Die Reformbewegung von 1898
Die Niederlage im Krieg gegen Japan und die Aufteilung Chinas durch die
westlichen Mächte rüttelten
das chinesische Volk wach. Im Jahr 1898 leiteten bürgerliche
Reformisten eine Reformbewegung für die
Wiederbelebung der chinesischen Nation ein.
Die Entstehung des Proletariats und der nationalen
Bourgeoisie in China
Schon vor dem Opiumkrieg war der Keim des Kapitalismus in China gelegt.
Nach dem Opiumkrieg kam der ausländische
Kapitalismus nach China, was günstige Bedingungen für
die Entwicklung eines nationalen Kapitalismus schuf.
Schon in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts hatten Großbritannien, Frankreich und einige andere
kapitalistische Länder in den chinesischen Handelshäfen
Werften und Fabriken errichtet. Das war die
Geburtsstunde des chinesischen Industrieproletariats.
Nach den 60er Jahren wurden im Zuge der Bewegung zur
Verwestlichung zahlreiche Fabriken gebaut. Mit der
Entstehung und Entwicklung des chinesischen
Kapitalismus wurden die Reihen der chinesischen
Industriearbeiter immer stärker.
Von den 70er Jahren an wurden bereits zahlreiche moderne Betriebe von
Chinesen selbst gegründet. Anfang der
90er Jahre gab es über 100 solche Betriebe mit etwa
30 000 Beschäftigten. Es handelte sich hauptsächlich
um die Leichtindustrie wie Seidenspinnereien,
Baumwollfabriken, Weizenmühlen, Papierherstellung,
Druckereien, Streichholzfabriken usw. Es gab auch
einige Bergwerke. In der Regel waren diese Betriebe
relativ klein, aber mit dem Aufkommen der modernen
Industrie entstand so eine nationale Bourgeoisie in
China.
Nach dem Chinesisch-Japanischen Krieg kam es in ganz China wieder zu
einer Welle von Fabrikeröffnungen. Zwischen
1895 und 1898 wurden 62 neue Betriebe von chinesischen
Unternehmern errichtet. Die Investition von 12,4
Millionen Silberdollar in diese Betriebe übertraf die
gesamten chinesischen Investitionen in den 30 Jahren
vor dem Chinesisch-Japanischen Krieg. Die nationale
Bourgeoisie Chinas wurde dadurch noch stärker. Das mächtigste
Element dieser Klasse war ihre aus ehemaligen Beamten,
früheren Grundherren und reichen Kaufleuten
zusammengesetzte Oberschicht, die in engen Beziehungen
mit ausländischen Kapitalisten und heimischen
Feudalkräften stand. Sie wollten den Kapitalismus zur
Abwendung der nationalen Krise entwickeln und wählten
den Weg des Reformismus, der Veränderung der
Institutionen und der Modernisierung.
Entstehung, Entwicklung und Niederlage der
Reformbewegung
Die reformistischen Ideen der 70er und der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts,
die auf eine Änderung des Status
quo Chinas zielten, führten nach dem
Chinesisch-Japanischen Krieg zu einer weitverbreiteten
politischen Bewegung. An deren Spitze standen Kang
Youwei (1858-1927), Liang Qichao (1873-1929), Yan Fu
(1853-1921) und Tang Sitong (1865-1898), die sich für
eine Reform der chinesischen Institutionen und für
die Modernisierung des Landes einsetzten. Man
bezeichnet sie als Reformistengruppe.
Die Reformistengruppe meinte, dass China nur durch Reformen gerettet
werden könne und von den
kapitalistischen Ländern des Westens lernen müsse,
wenn die Reformen erfolgreich sein sollten. Vom Westen
lernen, das hieß in ihren Augen nicht nur Aneignung
von Wissenschaft und
Technik, sondern auch Übernahme
politischer Institutionen des Westens. So wollten sie
aus China eine konstitutionelle Monarchie machen. Als
die Unterzeichnung des Shimonoseki-Vertrags von 1895
bekannt wurde, war Kang Youwei gerade in Beijing, um
das Hauptstadtexamen abzulegen. Er sandte eine
Petition, die von 1300 Examenskandidaten
unterzeichnet worden war, an Kaiser Guangxu (Reg.
1875-1808). Die Petition drückte die Opposition gegen
den Vertrag aus und verwies auf die Notwendigkeit von
Reformen. Zwischen 1888 und 1898 sandte Kang Youwei
sieben solche Petitionen an Kaiser Guangxu, immer mit
den gleichen Forderungen. Viele Intellektuelle wie er
gaben Zeitungen heraus, gründeten Schulen und
organisierten akademische Gesellschaften, alles in
der Absicht, die Öffentlichkeit über den Ernst der
nationalen Krise und die Notwendigkeit von Reformen
aufzuklären.
