Die Westliche Han-Dynastie
Auf die 15-jährige
Herrschaft der Qin-Dynastie folgte ein vierjähriger Konflikt zwischen dem Staat Chu
unter Xiang Yu und dem Staat Han unter Liu Bang, bevor die
Han-Dynastie für die nächsten 400 Jahre das Land beherrschen konnte. Die
Historiker teilen die Han-Dynastie in die Westliche Han-Dynastie (202 v. Chr.-5 n.Chr.) und in
die Östliche Han-Dynastie (25-220). Zwischen der
Westlichen und der Östlichen Han-Dynastie
lag ein Intervall von 18 Jahren, als Wang Mang und
dann Liu Xuan regierten, und manche Historiker zählen
diese 18 Jahre auch zur Westlichen Han-Dynastie. Die
Westliche Han-Dynastie hatte elf Kaiser und
eine Kaiserin aus zehn Generationen.
Gründung und Festigung
Nach
dem Untergang der Qin-Dynastie einigte Liu Bang
(256-195 v. Chr.) das chinesische Reichsgebiet und gründete
die Han-Dynastie. Da die neue Dynastie ihre Hauptstadt
nordwestlich der heutigen Stadt Xi'an, Provinz
Shaanxi, also im Westen, hatte, wird sie von Historikern als "Westliche
Han-Dynastie" bezeichnet.
Wenn es Liu Bang auch
gelang, 206 v. Chr. erster Kaiser der Han-Dynastie
zu werden, so dauerte der Kampf zur Errichtung und
Festigung der
Dynastie fast 66 Jahre (207-114 v. Chr.) an.
Die neue Dynastie folgte dem Beispiel der
Qin-Dynastie hinsichtlich des
Regierungssystems. Wirksame Maßnahmen wurden getroffen, um die
Landwirtschaft wieder zu beleben und die Feudalordnung
zu festigen.
In den etwa 70 Jahren der
frühen Westlichen Han-Dynastie wurde die Zentralmacht allmählich
gefestigt. Der erste Kaiser Gaozu verlieh zu Beginn der Dynastie einer
Anzahl von Feudalherren die Titel Herzöge oder Fürsten
und belehnte sie mit Ländereien. Später vergrößerte
sich die Macht der Fürstentümer, die immer mächtiger wurden, und einige Gebiete
bildeten in Wirklichkeit eigene unabhängige Reiche.
Im Jahr 154 v. Chr. während der Regierungszeit
des Kaisers Jingdi starteten sieben Fürstentümer
eine offene Rebellion. Nach deren Niederwerfung brachte
die Zentralregierung diese Gebiete durch Einsetzung
von Beamten
voll unter ihre Gewalt. Zur Zeit des Kaisers Wudi
(Reg. 141-87 v. Chr.) wurden über hundert erbliche Fürstentümer
beseitigt, das ganze
Land wurde in 13 Provinzen eingeteilt. In jeder
Provinz setzte die Zentralregierung einen
Gouverneur ein, der die Beamten in den Präfekturen
und Kreisen zu beaufsichtigen hatte. Die Gewinnung von
Salz, die Verhüttung
von Eisen und das Prägen von Münzen wurden von der Zentralregierung
monopolisiert, und die Zentralisierung der Macht wurde
weiterhin
verstärkt. Die Verbindung zwischen den verschiedenen Nationalitäten
Chinas verstärkte sich. Während der Westlichen Han-Dynastie war China ein mächtiger und einheitlicher Feudalstaat mit
vielen Nationalitäten.
Entwicklung
der Wirtschaft
Die Herrscher der
Westlichen Han-Dynastie zogen Lehren
aus dem Untergang der Qin-Dynastie und achteten besonders
auf die Förderung
von Landwirtschaft und Handwerk. Sie verfolgten
eine Politik mit wenig Frondienst und leichter
Besteuerung zur Gesundung und Kräftigung des
Volkes. Die Bauern erhielten ihr verlorenes Land und Gut zurück, und viele Sklaven erlangten ihre
Freiheit. Dies und die allgemeine
Stabilität schufen günstige Produktionsbedingungen. Die Lebensverhältnisse der Bevölkerung
wurden verbessert.
