Allgemeines

China ist ein altes Land mit einer Zivilisation von 5000 Jahren. Wir sind daran gewöhnt, Bauten als Symbole dieser großen Zivilisation zu betrachten, vor allem die Große Mauer, die Verbotene Stadt und den Himmelstempel in Beijing. In den ausgedehnten Gebieten Chinas gibt es jedoch zahlreiche sehr unterschiedliche Bauten, die die Kultur der verschiedenen Nationalitäten spiegeln. Ob prächtige Paläste, Gräber, Tempel, Klöster, Gartenanlagen oder Wohnhäuser, sie alle atmen den Geist der traditionellen Kultur und bringen die hervorragenden Leistungen der antiken Bautechnik und -kunst zum Ausdruck.

Die traditionelle chinesische Baukunst ist einzigartig in der Welt. Was sie besonders auszeichnet, ist nachfolgend zusammengefasst:

Holzkonstruktion

Im alten Ägypten, in Griechenland und im Römischen Reich wurden Pyramiden, Amphitheater, Triumphbögen, Tempelanlagen und Kathedralen gebaut. Obwohl sie in der Form sehr unterschiedlich sind, haben sie eins gemeinsam: sie bestehen alle aus Steinen. Ganz anders als diese antiken Bauten im Westen ist das bedeutendste Merkmal der klassischen chinesischen Gebäude, von den normalen Wohnhäusern bis zu den riesigen Palästen und Tempelanlagen, jedoch die Holzkonstruktion. Die grundlegende Verfahrensweise der Architektur war, zuerst Holzsäulen aufzustellen, in die hölzerne Dachbalken und dann Sparren eingezogen wurden. Darauf kamen zum Schluss die Dachziegel. Um die Holzsäulen wurden die Wände aus Ziegelsteinen oder anderen Baumaterialien gezogen, die jedoch nicht die Aufgabe hatten, das Gewicht des Dachs zu tragen. Deshalb kann es bei klassischen chinesischen Bauten vorkommen, dass zwar die Wand einstürzt, das Haus aber immer noch stehen bleibt.

Diese Holzkonstruktion hatte einige Vorteile: Erstens war der Baustoff leicht zu bekommen und zu handhaben. Das Waldvorkommen war im Altertum reichlicher als heute. Das Einschlagen und Bearbeiten von Holz war leichter als das Brennen von Ziegelsteinen oder das Brechen von Steinen. In der langjährigen Praxis haben die Zimmerleute ein standardisiertes Berechnungssystem erfunden, bei dem sie ein Bauelement als den Bezugsmaßstab nahmen und davon ausgehend die Maße von Säulen, Balken, Türen und Fenstern eines Hauses berechneten. Auf diese Weise konnten die Bauelemente in Werkstätten nach Maß angefertigt und dann auf der Baustelle zusammengefügt werden. Diese Arbeitsweise war von den Jahreszeiten und vom Wetter wenig beeinträchtigt. Häuser konnten deshalb schnell gebaut werden. Ein Beispiel ist die Verbotene Stadt, der Kaiserpalast der Ming-Dynastie. Auf einem Grundstück von rund 72 Hektar wurden fast 1000 Gebäude errichtet. Von der Bereitstellung der Baumaterialien bis zur Fertigstellung des Baukomplexes dauerte es nur 13 Jahre, während z.B. allein die Bauarbeit am Gewölbe des Doms in Florenz beinahe 30 Jahre in Anspruch nahm. Zweitens ist die Erdbebensicherheit zu nennen. Die Bauelemente sind meist durch Zapfen verbunden, eine Art biegsamer Verbindung, die ruckartige Kräfte, denen Bauten bei Erdbeben ausgesetzt sind, abzuschwächen vermag. Im Kreis Yingxian, Provinz Shanxi, gibt es eine buddhistische Pagode mit einer Höhe von 60 Metern, die dank ihrer Holzkonstruktion in ihrem 900jährigen Bestehen mehrmals starke Erdbeben überstand. Drittens ist eine flexible Gestaltung von Bauten möglich. Da die Wände nicht das Gewicht des Daches tragen, können nach Bedarf unterschiedliche Wände eingesetzt werden. Im kalten Norden sind die Wände massiv und dick, während im warmen Süden dünne Wände aus Holz oder Bambus üblich sind. Zuweilen bestehen Wände auch nur aus Fenstern und Türen wie bei Lauben, Korridoren und Pavillons, die meistens in Gärten, an Aussichtspunkten und am Wasser errichtet sind. Innerhalb von Räumen gibt es unterschiedliche Trennwände wie massive, hölzerne oder klappbare Wände und Paravents.