Bereits vor dem Chinesisch-Japanischen Krieg war es am Kaiserhof zu
Auseinandersetzungen zwischen der Fraktion des Kaisers
Guangxu und der Kaiserinwitwe Cixi gekommen. Kaiser
Guangxu (1871-1908) bestieg im Jahr 1875 den Thron im
Alter von vier Jahren. Er übernahm
zwar im Jahr 1887 offiziell die Regierungsgeschäfte,
die wirkliche Macht blieb jedoch immer noch in der
Hand der Kaiserinwitwe Cixi. Als der
Chinesisch-Japanische Krieg die chinesische Nation in
eine politische Krise stürzte, wollte die Fraktion
des Kaisers Reformen durchführen, um der Fraktion der
Kaiserinwitwe Cixi die Macht zu entreißen. So zählten
die Reformisten auf die Unterstützung des Kaisers.
Die Besetzung der Jiaozhou-Bucht durch Deutschland im November 1897
war das Signal für die beginnende
Aufteilung Chinas durch westliche Länder. Im
folgenden Jahr wies Kang Youwei in einer weiteren
Petition an Kaiser Guangxu daraufhin, dass die
drohende Katastrophe nur durch Reformen abzuwenden wäre.
Der Kaiser nahm die Vorschläge an und berief einige
der Reformisten als Beamte an den Kaiserhof. Am 11.
Juni 1898 erklärte Kaiser Guangxu eine
institutionelle Reform, ernannte Kang Youwei zum
Berater für die Reform und Tan Sitong, Liu Guangdi,
Yang Rui und Lin Xu zu Mitarbeitern des Staatsrates für
die mit der institutionellen Reform zusammenhängenden
Angelegenheiten. In den 103 Tagen vom 11. Juni bis zum 21. September 1898 erging eine
ganze Reihe von Reformedikten. Um die Wirtschaft zu fördern,
sollte bei der Zentralregierung ein Amt für
Landwirtschaft, Industrie und Handel eingerichtet
werden. Ein weiteres Amt sollte sich um den Bau von
Eisenbahnen und Bergwerken kümmern. Eine Reform der
staatlichen Finanzverwaltung und ein Budgetsystem
waren geplant. An politischen Rechten wurden den Bürgern
die Pressefreiheit und das Recht auf Petitionen an den
Kaiser zugesichert. Weitere Punkte waren eine
Korrektur der Gesetze und die Entlassung überflüssiger
Beamter. Die Regierung sollte ehrlich und
unbestechlich sein. Eine moderne Ausbildung des Heeres
und der Marine standen ebenfalls auf dem Programm. Auf
dem Gebiet der Kultur war u. a. vorgesehen, das ursprüngliche
Prüfungssystem zu revidieren, die starren "achtgliedrigen
Aufsätze" abzuschaffen und wissenschaftliche
Arbeiten und Erfindungen zu fördern und
auszuzeichnen. Alle privaten Akademien, Familienschreine,
Ahnentempel und Klöster in verschiedenen Orten
sollten in Grund- und Mittelschulen umgewandelt
werden. In der Hauptstadt Beijing war ein kaiserliches
Seminar geplant, und an allen Schulen sollten
westliche und chinesische Fächer unterrichtet werden.
Ein Übersetzungsbüro sollte zur Übertragung ausländischer
Werke ins Chinesische eingerichtet werden. Doch die
Ultrakonservativen mit der Kaiserinwitwe Cixi an der
Spitze verhinderten mit allen Kräften die Durchführung
der Reformgesetze. Am 21. September 1898 inszenierte
Cixi mit Unterstützung von Ronglu und Yuan Shikai
(1858-1916) einen Palastputsch, ließ Kaiser Guangxu
arrestieren, übernahm offiziell die Regierungsgeschäfte
und befahl die Verhaftung der Reformisten. Alle
Reformen wurden abgeblasen, nur das Kaiserliche
Seminar in Beijing durfte weiter existieren. (Es wurde
zur Vorläuferin der Peking-Universität). Kang Youwei
und Liang Qichao hatten vorher von dem geplanten
Putsch Wind bekommen und waren ins Ausland geflohen,
Tan Sitong und fünf andere führende Reformisten aber
wurden verhaftet und hingerichtet. Die ganze Reform
hatte nur 103 Tage gedauert, und so ist sie als die
„Reform der hundert Tage" in die Geschichte
eingegangen.