Außerordentlich waren die
Fortschritte in der Landwirtschaft. Die Verwendung von eisernen
Ackergeräten und das Pflügen mit Ochsen wurden gang und gäbe. Bei
Ausgrabungen in den Provinzen Liaoning, Gansu, Hunan, Sichuan und in
anderen Gebieten wurden viele solcher Ackergeräte aus
der Zeit der Westlichen Han-Dynastie gefunden. Die Herstellung von eisernen Geräten wurde
kontinuierlich verbessert. Während
der Regierungszeit des Kaisers Wudi erfand Zhao Guo,
ein Furage-Offizier, einen Zweischarpflug, eine Sämaschine
und andere Ackergeräte. Er führte ein Anbausystem
ein, nach dem jeweils ein Teil der
Ackerflächen ein Jahr lang brach lag und sich erholen
konnte. Viele Wasserbauanlagen
wurden errichtet und viel Ödland urbar gemacht. Dadurch
entwickelte sich die landwirtschaftliche Produktion
beispiellos, die Getreideerträge stiegen enorm.
Auch das Handwerk machte große Fortschritte. Die
Verhüttung von Eisen
wurde in großem Ausmaß betrieben, so dass immer mehr
Ackergeräte,
Werkzeuge, Haushaltsgeräte und Waffen produziert
werden konnten.
Die Salzsiederei begann sich Schritt für Schritt zu
entwickeln. In
den Seidenmanufakturen wurden während der Westlichen
Han-Dynastie
neue Techniken des Spinnens, Webens und Färbens
eingeführt. Zum erstenmal wurde Brokat
gewoben, wofür Funde aus dem Han-Grab Nr.
1 von Mawangdui in Changsha, Provinz Hunan, den Beweis
lieferten. Dort wurden mehr als hundert Seidensachen von feinster Arbeit und außerordentlicher
Schönheit aus der Frühperiode der Westlichen
Han-Dynastie ausgegraben. Die Städte Linzi und
Chengdu waren damals die Zentren
der Textilproduktion.
Im Jahr 139 v. Chr.
bestieg Kaiser Wudi den Thron. Er unternahm weitere Schritte zur Schwächung der Macht der Fürstentümer
und Stärkung der Zentralregierung. In Wirtschaftsfragen
ernannte er zu seinem Berater Sang Hongyang, auf dessen Vorschläge hin
eine Reihe von Maßnahmen zur Erhöhung der Staatseinnahmen durchgeführt
wurde. Nicht zuletzt baute Kaiser Wudi
die Beziehungen seiner Dynastie zu den ethnischen
Minderheiten in noch nie da gewesenem Umfang aus.
Entwicklung der
Beziehungen der Westlichen Han-Dynastie zu den ethnischen Minderheiten
In den ersten Jahren der
Westlichen Han-Dynastie waren die Xiongnu (Hunnen)
noch sehr mächtig
und in weiten Gebieten Nordchinas aktiv. Zwar tauschten sie
Pferde und Pelze gegen handwerkliche und landwirtschaftliche Produkte der
Han aus, doch zwischen den Sklavenhalter-Aristokraten
der Xiongnu und den Han-Herrschern
kam es auch oft zu Konflikten, die militärisch
ausgetragen wurden. In ihrem Kampf
gegen den Han-Kaiserhof verbündeten sich auch
rebellierende Kräfte innerhalb der herrschenden Schicht der Westlichen
Han-Dynastie mit den Xiongnu.
