* Einleitung
 

* Linien in der traditionellen Chinesischen Malerei

* Bilder als Aufzeichnungen der Realität im Altertum Chinas

* Lob auf die Schönheit der Frauen

* Widerspiegelung der Tierwelt

* Chinesische Landschaftsmalerei im Altertum

* "Die Flußufer-Szene vom Qingming-Fest"

Die Tuschmalerei

Die Struktur mit partiellem Fokus der chinesischen Landschaftsmalerei

Die Malerei mit dem Motiv von "Vier Gentlemen", die Blumen- und Vogelmalerei und ihre Bedeutungen

Die "Gelehrte-Malerei" im Aufsteigen

Antike Karikaturen

Die Malerkreise in Suzhou während der Ming-Dynastie

Neue Durchbrüche in der Blumen- und Vogelmalerei

Die Verzerrung des Stils der Chinesischen Malerei

Maler im Wandel der Zeiten

Ba Da Shan Ren

Die Einführung der Europäischen Malerei in China

Das Blühen der Malerei in Yangzhou

Shanghai - Zentrum für die Malerei in den letzten Jahren der Qing-Dynastie

Das Ende der Gelehrte Malerei

Hundert Blumen blühen

 

 

Die Struktur mit partiellem Fokus der chinesischen Landschaftsmalerei - Mit den Landschaftsmalereien von Ma Yuan und Xia Gui als Beispiel

 

Von Panoramastruktur zu Struktur mit partiellem Fokus

Das 11. und das 12. Jahrhundert waren eine Periode, in der die Herrscher der Song-Dynastie durch die ständigen Invasionen des Reiches Jin, das von einem Volksstamm in Nordostchina gegründet worden war, gezwungen wurden. Nordchina zu verlassen und ihr Machtzentrum nach Lin'an (heute Hangzhou) in Südostchina zu verlegen. In der Geschichte wurden ihre Dynastien als Nördliche bzw. Südliche Song-Dynastie bezeichnet. Der Machtwechsel war begleitet von einer großen Veränderung in der Landschaftsmalerei: von einer Panoramastruktur zu Struktur mit partiellem Fokus.

Beginnend mit der Fünf Dynastien im 9 Jahrhundert, malten fast alle Maler Bilder mit einer Panoramastruktur, d.h., sie malten die Landschaft in deren Ganzheit. Sie malten z.B. einen Berg von seinem Gipfel bis seinem Fuß, was einen imposanten Eindruck erweckte. Ein repräsentatives Werk für diesen Stil ist das Bild "Reise ins Xishan-Gebirge" (Xi Shan Xing Lü Tu) von Fan Kuan, einem Maler, der in der Song-Dynastie lebte, das im Palastmuseum in Taipeh aufbewahrt wird. Das Bild stellt hohe Berge in Nordchina dar und macht einen imposanten Eindruck.

Die Nördliche Song-Dynastie ging im Jahr 1127 zu Ende, als die Soldaten des Reiches Jin ihre Hauptstadt Bianliang (heute Kaifeng) eroberten und den Song-Kaiser gefangen nahmen. Der Überrest der Song-Herrschaft floh nach Südchina und gründete die Südliche Song-Dynastie mit Lin’an als ihre Hauptstadt.

Die Verlagerung der Song-Macht von Nordchina nach Südchina war begleitet von einem interessanten Phänomen: Die Bilder mit Panoramastruktur wurden durch Bilder mit partiellem Fokus ersetzt. Manche Kritiker meinten, dass das mit der Okkupation Nordchinas durch einen fremden Volksstamm zu tun habe. Was die Maler malten, sei nichts anderes als "unvollständige Landschaft".