Es gibt aber eine Kehrseite der Medaille: Das Holz hält nicht so lange wie der Stein, es ist leicht brennbar, empfindlich gegen Feuchtigkeit und wird leicht morsch. So wurden viele Bauten vom Blitz getroffen und brannten nieder. Auch die Halle der Höchsten Harmonie, das wichtigste Gebäude der Verbotenen Stadt in der Ming-Dynastie, erlitt dieses Schicksal. Schon im Jahr nach seiner Fertigstellung traf den Bau ein Blitz, er wurde ein Raub der Flammen. Danach wiederholte sich das Spiel von Bauen und Zerstörung mehrmals. Im Vergleich zu Ziegeln und Steinen ist Holz kurzlebig, ein wichtiger Grund, warum nur ein geringer Teil der klassischen Bauten Chinas erhalten blieb.

Die bauliche Anordnung

Im chinesischen Altertum wurden Bauten  immer nur im Komplex errichtet. Ob Palast- und Tempelanlage oder einfache Wohnhäuser, es gab keine Ausnahme. Die einzelnen alten chinesischen Bauten hatten im Vergleich zu europäischen Kathedralen und Wohnhäusern keine prächtigen Fassaden, waren als Baukomplexe aus mehreren einzelnen Gebäuden aber oft umfangreich. Ein traditioneller Wohnhof in Nordchina ist dafür ein gutes Beispiel. Er ist nicht ein alleinstehendes Haus, sondern ein quadratischer Hof mit vier Gebäuden ringsherum. Diese Häuser sind jeweils nicht groß, doch zusammen geben sie genügend Raum für alle Mitglieder einer Großfamilie. Die bauliche Anordnung des traditionellen Wohnhofs ist die grundlegende Form der traditionellen chinesischen Bauten und findet sich auch in kaiserlichen Palästen und Klöstern wieder. Der Unterschied besteht nur darin, dass die einzelnen Bauten eines Kaiserpalasts oder eines Tempels eleganter sind und dass sie einen viel größeren Hof haben, der mit einer großen Anzahl von Nebenhöfen einen großen Baukomplex bildet. Die Grundeinheit eines altchinesischen Gebäudes heißt Jian und ist der Raum zwischen vier Säulen. Mehrere Jian bilden einzelne Gebäude, aus denen sich wiederum Höfe und Baukomplexe zusammensetzen. Eine altchinesische Stadt war praktisch ein Baukomplex aus zahlreichen Höfen unterschiedlicher Größe für verschiedene Zwecke.

Die Baugruppen aus symmetrisch angeordneten Höfen sind eine wichtige Form der altchinesischen Architektur, aber nicht die einzige. In Berggebieten oder in Geländen mit komplizierten topografischen Verhältnissen konnten Baugruppen oder Höfe oft nicht symmetrisch angeordnet werden, sie mussten sich den Gegebenheiten anpassen. Die Architekten verstanden sich darauf, die Natur als Lehrer heranzuziehen und nach dem Ideal zu streben, aus Menschenhand gemacht, aber nicht gekünstelt. Um eine landschaftliche Vielfalt und eine naturnahe Umgebung herbeizuzaubern, wurden beim Bau von Gartenanlagen eintönige Formen möglichst vermieden. Statt dessen wurden flexible und variationsreiche Gestaltungen gewählt. Trotzdem gehören die einzelnen Bauten eines Baukomplexes in einem Berggebiet oder einem Garten zu einem Ganzen, nur in einem Berggebiet oder einem Garten zu einem Ganzen, nur die Kombination ist anders als in einem Palast oder Tempel mit symmetrisch angeordneten Bauteilen.

