Höhlenwohnungen sind die frühesten Formen chinesischen
Wohnens. „Im Süden Baumhäuser, im Norden Höhlen"
fasste man es in alten Zeiten zusammen. Die historischen
Aufzeichnungen und archäologischen Funde belegen, dass
Ganlan-Häuser einstmals südlich des Yangtse-Flusses in
halb China verbreitet waren, überall dort, wo es Berge und
Hügel gab und ein feuchtheißes Klima mit viel Regen
vorherrschte. Hier gab es dichte Wälder und die Menschen
lebten vom Reisanbau
und Ackerbau. Sie lebten bereits in Sippen zusammen und verfügten über einfache architektonische
Fähigkeiten wie Holzfällen, -bearbeiten und Drechseln. Das
Gebiet war früher als Gebiet der Hundert Yue (Bai Yue)
bekannt und in Untergruppen wie beispielsweise die "Yu
Yue" in Zhejiang oder die "Min Yue" in Fujian
unterteilt. Das Leben in Ganlan-Häusern war eines ihrer
gemeinsamen Kennzeichen. Die unterschiedliche Ausprägung
ihrer Totems, Innenhöfe und Eingänge als auch Häuserstrukturen
und Baumaterialien in Kombination mit den Sitten und Gebräuchen
der einzelnen Minderheiten-Völker haben besonders im Südwesten
eine
große Vielfalt traditioneller Wohnhäuser
hervorgebracht.
Erwähnenswert
ist unbedingt, dass mit dem Anstieg der Bevölkerung, dem
rapiden Rückgang der Holzressourcen, der zunehmenden
Verbreitung von Baumaterialien wie Backsteine und Ziegeln
sowie einigen anderen Faktoren die Han im Süden Chinas und
die Minderheiten in den Ebenen immer weniger Ganlan-Häuser
bauen. Auch hat diese Wohnform viele Veränderungen und
Erneuerungen erfahren, wie beispielsweise die Gebäude an
den Wasserstraßen in den Provinzen Jiangsu und Zhejiang
(vgl. dazu Kapitel 5), die Hofhäuser in Anhui (vgl. dazu
Kapitel 1) oder die Erdhäuser in Südfujian (vgl. dazu
Kapitel 8).
Traditionelle chinesische Wohnhäuser sind so weit wie möglich der Natur angepasst und wenn man
in die Natur eingreift, versucht man sie zu entschädigen.
Der Bau und die Entwicklung traditioneller Siedlungen
basieren komplett auf der geschickten Nutzung der ökologischen
Ressourcen, wobei man sich bemühte, sparsam mit ihnen und
insbesondere mit Wasser umzugehen als auch so weit wie möglich
lokale Baumaterialien zu verwenden und sich den natürlichen
Temperaturunterschied zum Ausgleich von Kälte und Hitze
zunutze zu machen. Dem partiellen ökologischen
Gleichgewicht wird große Bedeutung beigemessen. Da die
Erbauer traditioneller Wohnhäuser meist mit der
Landwirtschaft und dem Ackerbau als auch den Gesetzmäßigkeiten
der Natur vertraut waren, sind die Formen ihrer Wohnhäuser
zwar mannigfaltig und raffiniert, doch keineswegs überzogen.
Seit jeher war ihnen ein harmonisches Verhältnis wichtig,
ein Rhythmus in den graduellen Veränderungen, und so ist im
Laufe der Zeit ein starkes ästhetisches Gefühl für eine ländliche
Idylle entstanden, die folgende Merkmale aufweisen sollte:
Schönheit
liegt in der Natur: Idealerweise
stehen chinesische traditionelle Wohnhäuser in der Nähe
von Bergen, Wald und Wasser mit viel Sonnenschein und genügend
Schatten. "Schönheit liegt in der Natur" hat aber
auch noch eine andere Bedeutung: Die von Menschen
geschaffene Schönheit in den Häusern ist in den alltäglichen
Kontext des Lebens der Bewohner eingefügt, ist selten
aufgesetzt. Die Erscheinung des Hauses, seine Farben,
Substanz und sein Licht-Schatten-Verhältnis - sie alle
stehen in enger Beziehung mit der Funktion, den
Baumaterialien und der Struktur, so dienen die "Pferdekopf-Mauern",
die eine Erhöhung der seitlichen Gebäudemauern nach oben
über das Dach hinaus bedeuten und pferdekopfähnliche Ecken
haben, als Feuerschutz; das Vordach über der Tür dem
Schutz vor Regen, die Ziegeln
des Dachfirstes der Verstemmung und die "Hühnerfuß-Holzhäuser" (Hühnerfuß ist die Bezeichnung des
Hängepfeilers am Vorbau des Eingangs eines
Ganlan-Holzhauses) dem Hitze- und Regenschutz. Die
Dekorations- und Strukturelemente dienen in erster Linie den
praktischen Bedürfnissen und prägen die ursprüngliche,
natürliche, organische und ungekünstelte Schönheit der Häuser.
