Der Opiumkrieg
Der Opiumkrieg stellt einen bedeutenden Wendepunkt in Chinas Geschichte
dar. Vor dem Krieg war China ein unabhängiger
Feudalstaat gewesen, der ohne Einmischung von außen
die uneingeschränkte Staatsgewalt ausübte. Nach der
Unterwerfung der Qing-Herrscher durch die Briten und
der Unterzeichnung des ungleichen Vertrags von Nanjing
1842 verwandelte sich China jedoch Schritt für
Schritt in ein halbkoloniales und halbfeudales Land.
Die Bewegung für
das Opiumverbot
Schon vor den 40er
Jahren des 19. Jahrhunderts war Großbritannien ein
hoch entwickeltes kapitalistisches Land. Nachdem seine
koloniale Kontrolle über Indien gefestigt worden war,
richtete sich seine Aggression gegen China. Zu dieser
Zeit war China noch ein selbstisolierter Feudalstaat
mit einer dominierenden autarkischen
Naturalwirtschaft. Britische Industriewaren fanden in
China keinen guten Absatz. Um Tee, Rohseide und andere
Produkte in China zu kaufen, musste Großbritannien
große Menge von Silber ausgeben. So nahm es seine
Zuflucht zu bewaffnetem Schmuggel und Bestechung
chinesischer Beamter mittels Opium. Opium wurde in
immer größerer Menge nach China gebracht. Im Jahr
1820 beispielsweise waren es über 4000 Kisten Opium (über
60 Kilo pro Kiste); im Jahr 1838 waren es schon mehr
als 40 000 Kisten, was für China bedeutete, dass eine
große Menge von Silber abfloss. In den 20 Jahren vor
1840 betrug der Abfluss an Silber aus China 100
Millionen Tael. Der Silberpreis stieg, die Last der
Bauern nahm zu, und die Qing-Regierung kam in immer größere
finanzielle Schwierigkeiten. Damit ging die Zahl der
Opiumraucher rapide in die Höhe, die feudalen
Herrscher wurden immer korrupter, und die Kampfkraft
der chinesischen Armee wurde geschwächt.
Der Qing-Kaiser Daoguang (Reg. 1821-1850) fürchtete
eine Bedrohung seiner Herrschaft und schickte im
Jahr 1838 den Generalgouverneur von Hunan und Hubei,
Lin Zexu (1785-1850), als Kaiserlichen
Sonderbeauftragten nach Guangzhou, um den Opiumhandel
zu unterbinden. In Guangzhou angekommen, ließ Lin
Zexu Opiumhändler festnehmen, bestrafte bestechliche
Beamte und befahl ausländischen Kaufleuten die Aushändigung
ihres Opiums, und diese mussten sich auch per
Unterschrift verpflichten, nie wieder Opium nach China
zu bringen. Charles Elliot, der britische
Handelsinspektor in China, versuchte nach Kräften,
das Verbot zu durchlöchern, indem er die britischen
Kaufleute davon abbringen wollte, ihr Opium auszuhändigen
und die Verpflichtung zu unterschreiben. Darüber
hinaus befahl er den vor der Mündung des Perlflusses
vor Anker liegenden britischen Schiffen zu fliehen. Im
Gegenzug verfügte
Lin Zexu ein Verbot des chinesisch-britischen Handels
überhaupt und ließ das Wohnviertel der britischen
Kaufleute von Truppen bewachen. Charles Elliot war
gezwungen, von den britischen Kaufleuten die Übergabe
von 20 000 Kisten Opium mit einem gesamten Gewicht von
mehr als 1,15 Millionen kg zu verlangen. Am 3. Juni
1839 gab Lin Zexu den Befehl, all dieses
beschlagnahmte Opium am Strand von Humen zu
verbrennen. Vom 3. bis zum 25. Juni wurde das Opium öffentlich
verbrannt. Kurz danach kündigte Lin Zexu die Wiederherstellung
des normalen Handels zwischen China und Großbritannien
an - unter der Voraussetzung des strengen Opium
Verbots.
