Die Anlegung privater Gartenanlagen

Private Gärten wurden in der Regel unmittelbar an Wohnhäusern gebaut. Es galt, auf einem nicht allzu großen Grundstück künstlich eine naturnahe Umgebung mit Wasser und Berg zu schaffen. Die Gärten mussten möglichst mit der Umgebung harmonieren, für den Empfang von Gästen günstig und für das Studieren ruhig sein. Diese Wünsche gleichzeitig zu erfüllen, war nicht leicht.

Erstens ging man bei der Anordnung nach Prinzip Vielfältigkeit vor. Die Hallen und anderen Bauten wie Pavillons sowie die Lauben mussten in geschickter Zuordnung angelegt werden. Auch ein alter Baum, ein Bambusbüschel und ein besonderer Stein konnten die Gestaltung wesentlich beeinflussen. Die Wege mussten zickzack verlaufen. Die Gärten wirken auf diese Weise größer, als sie tatsächlich waren. Da Südchina regenreich ist, war ein überdachter Wandelgang in jedem Garten unentbehrlich. Wandelgänge verlaufen manchmal unmittelbar an der Gartenmauer und verlassen sie ab und zu. Sie sind der Topographie angepasst und gehen auf und ab über Wasser und Steinhänge.

Zweitens wurde die Essenz von Landschaften wiedergegeben. Um in Gärten eine naturähnliche Umgebung zu schaffen, zog man die Natur als Lehrer heran. Zur Gestaltung eines künstlichen Berges z. B. mussten je nach der Größe des Gartens Erde oder Felsen oder beides eingesetzt werden. Und alles musste hinterher natürlich wirken. Auf künstlichen Erdhügeln müssen Pflanzen üppig wachsen, darunter sollen mehrere Steine verstreut liegen, und es soll so aussehen, als ob sie schon immer dort gewesen wären. Auch auf einem Steinberg müssen dafür geeignete Pflanzen wachsen. Künstlich angelegte Teiche müssen wie natürliche Teiche unregelmäßige Formen haben. Größere Wasserflächen können mit Brücken in Teile getrennt werden. Eine Ecke des Teichs soll schmal wie ein Flusslauf gestaltet werden, um den Ein- oder Ausfluss zu imitieren. In einem Teil der Wasserfläche muss es Pflanzen geben. Dies sind die wichtigsten Erfahrungen, die Gartenbauer durch langes Studieren der Landschaften und Pflanzen gesammelt haben. Ideale Gärten sind zwar künstlich angelegt, sie wirken jedoch völlig natürlich.

Drittens wird großer Wert auf Details gelegt. Die privaten Gärten in Südchina sind klein und bestehen aus vielfältigen kleinen Räumen. Die Gartenbauer sahen sich gezwungen, Details von Bauten, Landschaften und Pflanzen als Schwerpunkte zu betrachten. Was die Türen von Bauten anbelangt, sieht man längliche, runde, achteckige, kronblätter- und flaschenförmige Türen; es gibt Fenster mit feinen Gittern aus Ziegeln und Holz, die voll mit Ornamenten geschnitzt sind. Allein in Suzhou gibt es Hunderte von Türen- und Fensterformen. Wege sind in der Regel mit Kieseln gepflastert. Man sieht auf diesen Wegen oft vielfältige Muster. Mit Steinen können Berge aufgeschüttet werden, sie können aber auch einzeln oder zusammengefügt vor oder hinter Gebäuden stehen. Die Steine dafür wurden einer strengen Auswahl unterzogen. Nur diejenigen wurden gewählt, die in Struktur, Form und Farbtönen die kritische Prüfung bestehen. So wurden einzelne Steine mitunter wie Kunstwerke betrachtet.

Die herausragende Baukunst bei privaten Gärten wurde auch für den Bau kaiserlicher Gärten herangezogen. Manche Bauformen wurden sogar komplett übernommen. Ein Beispiel dafür war der Garten der Geselligkeit im Sommerpalast, der nach dem Muster des Yichangyuan in der Stadt Wuxi gebaut wurde. Einige berühmte private Gärten wie der Garten des Verweilens (Liuyuan), der Garten des Bescheidenen Politikers  (Zhuozhengyuan) und der Garten Wangshiyuan in Suzhou sind heute noch erhalten. Sie wurden sogar in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen.