Der Taiping-Bauernkrieg
Die große Taiping-Revolution war die größte
Bauernerhebung in der chinesischen Geschichte. Sie
errichtete eine politische Staatsmacht, das Himmlische
Reich des Großen Friedens (Taiping Tianguo), konnte
über 14 Jahre hinweg den Kampf auf den Großteil
Chinas ausdehnen, indem die Taiping-Armee mehr als 600
Städte eingenommen und ihren Einfluss bis in 18
Provinzen ausgebaut hatte, und versetzte der
Feudalherrschaft der Qing-Dynastie und den ausländischen
Aggressoren schwere Schläge.
Der Jintian-Aufstand
Der Opiumkrieg verdoppelte das Leiden des
chinesischen Volkes. Das Handwerk in den Handelshäfen und den umliegenden Gebieten schrumpfte durch
Importe von Baumwolltextilien und anderen Industriegütern
aus dem Westen. Gleichzeitig verbreitete sich die
Opiumsucht durch den zunehmenden Opiumschmuggel - 50
000 Kisten waren es im Jahr 1850. Dazu kamen noch zusätzliche
Steuerlasten, die die Qing-Regierung den Bauern
auferlegte, um die Kriegskosten und Entschädigungen
zu zahlen. Die Bauern erhoben sich zu Aufständen.
Aufzeichnungen zufolge wurden zwischen 1842 und 1850
mehr als 100 größere Bauernaufstände registriert.
Bis 1851 verschmolzen die zahlreichen
Widerstandsbewegungen des Volkes miteinander zu einem
reißenden Strom. Das war der groß angelegte
Bauernaufstand des Himmlischen Reiches des Großen
Friedens unter Führung von Hong Xiuquan.
Hong Xiuquan (1814-1864), aus einer
Bauernfamilie im Kreis Huaxian (heute Huadu), Provinz
Guangdong, stammend, war eigentlich ein Dorflehrer
gewesen. Nachdem er in den staatlichen Beamtenexamen
versagt hatte, erregte er sich zusehends über das Elend des Volkes, die Korruption der Regierung und die
Niederlage seines Landes im Opiumkrieg. So entstand in
ihm der Gedanke zum Aufstand. Er erhob einige
christliche Ideen zu einer neuen Lehre und gründete
1843 die geheime "Gesellschaft zur Verehrung
Gottes" (Bai Shang Di Hui), und unter ihren
ersten Mitgliedern fanden sich sein Schulkamerad Feng Yunshan
(ca. 1815-1852) und sein Vetter Hong Rengan
(1822-1864).
Nach
1844 propagierten Hong Xiuquan und Feng Yunshan in
Gebirgsgegenden von Guangxi die neue Lehre und vergrößerten
in drei Jahren ihre geheime Organisation um mehr als
3000 Mitglieder.
Am
11. Januar 1851 rief Hong Xiuquan den Aufstand im Dort
Jintian, Kreis Guiping, Provinz Guangxi, aus. Er
organisierte eine eigene Armee, nannte sein Regime das
Taiping Tianguo ("Himmlisches
Reich des Großen Friedens"), seine Armee "Armee
für den großen Frieden" und sich selbst
Himmelskönig. Im September eroberte die Taiping-Armee
Yong'an (heute Kreis Mengshan, Autonomes Gebiet
Guangxi) und errichtete ein neues politisches und
militärisches System.
Die
Qing-Regierung entsandte starke Truppenverbände
zur Einkreisung der Stadt Yong'an. Im April 1852
durchbrach die Taiping-Armee bei Yong'an die
Einkreisung, zog von Guangxi aus nach Norden über
Hunan, wobei sie von der lokalen Bevölkerung
begeistert begrüßt und erheblich vergrößert wurde,
und griff Hubei an. Im Januar 1853 besetzte sie
Wuchang, die Hauptstadt der Provinz Hubei. Inzwischen
war sie auf 500 000 Mann angewachsen. Im Februar gab
sie Wuchang auf und rückte ostwärts den Changjiang
entlang. Ohne zu kämpfen, brachen die Qing-Truppen
zusammen. Im März eroberte die Taiping-Armee die
Stadt Nanjing. Danach wurde Nanjing in Tianjing
(Himmlische Hauptstadt) umbenannt und zur Hauptstadt
des Himmlischen Reiches des Großen Friedens erklärt.
So entstand eine mit der Qing-Regierung mehr als zehn
Jahre lang konfrontierte Staatsmacht.
Das
Himmlische Reich erließ
das "Bodengesetz des Himmlischen Reiches",
dem gemäß das Land je nach Qualität in neun
Kategorien eingeteilt und den Bauern pro Kopf zu
gleichen Teilen und unabhängig vom Geschlecht
verteilt werden musste. Mit diesem Bodensystem hoffte
das Himmlische Reich eine ideale Gesellschaft zu
errichten, in der „alles Land, alle Nahrung und
Kleidung sowie das ganze Geld unter allen gleichmäßig
verteilt werden und alle unter dem Himmel gut ernährt
und gut gekleidet sein können".
Den
Frauen gegenüber
verfolgte das Himmlische Reich eine Politik der
Gleichheit von Mann und Frau. Prostitution sowie Kauf
und Verkauf von Sklavenmädchen
wurden verboten. Eine Frauenarmee wurde gegründet,
weibliche Beamte wurden ernannt, und Frauen nahmen an
der produktiven Arbeit teil und genossen das Recht,
sich an den Beamtenexamen zu beteiligen.
In
der Außenpolitik
widersetzte sich das Himmlische Reich den ungleichen
Verträgen und der ausländischen Aggression und
belegte den Import vom Opium mit einem strengen
Verbot. Zwischen April 1853 und Juni 1854 versuchten
Gesandte Großbritanniens, Frankreichs und der USA in
Tianjing die Anerkennung der ungleichen Verträge
durch das Himmlische Reich zu erreichen, jedoch ohne
Erfolg.
Die
Expeditionen der Taiping-Armee
Zehn
Tage nach Eroberung Nanjings durch die Taiping-Armee
errichtete die Qing-Armee das Große
Süd- und das Große Nordlager vor der Hauptstadt des
Himmlischen Reiches Tianjing bzw. der Stadt Yangzhou,
und die Qing-Regierung ergriff Maßnahmen zur massiven
Unterdrückung der Taiping-Armee. Angesichts dessen
begannen die Hauptkräfte der Taiping-Armee mit ihren
Expeditionen gegen die Qing-Herrschaft.
Im
Mai 1853 traten mehr als 20 000 Mann der Taiping-Armee
die nördliche
Expedition an. Sie eroberten in kurzer Zeit mehrere
Provinzen und standen schon im Oktober vor Tianjin.
Nach zweijährigen blutigen Kämpfen endete der
Nordfeldzug der Taiping-Armee jedoch mangels Getreide
und Verstärkung im Jahr 1855 mit einer Niederlage.
Gleichzeitig
mit dem Nordfeldzug begann im Mai 1853 eine westliche
Expedition zur Sicherung der Hauptstadt Tianjing. Eine
Flotte mit 1000 Schiffen zog den Changjiang hinauf.
Die Taiping-Armee eroberte mehr als 20 Städte
und Kreise in der Provinz Anhui. Als sie jedoch 1854
die Provinz Hunan erreichte, stieß sie auf einen
starken Widerstand der Hunan-Armee unter Zeng Guofan
(1811-1872). Nach einer Reihe von Rückschlägen zog
sich die Taiping-Armee aus Hunan und Hubei zurück,
errang jedoch im Frühjahr 1855 einen großen Sieg über
die Hunan-Armee, wobei deren mehr als 40 Schiffe in
Brand gesteckt und außer Gefecht gesetzt wurden. Nach
dreijährigen Kämpfen errangen die
Taiping-Truppen im Frühjahr
1856 einen weiteren großen Sieg im Kampf gegen die
Bedrohung der Taiping-Hauptstadt durch die Qing-Armee,
indem u. a. die beiden Großen Lager vernichtet
wurden. Das Himmlische Reich des Großen Friedens
erreichte damit den Höhepunkt seiner Militärmacht.
