Die Entwicklung der traditionellen chinesischen Gärten

Überlieferungen zufolge wurde der früheste Garten in China in der Shang-Dynastie (1600 - 1046 v.Chr.) angelegt. Er wurde an einem mit Wald bedeckten Hügel angelegt und diente mit gehaltenen Tieren dem König als Jagdrevier. In diesem Garten gab es noch keine Bauten, nur einige künstlich angelegte Hügel, auf denen Ausschau nach Wild gehalten werden konnte. Um den königlichen Wünschen nach Unterhaltung und Rast Rechnung zu tragen, wurden in der Westlichen Zhou-Dynastie (1046  - 771 v.Chr.) schließlich Bauwerke in Gärten errichtet. Es gab dann auch Teiche mit Fischen, die bewundert und geangelt werden konnten. In der Qin- und der Han-Dynastie  erfuhr der Gartenbau zusammen mit dem Palastbau eine Weiterentwicklung. Der Weilinyuan-Garten in der Nähe von Chang'an zog sich in der Han-Dynastie 150 Kilometer hin. In dem Garten wurden Tiere gehalten, und es gab darin zahlreiche Paläste.

In der Wei- und der Jin-Dynastie (220 - 420) sowie in den Nördlichen und Südlichen Dynastien (420 - 589) war China lange gespalten. Verschiedene Reiche kämpften miteinander um die Vorherrschaft, Kriege und Unruhe dauerten an. Viele Intellektuelle resignierten, kümmerten sich nicht mehr um die Politik und zogen sich dem Dichten und Malen, und auch der Gartenbau fand in dieser Zeit immer mehr Liebhaber. Wohnhäuser wurden mit Vorliebe in einem naturnahen Umfeld gebaut, das man noch bereichert hatte durch das Aufschütten von Hügel, das Aussehen von Teichen und das Pflanzen von Bäumen und Blumen. Das waren die ersten wirklichen Gärten chinesischen Stils. Man gab sich mit der durch die Natur geformten Topographie nicht mehr zufrieden und schuf sich eine künstliche Natur.

In der Tang-Dynastie erlebte China wirtschaftlich und kulturell eine Blütezeit, es repräsentiert das höchste Niveau der Welt. Die Bautechnik einschließlich des Gartenbaus erlebte eine große Entwicklung. In der Hauptstadt Chang'an wurden den Kaiserlichen Palastanlagen Gärten angegliedert. Hinter dem Daming-Palast wurde der Taiye-See ausgehoben, und in dem See wurde die Insel Penglai errichtet, auf der, wie es hieß, Unsterbliche Leben sollten. Am Ufer des künstlichen Sees entstanden Korridore und Gebäude, die Innenhöfe bildeten. Am Fluss Qujiang in der südöstlichen Ecke von Chang'an gab es einen öffentlichen Park, der an Festtagen voller Menschen war. Auch in Hangzhou in der heutigen Provinz Zhejiang und in Guilin, Guangxi, wurden solche öffentlichen Parks angelegt. Außerdem gab es zahlreiche private Gärten. Der berühmte Dichter Bai Juyi trug zur Erschließung des Landschaftsgebiets Westsee wesentlich bei, als er Bürgermeister von Hangzhou war. Gleichzeitig machte er sich mit seinem privaten Garten zu schaffen. Sein Garten war etwas über ein Hektar groß, davon nahmen Gebäude ein Drittel ein, Bambus ein Neuntel und die Wasserfläche, auf der es drei Inselchen mit Pavillons gab, ein Fünftel. In dem kleinen See wuchsen Lotos und Wassernüsse. Das Ufer war gewunden, ein kleiner Pfad verlief durch einen Bambuswald, um den Lauben und andere Bauwerke lagen. Der Gastgeber und die Gäste trugen hier Gedichte vor und veranstalteten Trinkgelage. Für künstliche Felsformationen in diesem Garten hatte man bizarre Steine aus dem Taihu-See und formschöne Tropfsteine herangeschafft. Der Dichter widmete über zehn Jahre der Bauarbeit. Ähnliche Gärten gab es allein in Luoyang mehrere tausend.

In der Song-Dynastie wurde dem Gartenbau noch mehr Gewicht beigemessen. In der Hauptstadt und in anderen Städten fand man überall Gärten. Alle, von adligen Familien bis zu einfachen Haushalten, wollten ihren Garten haben. In der Hauptstadt Bianliang (heute Kaifeng, Henan) wurden neun kaiserliche Gärten angelegt, von denen der berühmteste der Genyue-Garten war. Auch Kaiser Huizong, der sich statt der Politik lieber der Kalligraphie, Malerei und Musik widmete, war ein großer Gartenfreund. Er ließ im kaiserlichen Garten die berühmten Berge, Flüsse und Seen des Landes imitieren. Steile Hänge, Schluchten, Wasserfälle und sogar Pfade an Steilhänge sollten nicht fehlen. In Suzhou wurde ein spezielles Amt eingerichtet, das für die Beschaffung seltener Pflanzen und Steine für den Kaiserhof zuständig war. Sobald das Amt von solchen Schätzen erfuhr, mussten ihre Besitzer beraubt werden, auch wenn Wände durchbrochen werden mussten. Dies erregte große Empörung im Volk. Dem Beispiel des Kaisers folgend bauten Minister und Adlige inner- und außerhalb der Hauptstadt über 100 große und kleine Gärten. Auch Gaststätten wurden mitten in der Natur angelegt, manche von Pavillons und Teichen mit bemalten Schiffen umgeben, wo die Gäste sich amüsieren konnten. Ein neuer Berufsstand bildete sich heraus: Meister, die mit der Errichtung von künstlichen Felsformationen und mit der Zucht von Pflanzen vertraut waren. In Luoyang nahe der Hauptstadt wurden über tausend Pflanzen von Süd und Nord eingeführt, allein über hundert Arten von Päonien und Rosen, die man durch Weiterzüchtung veredelte. Luoyang wurde als Blumenstadt berühmt.

In der Ming- und der Qing-Dynastie wurde die Tradition des Gartenbaus übernommen und weiterentwickelt. Der Gartenbau erlebte einen nochmaligen Aufschwung. Die Gärten, die wir heute sehen, stammen praktisch alle aus dieser Zeit.