Kaisergräber der Qing-Dynastie

Die Qing-Dynastie war wieder eine im vereinten China gegründete Dynastie einer nationalen Minderheit - der Mandschuren, die rund 260 Jahre über China herrschte. Im Vergleich zur Yuan-Dynastie der Mongolen verstanden sich die Mandschuren besser darauf, von der fortschrittlichen Kultur und den Regierungserfahrungen der Han zu lernen. Die Mandschuren studierten gewissenhaft unterschiedliche Verwaltungssysteme und Gesetze und besetzten wichtige Posten mit fähigen Han. Was die Paläste betraf, so übernahm die Qing-Dynastie alles von der Ming-Dynastie, und beim Grabbau wurde das System der Ming-Dynastie weitergeführt.

Schon nach seiner Thronbesteigung im Jahr 1644 wählte Kaiser Shunzhi persönlich am Fuß des Yanshan-Gebirges nordöstlich von Beijing ein Revier als seine letzte Ruhestätte aus. Mit dem Grabbau wurde sofort begonnen. Nach der Fertigstellung eines weiteren Grabs für Kaiser Kangxi nahm das Gräberrevier, das heute unter dem Namen Östliche Qing-Gräber bekannt ist, Gestalt an. Die Östlichen Qing-Gräber sind eine reine Kopie der Kaisergräber der Ming-Dynastie. Alle Gräber sind nach einer einheitlichen Planung errichtet, so dass sie zwar einzelne Baukomplexe sind, jedoch zusammengehören. Das größte Grab in diesem Revier ist das des Kaisers Shunzhi. Hinter einem großen roten Ehrentor gibt es einen Stelenpavillon und einen 500 Meter langen Heiligen Weg.

Die Östlichen Qing-Gräber liegen im Kreis Zunhua, Provinz Hebei. Gemäß dem alten System sollten auch die Kinder und Enkel der Kaiser in diesem Gebiet beigesetzt werden, doch Kaiser Yongzheng (Regierungsperiode1723 - 1735) brach mit dieser Regelung. Zwar hatte er bereits eine Ruhestätte für sich im Östlichen Gräberrevier gewählt, aber später meinte er, dass das ausgewählte Grundstück ungünstig sei. Schließlich fand man im Kreis Yixian, Provinz Hebei, westlich von Beijing ein glücklichverheißendes Grundstück. So entstand mehrere hundert Kilometer vom Gräberrevier der Vorfahren das zweite Gräberrevier für die Kaiserfamilie, heute unter dem Mamen Westliche Qing-Dynastie bekannt. Auch Kaiser Qianlong (Regierungsperiode 1736 - 1795)  sollte somit eigentlich im Westlichen Gräberrevier bestattet werden. Da er jedoch befürchtete, die Östlichen Qing-Gräber würden nicht mehr gebührend gepflegt, wenn die späteren Kaiser anders beigesetzt würden, entschloss er sich, im Östlichen Gräberrevier bestattet zu werden, und legte gleichzeitig fest, dass die späteren Kaiser wechselweise im Östlichen und Westlichen Gräberrevier beigesetzt werden müssten. Diese Regelung wurde allerdings nicht immer befolgt. Die Gestaltung der beiden Gräberrevier ist im großen und ganzen gleich.

Kaiser Qianlong erreichte das 89. Lebensjahr und war 60 Jahre an der Macht. Seine Zeit wird als die Blühtezeit der Qing-Dynastie bezeichnet, der letzte Glanz in der feudalistischen Gesellschaft Chinas. Das Yuling-Grab,  in dem Kaiser Qianlong begraben ist, besteht aus vier Kammern, die durch vier Steintore getrennt sind. Die acht Torflügel sind 3 Meter hoch, 1,5 Meter breit, 0,19 Meter stark und wiegen je 3 Tonnen. Auf jedem Torflügel befindet sich ein Relief eines stehenden Bodhisattwa mit einer Kopfbedeckung aus Lotoskronblättern. Barfüßig steht er auf einer Lotosblume auf dem Wasser. Bemerkenswert sind der geheimnisvolle Gesichtausdruck und die feine Körperproportion. In der Hauptgrabkammer sind auf der Decke drei riesig Blumen. In der Mitte der Blumen, jeweils von 24 Kronblättern umgeben, sind Buddhafiguren und Texte im Sanskrit eingraviert. Auch an den Wänden befinden sich Reliefs von Buddhastatuen sowie von glückverheißenden Ornamenten, ferner buddhistische Texte sind mit Ornamenten verziert. Die Grabkammern erscheinen wie ein unterirdisches buddhistisches Kloster.

Anders als in den früheren Dynastien wurde in der Qing- Zeit auch für die Kaiserin ein eigenes Grab angelegt. Der Kaiserhof der Qing-Dynastie legte fest, dass die Kaiserin, sofern sie vor dem Kaiser starb, mit diesem ein Grab zu  teilen hatte; starb sie nach dem Kaiser, erhielt sie ein eigenes Grab in der Nähe des Grabs ihres Gemahls. Jedoch musste ihr Grab kleiner sein als das des Kaisers. Die Konkubine Cixi des Kaisers Xianfeng (Regierungsperiode 1851 - 1861) hatte nach dem Tod des Kaisers eine lange Zeit die Macht in Händen. Sie war mit der Regelung bezüglich des Kaiserinnengrabs nicht zufrieden und ließ die drei Hallen ihres Grabs umbauen. Für die Holzkonstruktion der neuen Haupthalle, der sog. Long-en-Halle, sowie der linken und rechten Nebenhalle wurden kostbare Birnen- und Nanmu-Hölzer verwendet. Die Pfeiler und Balken wurden mit goldenen Drachen, Phönixen, Wolken und dem Schriftzeichen Langlebigkeit bemalt. An den Wänden sieht man Ornamentflächen unterschiedlicher Größe mit Darstellungen u.a. von Fledermäusen und mit  Langlebigkeitszeichen. Beachtung verdienen die Drachen- und Phönixmuster an der Terrasse, auf der die Long-en-Halle steht, denn hier wurde gegen die jahrtausendealte Tradition, dass der Drachen (Zeichen des Kaisers) dem Phönix (Zeichen der Kaiserin) vorangestellt ist, mehrfach verstoßen: Der Phönix fliegt am Himmel, der Drachen folgt hinterher. Und Dutzende von Balustradensäulen zeigen nur Phönixmuster, während sonst eine wechselweise Darstellung von Drachen und Phönix üblich war. Dies zeigt deutlich die Macht, die die Kaiserinwitwe Cixi hatte.