In den Jahren 127, 121
und 119 v. Chr. ließ Kaiser Wudi jeweils große Feldzüge gegen die
Xiongnu unternehmen, wodurch diese schließlich gezwungen wurden, sich bis nördlich
der Wüste Gobi zurückzuziehen. Später knüpften die Xiongnu
freundschaftliche Beziehungen zum Hof der Westlichen Han-Dynastie an, und
Han-Kaiser Yuandi erhob die Hofdame Wang Zhaojun in den Stand
einer Prinzessin und gab sie dem Xiongnu-Fürsten zur Frau. Von
da an fand ein ständiger Austausch an Gesandten statt, und die
Beziehungen der Han
zu den Xiongnu wurden immer enger.
Zur Zeit der Westlichen
Han-Dynastie waren im Nordosten Chinas zahlreiche
ethnische Minderheiten ansässig, darunter die Yilou, die Fuyu, die
Xianbei und die Wuyuan. Die im heutigen Zhejiang,
Fujian, Guangdong und Guangxi lebenden
Minoritäten wurden allgemein als Baiyue und die im heutigen Sichuan, Yunnan und
Guizhou ansässigen Minderheiten
als Südwestliche Yi bezeichnet. Im Nordwesten lebten
die ethnischen
Minderheiten Di und Qing. All diese Nationalitäten unterhielten
lange Zeit hindurch enge Verbindung mit dem
Landesinnern und
lebten mit den Han-Chinesen in harmonischer Einheit.
Die Gebiete südlich
und östlich des Balkhash-Sees und das heutige Xinjiang wurden seit der Westlichen Han-Dynastie die
Xiyue (Westliche Region)
genannt. In der Anfangsperiode der Westlichen
Han-Dynastie gab es in der ganzen Westlichen Region 36 Staaten mit jeweils einigen tausend
bis zu 80 000 Einwohnern. Die meisten dieser
Kleinstaaten verbreiteten sich in den Oasen des
Tarim-Beckens südlich des Tianshan-Gebirges.
Und sie alle litten unter den Überfällen der
Xiongnu.
In den Jahren 138 und 119
schickte Kaiser Wudi unter der Leitung von
Zhang Qian (164-114 v. Chr.) jeweils große Delegationen in die Westliche Region. Diese beiden Besuche förderten die wirtschaftlichen und
kulturellen Beziehungen zwischen dem Han-Volk und den verschiedenen
ethnischen Minderheiten dieser Region ganz wesentlich.
Danach schickte die Regierung der Westlichen
Han-Dynastie noch oft Gesandte in die Westliche Region, und umgekehrt kamen von
dort auch oft Repräsentanten nach Chang'an. Aus der Westlichen Region gelangte nicht
nur der Anbau von Wein, Knoblauch, Walnüssen, Sesam
und anderen Kulturpflanzen nach Zentralchina,
sondern auch Tänze und Musik,
während die Han umgekehrt ihre Techniken u. a. im Gießen
von Eisen, Ausheben von Brunnen und in der
Feldbestellung in die Westliche Region
brachten. Im Jahr 60 v. Chr. richtete die Regierung
der Westlichen Han-Dynastie
in der Stadt Bugur (heute bei Luntai, Xinjiang) eine Verwaltungsstelle
ein.
Auch die Beziehungen zum
Ausland wurden während der Westlichen Han-Dynastie, insbesondere zur
Zeit des Kaisers Wudi, in großem Stil entwickelt. Zhang Qians Reisen
stellten den Beginn der Kontakte zwischen China und einigen Ländern in Zentral- und
Westasien dar. Er bzw. seine Stellvertreter hatten die
Länder Dayuan (Fergana im Ostteil von Usbekistan), Kangju (am Unterlauf des Syr Darja in
Russland), Daxia (Baktrien), Anxi (Parthien, heute
Iran) und Yuadu (heute Indien) erreicht. Von dieser Zeit an wurden jedes Jahr Missionen nach Westen
geschickt. Viele chinesische Produkte fanden so ihren Weg in westliche
Länder, und umgekehrt kamen Vollblutpferde, Trauben, Granatäpfel,
Kacheln, Wollteppiche usw. nach China.