Die
Niederlage der Taiping-Revolution
Eben
zu dieser Zeit kam es im September 1856 unter den Führern
des Himmlischen Reiches zu einem offenen Bruch. Wei
Changhui, der Nördliche König des Himmlischen
Reiches, ein Mann mit persönlichen Ambitionen, tötete
den militärischen Führer Yang Xiuqing, den Östlichen
König des Himmlischen Reiches, und mehr als 20 000
von dessen Anhängern. Dafür ließ der Himmelskönig
Hong Xiuquan ihn mit Unterstützung der Armee und Bevölkerung
der Hauptstadt Tianjing hinrichten. Ein anderer
Taiping-Führer, Shi Dakai, der der Flügelkönig der
Himmlischen Reiches war, verließ im Jahr 1857 mit
seinen mehr als 100 000 Mann starken Elitetruppen die
Hauptstadt, da er dem Himmelskönig misstraute, und
wurde im Jahr 1863 schließlich von der Qing-Armee
vernichtet.
Die
Macht des Himmlischen Reiches des Großen
Friedens wurde durch den inneren Kampf seiner Führer
schwer erschüttert. Die Qing-Armee fasste die günstige
Gelegenheit beim Schöpf und ging zum Gegenangriff über.
Sie gewann viele Orte am Mittel- und Unterlauf des
Changjiang zurück und baute das Große Süd- und
Nordlager wieder auf. So war Tianjing wieder
eingekreist. Die militärische Macht des Himmlischen
Reiches ging zur Defensive über.
Um
das Blatt zu wenden, ernannte Hong Xiuquan die beiden
jungen Generäle
Chen Yucheng und Li Xiucheng zu Kommandeuren der
Taiping-Armee und Hong Rengan zum Premier des
Himmlischen Reiches. 1858 zerschlugen die vereinigten
Truppen von Chen Yucheng und Li Xiucheng das Große
Nordlager der Qing-Armee und errangen in der Schlacht
von Sanhezhen, Provinz Anhui, einen großen Sieg. Im
Mai 1860 zerschlug die Taiping-Armee das Große Südlager
der Qing-Armee und besetzte weitere Gebiete in den
Provinzen Jiangsu und Zhejiang. Die Bedrohung von
Tianjing war vorläufig beseitigt. Später ging die Hunan-Armee
wieder zum Gegenangriff über
und umzingelte Anqing in der Provinz Anhui, das
Vorwerk von Tianjing. Im September 1861 fiel Anqing.
1862 wurde der 26-jährige Chen Yucheng gefangen
genommen und getötet. Die Hunan-Armee rückte ostwärts
den Changjiang entlang und setzte Tianjing unter
Druck.
Zur
Unterdrückung
der Taiping-Revolution trugen auch ausländische Kräfte
in Kollaboration mit der Qing-Regierung bei. Ein
Amerikaner namens F. T. Ward stellte zur Unterdrückung
der Taiping-Revolution ein "Regiment der ausländischen
Gewehre" auf, und auch Großbritannien und
Frankreich organisierten dazu bewaffnete Verbände.
Trotz heldenhafter Widerstände konnte die
Taiping-Armee den gemeinsamen Angriffen der in- und
ausländischen Streitkräfte nicht mehr standhalten.
Im
Juni 1864 starb Hong Xiuquan an einer Krankheit, und
im Juli sprengte die Hunan-Armee die Stadtmauern von
Tianjing, und die Hauptstadt des Himmlischen Reiches
fiel schließlich
am 19. Juli nach erbitterten Straßenkämpfen. Li
Xiucheng wurde beim Durchbruch der Einkreisung
gefangen genommen und später getötet. Die
Taiping-Revolution endete mit einer Niederlage, sie
hatte jedoch die feudale Herrschaft der Qing-Dynastie
in ihren Grundfesten erschüttert. Die übrigen
Truppen der Taiping-Armee setzten nördlich und südlich
des Changjiang den Kampf bis 1868 fort.