Künstlerische Gestaltung

Bei den traditionellen chinesischen Bauten legte man großen Wert auf das Erscheinungsbild und verstand es, das Äußere künstlerisch zu gestalten. Jedes Teil, groß wie ein Gebäude oder klein wie das herausragende Ende eines Balkens oder ein Dachziegel, wurde als Schmuck behandelt. Dächer altchinesischer Bauten sind aufgrund der Holzkonstruktion oft sehr groß. Um dem Eindruck der Schwerfälligkeit entgegenzuwirken, ist das Dach geschwungen und an den Enden aufgebogen. In langjähriger Praxis wurden unterschiedliche Dachformen erfunden. Dachfirste wurden mit Tierfiguren versehen, und am Traufenende sieht man Schmuckscheiben aus Keramik mit Pflanzen- und Tiermustern. Holzteile, die aus der Konstruktion herausragen, sind oft zu Symbolen wie Tierköpfen und Chrysanthemen oder zu geometrischen Mustern bearbeitet. Gegen Schädlinge und Feuchtigkeit mussten alle freien Holzteile mit Lackfarben angestrichen werden, und so entstand die farbige Dekormalerei. Ferner gibt es an steinernen Terrassen und Balustraden, an Traufenvorsprüngen und auf den Mauern sowie an hölzernen Türen und Fenstern fast überall Gravuren und Schnitzereien, wenn es sich um ein vornehmes Haus handelt.

Diese Schmuckteile sind in der Regel reich an kulturellen Inhalten. In Altchina waren Drachen und Phönixe glück verheißende Fabeltiere. Sie wurden zugleich als Symbole von Kaiser und Kaiserin betrachtet und in Verbindung mit der kaiserlichen Macht gebracht. Bei den Palastanlagen wurden zahlreiche Dekore mit Motiven von Drachen und Phönix verwendet. Aus homonymen Gründen gaben Chinesen manchen Tieren glückverheißende Bedeutungen, die dann als Motive für Malerei und Kunstgewerbe beliebt wurden. Die Aussprache von Fledermaus klingt z.B. wie Glück, und so wird die Fledermaus als Zeichen des Glückes betrachtet. Am Fenster und an der Tür sind oft fünf Fledermäuse geschnitzt, die um das Schriftzeichen für Langlebigkeit gruppiert sind, was viel Glück zur Langlebigkeit heißt. Vierbeiner, Vögel und Pflanzen erhielten symbolische Bedeutungen aufgrund ihrer Eigenschaften. So steht die Schildkröte z.B. für ein langes Leben und ein Mandarinentenpaar für eine glückliche Ehe; die Päonie wird als Zeichen der Würde betrachtet, die Kiefer steht für Standhaftigkeit. Neben Motiven von Tieren und Pflanzen sind Heldenfiguren und Geschichten dargestellt. Die Dekore tragen nicht nur zur künstlerischen Vielfalt traditioneller chinesischer Bauten bei, sondern sind auch Ausdruck der geistigen Welt der Chinesen.

China ist seit alters ein multinationales Land. Heute leben in China Angehörige von 56 Nationalitäten zusammen. Die Han-Nationalität ist  die größte ethnische Gruppe, sie macht 93% der gesamten Bevölkerung aus. In Chinas Geschichte haben alle Nationalitäten gemeinsam eine glänzende Kultur geschaffen, wobei jedoch jede ihre eigene Kultur beibehielt. Die tibetische Bautechnik z.B. hat ihre Wurzeln im tibetischen Buddhismus. Den prächtigen Bauten tibetischen Stils haften jedoch Einflüsse der Han-Nationalität an. Die Uiguren haben einen Baustil geschaffen, der zum muslimischen Bausystem gehört. Die Mitglieder der Dai-Nationalität sind Anhänger der buddhistischen Sekte Kleines Fahrzeug. Ihre religiösen Bauten sind von Myanmar und Thailand beeinflusst. Auch andere nationale Minderheiten haben ihre eigenen Baustile, die tief im chinesischen Boden verwurzelt sind und die chinesische Architektur bereicherten.

Die traditionelle chinesische Architektur wird vor allem durch die Bautechnik der Han repräsentiert. Nachstehend werden gemäß der üblichen Klassifikation die Baustile der Paläste, Tempel, religiösen Bauwerke, Gräber, Gärten und Wohnhäuser behandelt.