Diese Interpretation scheint ein bisschen an den Haaren herbeigezogen zu sein. Eine noch rationellere Interpretation ist folgendes: Als der Song-Hof nach Süden verlegt wurde, siedelten viele Maler, die in der nordchinesischen Malakademie gearbeitet hatten, auch nach Südchina um und ließen sich dort nieder. Südchina unterscheidet sich hinsichtlich der topographischen und klimatischen Bedingungen von Nordchina, was sich unvermeidlich in den Köpfen der Maler widerspiegelten. In der Nähe von Lin'an, der Hauptstadt der Südlichen Song-Dynastie, gibt es keine hohen Berge wie in Nordchina. Die Maler sahen eine ganz anderen Szenerie: steile Berge, murmelnde Bäche und in Dunst gehüllte Wälder. Wenn sie mit ihren Pinseln das, was sie sahen, wiedergaben, brachten sie natürlich andere Bilder zustande. Das ist der Grund, warum die Landschaftsmalereien der Nördlichen und der Südlichen Song-Dynastie verschieden sind.

Der Maler, der den Übergang von einer Panoramastruktur zu einer Struktur mit partiellem Fokus am besten repräsentierte, war Li Tang, der in den letzten Jahren der Nördlichen Song-Dynastie und in den ersten Jahren der Südlichen Song-Dynastie künstlerisch tätig war. Seine frühen Werke haben eine Panoramastruktur, während seine späteren Werke Zeichen für eine Struktur mit partiellem Fokus zeigen. Repräsentanten der Schule für die Malerei mit partiellem Fokus waren Ma Yuan und Xia Gui, die nach Li Tang vorkammen.

 

Die kurze Biographie von Ma Yuan

Ma Yuan (ca. 1170 - 1260) starb im Alter von 90 Jahren - ein selten hohes Alter in antiken China. Seine Vorfahren lebten in der heutigen Provinz Shanxi, aber er selbst wuchs in Lin’an, der Hauptstadt der Südlichen Song-Dynastie, auf.

Ma Yuan war in einer Malerfamilie geboren. Ma Ben, einer seiner Vorfahren, diente dem Song-Kaiser Hui Zong als Hofmaler. Sein Können wurde von seinen Söhnen, Enkeln und Urenkeln - Ma Xingzu, Ma Gongxian, Ma Shirong, Ma Kui und Ma Yuan - ererbt. Auch Ma Yuans Sohn, Ma Ling, diente am Song-Hof als Maler.

Ma Yuan war gut in der Landschafts-, Figuren-, Blumen- und Vogelmalerei. Er diente mehreren Song-Kaisern, einschließlich Kaiser Zhao Kuo (Regierungszeit: 1195 - 1224). Seine Werke gefielen besonders Zhao Kuo und dessen Frau.

 

"Tanzend und singend wandern" - ein repräsentatives Werk von Ma Yuan

Das Bild "Tanzend und singend wandern" (Ta Ge Tu) ist eines der repräsentativen Werke von Ma Yuan. Hierbei handelt es sich um ein Seidengemälde, das im Palastmuseum Beijings aufbewahrt wird. Es stellt natürliche Landschaft mit menschlichen Figuren dar.

Im Bild sind zum Himmel ragende Berge, in Nebel gehüllte Wälder aus Kiefern und ein sich schemenhaft abzeichnender Palastkomplex zu sehen. Im unteren Teil des Bildes steht ein riesiger Felsblock am Rand eines Feldes; ringsum stehen Weiden, Bambusse und Winterblumen; auf den Feldern arbeiten einige Bauern.

Das Bild ist mit "Tanzend und singend wandern" betitelt, weil es ein Gedicht von Wang Anshi, einem Kanzler der Nördlichen Song-Dynastie, das von Kaiser Zhao Kuo, einem Kaiser derselben Dynastie, kalligralhiert wurde, trägt. Die letzten zwei Verse des Gedichtes lauten:"Leute führen in einem Jahr reicher Ernte ein glückliches Leben, tanzend und singend gehen sie auf Feldrainen." "Ta Ge" (tanzen und singen) ist eine alte Sitte auf dem Lande in Südchina. Die Bauern tanzen und singen, um gute Ernten zu feiern. Nach dem Inhalt des Bildes und dem darauf geschriebenen Gedicht beurteilt, kann man feststellen, dass das Bild ein freudiges Gefühl für Frieden und Prosperität zum Ausdruck bringen will.