Organisch und doch zufällig, chaotisch und doch gesetzmäßig: Baumaterialien sind der wesentliche Faktor für die Struktur und
den Aufbau eines Hauses. Die meisten Häuser auf dem Land
nutzen die lokalen Ressourcen, wie das Holz aus den Bergwäldern,
die Erde und den Lehm des Bodens, die Steine der Klippen
oder des Schwemmlandes und pflanzliche Baustoffe aus den
Feldern. Sie lassen jedes einzelne Haus wie aus
der Natur gegossen erscheinen, das mit seiner Umgebung ein
organisches Ganzes bildet. Besonders Ganlan-Holzhäuser
sind dabei sehr anpassungsfähig. Sie können direkt an den
Berg gebaut werden, können Anbauten oder Pfeilerabstützungen
haben, ganz nach Bedarf. Was die Standorte der Siedlungen
betrifft, scheint es keine Gesetzmäßigkeiten zu geben, man
findet sie an Fluss- und Bachläufen, an Hügeln und Bergen;
stehen sie in der Ebene, sind sie eng zusammen gebaut, in
gebirgigem Gelände liegen sie weit verstreut - doch Sie
scheinen sich immer nach dem Gesetz "Folgt der Natur
und den geologischen Gegebenheiten" zu richten.
Harmonisch, doch nicht ohne Kontraste: Dieser
Punkt bezieht sich auf die Anforderungen an die unmittelbare
Wohnumgebung. Die Form der Wohnhäuser
eines Gebietes, die im Großen und Ganzen gleichen
Baumaterialien, die vergleichbare Struktur und
Raumgestaltung sowie der ähnliche Grundriss bilden durch ähnliche
Farben, Qualitäten und ihr Erscheinungsbild gemeinsam die
Note der Ansiedlung und verkörpern ihre tendenzielle
Gleichartigkeit. Gleichartigkeit heißt aber keinesfalls
identisch in diesem Fall. Bei näherem Betrachten offenbaren
sich hauptsächlich
in der Kombination der Form gebenden Elemente und in den
technischen Feinheiten zahllose kleine Unterschiede, die
ihren individuellen Charakter unter dem Deckmantel der
Harmonie von traditioneller Chinesischer
Kultur und Kunst entfalten und dabei sowohl das Bewusstsein
des Widererkennens verstärken
als auch einen hohen Anschauungswert genießen.
Traditionelle Wohnhäuser auf dem Land zählen im Gegensatz zur Stadtarchitektur wie
beispielsweise den Palästen, Tempeln oder Residenzen berühmter
Persönlichkeiten genauso wie die im Volk entstandenen
Slangs und Schlager, Volkstrachten, Volksgeschichten,
Stofftiger, Scherenschnitte und kandierten Früchte
auf Spießen
als Teil der volkstümlichen Kultur, die sich in den
untersten Schichten der Gesellschaft herausgebildet,
verbreitet und weiterentwickelt hat. Die breiten Massen
haben sie geschaffen, kosten sie aus und geben sie weiter.
Sitten und Gebräuche sind stets sehr volksnah, nahe an der
gesellschaftlichen und natürlichen Ökologie einer Region
und noch näher am Leben des Einzelnen selbst. Ihre Vitalität
und Kontinuität verdanken sie ganz simplen Zusammenhängen:
Die zahlreiche Landbevölkerung muss leben und sich weiter
entwickeln, sie muss mit begrenzten Mitteln, wenig Geld und
im Spielraum zwischen den natürlichen Vorgaben und ihren Wünschen
ihren Lebensraum gestalten.
Zu Recht kann man feststellen, dass chinesische
traditionelle Wohnhäuser
das Ergebnis des Fleißes, der Weisheit und Ideale des
breiten Volkes sind und somit die Geschichte des
chinesischen Volkes reflektieren.
Unter den chinesischen Wohnbauten finden sich
Prachtbauten wie Kaiserpaläste,
Schlösser und Residenzen und ausgewählte Gärten,
Lehranstalten und Tempel, die alle ausnahmslos auf der Basis
dieser traditionellen Wohnbauten mit ihrem urtümlichen
Charme gebaut wurden.