Der
Opiumkrieg
Nach
der öffentlichen
Verbrennung des Opiums in Humen drängte Charles
Elliot die britische Regierung, einen Vergeltungskrieg
gegen China zu beginnen. Im April 1840 verabschiedete
das britische Parlament eine Resolution für einen Krieg
gegen China, und im Juni griff Großbritannien mit
einer Flotte von über 40 Kriegsschiffen und etwa 4000
Mann die Küste von Guangzhou an. So begann der
Opiumkrieg.
Da die Armee und die Bevölkerung
von Guangzhou für einen Gegenangriff gut vorbereitet
waren, rückten die britischen Kriegsschiffe nach
Norden gegen Xiamen (Amoy) in der Provinz Fujian vor.
Dort wurden sie ebenfalls von der Armee und Bevölkerung
zurückgeworfen. Später attackierten und eroberten
sie Dinghai, Provinz Zhejiang, und setzten ihren Zug
nach Norden fort. Im August erreichten sie den Hafen
von Tianjin und bedrohten die Hauptstadt Beijing.
Unter der Bedrohung der Kanonen begann die
Qing-Regierung zu schwanken. Sie enthob Lin Zexu
seines Amtes, leitete eine Untersuchung gegen ihn ein
und ließ ihn bestrafen. Qishan, der Generalgouverneur
von Zhili (heute Hebei), wurde zum Kaiserlichen
Sonderbeauftragten ernannt und zu Friedensverhandlungen
mit den Briten nach Guangzhou geschickt.
Im Januar 1841 griffen die Briten plötzlich
die Festung außerhalb von Humen an und eroberten sie,
während die Verhandlungen noch im Gange waren. Qishan
sah sich gezwungen, das Provisorische Abkommen von
Chuanbi zu unterzeichnen, in dem die Abtretung von
Hongkong an Großbritannien, die Zahlungen von
Schadenersatz für das verbrannte Opium und die Eröffnung
Guangzhous als Handelshafen festgelegt wurden.
Da der Kaiser Daoguang die Abtretung von Territorien und Reparationszahlungen
als Affront seiner kaiserlichen Autorität
ansah, entließ er Qishan und erklärte Großbritannien
den Krieg. Sein Neffe Yishan wurde zur Leitung der
militärischen Angelegenheiten nach Guangzhou
entsandt. Noch vor dessen Ankunft griffen die Briten
im Februar mit starker Übermacht die Festung Humen
an. Mehr als 400 chinesische Verteidiger kämpften
unter Führung des Admirals Guan Tianpei (1781-1841)
bis zum letzten Blutstropfen. Als im Mai die Briten
Guangzhou mit Kanonen beschossen, hisste Yishan die
weiße Flagge, bat um Frieden und schloss das Abkommen von Guangzhou ab, im dem er sich
verpflichtete, sechs Millionen Silberdollar an
Kriegsentschädigung zu zahlen.
Im Gebiet des Dorfes Sanyuanli im nördlichen
Vorort von Guangzhou begannen britische Soldaten mit
Plünderungen. Am 29. Mai 1841 töteten wütende
Dorfbewohner von Sanyuanli mehrere plündernde
britische Soldaten. Sie organisierten zusammen mit
Bewohnern benachbarter Dörfer eine Streitmacht gegen
die Briten. Am 30. Mai fielen 1000 britische Soldaten
in Sanyuanli ein und wurden von den Dorfbewohnern mit
Unterstützung von Bauern und Handwerkern aus 103
umliegenden Dörfern vernichtet. Das war die erste
spontane Erhebung der Chinesen gegen ausländische
Aggressoren in der neueren Geschichte Chinas.