Landschaft bildet den Hauptteil des Bildes. Aufgrund des einzigartigen Stils des Malers bei der Pinselführung sind die Felsen im Bild scharf konturiert und sehen solid und hart aus, als ob sie mit einer riesigen Axt gehauen worden wären. Kunstkritiker späterer Generationen bezeichneten Ma Yuans Methode als "Axthieb-Technik".

Die menschlichen Figuren im Bild sind am attraktivsten. Der Maler zeichnete nur sechs Menschen - vier Erwachsene und zwei Kinder. Der Mann in der Mitte ist ein alter, weißhaariger Mann mit einem Stock in der rechten Hand. Er scheint singend zu gehen. Ihm folgen drei Gefährten, von denen einer, der die Nachhut bildet, eine Kalebasse mit Wein auf dem Rücken trägt und hinkt. Diese vier Männer, die offensichtlich in verschiedenem Grad betrunken sind, tanzen und gestikulieren vor Freude, wobei sie ihre persönliche Würde über Bord geworfen haben. Unweit vorne sind zwei Kinder, die wahrscheinlich ihre Nachkommen sind. Sie lachen über das merkwürdige Benehmen ihrer betrunkenen Älteren. Im Kontrast zur schönen Landschaft stehen diese Personen mit ihren ein bisschen übertriebenen Bewegungen recht interessant aus.

Wenn er ein Bild malte, konzentrierte Ma Yuan oft die dargestellten Objekte wie Felsen und Häuser auf eine Ecke des Bildes und ließ einen leeren Raum frei. Das ist besonders für kleine Landschaftsbilder der Fall. Daher gaben ihm Kunstkritiker den Spitznamen "Ecke Ma". Mas Stil spiegelt sich auch in dem obenerwähnten Bild wider.

 

Xia Gui, der Ma Yuan in der Popularität ebenbürtig war

Wie Ma Yuan arbeitete Xia Gui in der Malakademie der Südlichen Song-Dynastie. Als Maler erfreute sich Xia gleicher Berühmtheit wie Ma.

Xia Gui, geboren in Lin'an (heute hangzhou). War jünger als Ma Yuan (Sein Geburts- und Todesdatum ist unbekannt) und diente wie Ma als Hofmaler. Sein Sohn, Xia Sen, war auch ein Maler.

Während Ma Yuan als "Ecke Ma" bezeichnet wude, war Xia Gui als "Hälfte Xia" bekannt, weil er pflegte, die dargestellten Objekte auf eine Hälfte des Bildes zu konzentrieren.

Xia Gui benutzte beim Malen nur Tusche und gebrauchte sehr selten Farben. Als Resultat sehen seine Bilder einfach und elegant aus.

Sein bekannteste Werk ist das Bild "Klare Bäche und ferne Berge" (Xi Shan Qing Yuan Tu), das im Palastmuseum in Taipeh aufbewahrt wird. Es ist eine lange horizontale Bildrolle, auf der Gipfel, Schluchten, Bäche und Seen gezeichnet sind.

Der Maler benutzte nur Tusche zum Malen. Mit kraftvoller Pinselführung malte er verschiedene Objekte, so dass diese lebensecht wirken. Er malte z.B. mit Tuschpunkten, die er schnell mit der Pinselspitze produzierte, Baumblätter und Moose auf der Oberfläche von Felsen. Das zeigt seine meisterhaften Fertigkeiten bei der Pinselführung. Verglichen mit den Werken von Ma Yuan, sehen die Bilder von Xia Gui noch ungekünstelter und natürlicher aus.