Seewege verbanden zu
dieser Zeit bereits China, Korea und Japan miteinander, und Handelsschiffe verkehrten auch zwischen
China und der Ostküste
Indiens wie auch zwischen China und südostasiatischen
Häfen.
Die gesellschaftliche
Krise und die Reform von Wang Mang
Während der Spätzeit der
Westlichen Han-Dynastie spitzten sich die gesellschaftlichen Widersprüche
immer mehr zu. Es kam zu Bauernaufständen, die politische Macht der
Westlichen Han-Dynastie geriet ins Wanken. In dieser Situation usurpierte Wang
Mang im Jahr 6 unserer Zeitrechnung den Thron.
Wang Mang war ein Neffe der Gemahlin des
Kaisers Yuandi. In der Westlichen
Han-Dynastie war es üblich, dass die Familienmitglieder einer Kaiserin
hohe Ämter innehatten, und auch der Einfluss der
Verwandten der kaiserlichen Frauen
am Hof stieg ständig an. So wurde Wang Mang zum
Kanzler für Militärangelegenheiten ernannt. Im Jahr
6 wurde er kaiserlicher
Regent und übernahm als „Ersatzkaiser" die
Regierung. Drei Jahre später entthronte er den Kaiser der Westlichen Han-Dynastie, ließ
sich selbst zum Kaiser krönen und rief die
Xin-Dynastie aus. So endete die 215 Jahre währende
Westliche Han-Dynastie. Um die von der alten Dynastie
hinterlassenen gesellschaftlichen Widersprüche zu lösen,
erließ Wang Mang neue Gesetze und leitete in
vielen Bereichen Reformen ein, die
u. a. das Beamtensystem, das Währungssystem, das
Landsystem und die
Besteuerung betrafen. Doch Wang Mang war eigentlich
ein konfuzianischer
Gelehrter, kein Politiker, und die meisten seiner
Reformen waren
unpraktisch. Wegen der Vielzahl und der Kurzlebigkeit
der Reformen
machte sich schließlich eine große Unzufriedenheit
in der Bevölkerung
breit. Im Jahr 23 fiel die Herrschaft von Wang Mang im
Zuge der
Bauernaufstände.
Die Aufstände
des Grünen Waldes und der Roten Augenbrauen
Die
Bauernaufstände gegen die Herrschaft von Wang Mang
brachen zuerst in
Nordchina aus und breiteten sich dann auch in den
Einzugsgebieten
des Gelben Flusses und des Yangtse aus. Einer der
bedeutendsten war
der Aufstand der sog. Armee des Grünen Waldes unter Führung
von Wang Kuang und Wang Feng, die sich im Jahr
17 gegen Wang Mang
erhob. Liu Yan und Liu Xiu, beide Großgrundbesitzer
und Mitglieder des kaiserlichen Hauses der
Han-Dynastie, schlossen sich der Armee des Grünen
Waldes an. In einer erbitterten Schlacht bei Kunyang
(heute Yexian,
Provinz Hunan) schlug die Bauernarmee mit rund 9000
Mann Wang
Mangs Armee von 420 000 Mann, drang danach in die
Hauptstadt Chang'an
ein und stürzte das Regime Wang Mangs.
Bereits
im Jahr 18, fünf Jahre vor der Schlacht von Kunyang, hatte Fang Chun, der Anführer
einer anderen Rebellengruppe, die sich die Armee der
Roten Augenbrauen nannte, weil sich die Aufständischen
vor dem Kampf die
Augenbrauen rot färbten, einen Aufstand in der Provinz
Shandong organisiert. Sie benutzten den Berg Taishan
als Stützpunkt
ihrer Operationen und kämpften siegreich im heutigen Shandong und im nördlichen Teil von Jiangsu. Schnell wuchsen sie zu einer
Rebellenarmee von über hunderttausend Mann.