Die britische Regierung war mit ihren Vorteilen aus dem Provisorischen
Abkommen von Chuanbi unzufrieden und schickte Henry
Pottinger mit 26 Kriegsschiffen und 3500 Mann, um den
Aggressionskrieg auszudehnen. Im August 1841 eroberten
britische Truppen Xiamen, Provinz Fujian, und im
Oktober Dinghai, Provinz Zhejiang. Auch die Städte
Zhenhai und Ningbo, beide in der Provinz Zhejiang,
gingen verloren. Fast zur selben Zeit griffen sie die
Insel Taiwan an, wurden aber zurückgeschlagen. Im
Juni 1842 attackierten die Briten Wusong bei Shanghai
an der Mündung des Changjiang, was mit einem
erbitterten Widerstand beantwortet wurde, eroberten
schließlich aber Shanghai und Zhejiang. Im August rückten
britische Kriegsschiffe auf dem Changjiang
gegen Nanjing vor.
Der Vertrag von Nanjing
Als die britischen Kriegsschiffe bei Nanjing vor Anker lagen, schickte
die Qing-Regierung einen Kaiserlichen
Sonderbeauftragten namens Qiying auf ein britisches
Schiff zu Friedensverhandlungen. Am 29. August 1842
unterzeichnete er als Vertreter der Qing-Regierung den
berüchtigten
Chinesisch-Britischen Vertrag von Nanjing, der eine
Schmach für die chinesische Nation bedeutet. Das war
der erste ungleiche Vertrag in der modernen
chinesischen Geschichte.
Der Vertrag von Nanjing sah in seinen 13 Artikeln u. a. vor: China öffnet Guangzhou, Xiamen, Fuzhou, Ningbo und
Shanghai als Han
delshäfen, tritt Hongkong an Großbritannien ab und
zahlt eine Entschädigung von 21 Millionen
Silberdollar; Zölle für Exporte und Importe und
andere Abgaben für britische Waren sollten im
beiderseitigen Einverständnis festgelegt werden.
Im darauf folgenden Jahr zwang Großbritannien
die Qing-Regierung zur Unterzeichnung der Allgemeinen
Regelung über den britischchinesischen Handel in
den fünf freien Handelshäfen und des Vertrags von
Humen als Zusätze zum Nanjing-Vertrag. In den beiden
Dokumenten wurde u. a. vorgeschrieben, dass der
chinesische Zoll für britische Waren auf 5% beschränkt
wurde, dass die Briten berechtigt waren, in den
Handelshäfen Land zu pachten und Häuser für ihren
ständigen Aufenthalt zu bauen, und dass die Briten
Privilegien wie konsularische Jurisdiktion und eine
einseitige Meistbegünstigung in China genossen.
Auf den Nanjing-Vertrag folgten ähnliche
ungleiche Verträge mit anderen kapitalistischen
Staaten: Die Vereinigten Staaten zwangen im Jahr 1844
den Qing-Hof zur Unterzeichnung des Vertrags von
Wangxia (Wang-hea), und im selben Jahr unterschrieb
der Qing-Hof den Vertrag von Huangpu (Whampoa) mit
Frankreich. Durch diese beiden Verträge erwarben sich
die USA und Frankreich alle im Nanjing-Vertrag und
dessen Zusatzdokumenten festgelegten Privilegien, außer
der Abtretung von Territorien und den
Reparationszahlungen. Außerdem gewannen die USA das
Sonderrecht, "zum Schutz ihres Handels"
Kriegsschiffe in Chinas Häfen zu stationieren und in
den fünf Handelshäfen Kirchen und Krankenhäuser zu
bauen. Mittlerweile zwang Frankreich die
Qing-Regierung, das Verbot des Katholizismus
aufzuheben und Katholiken zu gestatten, in den
Handelshäfen zu missionieren. Die Protestanten
gewannen kurz danach das gleiche Privileg.
Mit dem Nanjing-Vertrag und den anderen ungleichen
Verträgen verlor China seine politische Unabhängigkeit.
Der Zufluss ausländischer Waren führte dazu, Chinas
Feudalwirtschaft schrittweise zu zersetzen. So
verwandelte sich China nach und nach in eine
halbkoloniale und halbfeudale Gesellschaft.