Sippen- und Familienahnentempel

In Altchina war der Sinn für die Sippe tief verwurzelt. In einem Dorf lebten manchmal nur eine oder wenige Sippen zusammen. Die Blutsverwandtschaft hielt alles zusammen, es herrschte das Patriarchat. In der Sippe führte der Sippenälteste das Wort. Es gab komplette Organisationsformen, die durch Familienzucht und Sippendisziplin garantiert wurden. So gab es eine strenge Rangordnung zwischen den Generationen, zwischen den Söhnen der Hauptfrau und zwischen den Älteren der gleichen Generation. Die spätere feudalistische Herrschaft basierte auf dieser Sippenorganisation, die auch öffentliche Angelegenheiten wie die Eintreibung von Abgaben und Steuern, die Schlichtung von Streitigkeiten, die Erziehung und die Opferriten für Götter und Ahnen durchführte. Jede Sippe hatte einen Ahnentempel, und manch reiche Familie hatte ihren eigenen Tempel.

Solche Ahnentempel waren Opferstätten, doch ihre Funktion begrenzte sich nicht darauf. Im Ahnentempel übte der Sippenälteste seine Macht aus. Sippenmitglieder, die gegen die Sippenordnung verstoßen hatten, wurden im Ahnentempel zurechtgewiesen, bestraft oder im schlimmsten Fall aus der Sippe ausgeschlossen. Der Ahnentempel war somit auch die Stätte des Sippengerichts vom Charakter eines Amts an der Basis. Er diente aber auch als Unterhaltungshaus. Manche Ahnentempel hatten eine Bühne. An Feiertagen traf man hier zusammen, um sich eine Oper anzuschauen oder sich einfach zu unterhalten. Wieder anderen Ahnentempeln waren Schulen angeschlossen, in denen die Kinder der Sippe unterrichtet wurden, und Lager fürs Getreide.

Ahnentempel hatten unterschiedliche Formen, die sich nach ihrem Zweck richteten. Meist bestanden sie aus mehreren geräumigen Hallen, hintereinander gebaut, von Seitenhäusern flankiert und durch Höfe getrennt. Einfachere Ahnentempel konnten auch nur eine Halle und einen Hof haben. Je reicher und mächtiger eine Sippe, desto prächtiger der Ahnentempel. Ein Ahnentempel mit mehreren Höfen, hohen Hallen und feinen Ziegelschnitzereien war das Symbol des Ruhmes der Sippe und der Vorfahren.

Ein Enkel von Zhuge Liang, der bereits erwähnt wurde, hatte sich als Beamter in Lanxi, Provinz Zhejiang, niedergelassen. Seine Nachkommenschaft bildete schließlich die Gemeinde Zhuge, die größte Ansiedlung der Zhuge-Familie. Dort gibt es einen Tempel des Kanzlers Zhuge, der sowohl der Sippentempel als auch als öffentliche Gedenkstätte ist. Die Tempelanlage befindet sich am Rand der Gemeinde vor einem Teich. Vom Eingang führen zwei Korridore links und rechts nach hinten, die einen geräumigen Platz umarmen. Auf diesem Platz steht eine große Halle mit Laubengang. Die Holzkonstruktion ist reich mit geschmackvollen Schnitzereien verziert. Weiter hinten steht auf einer Terrasse die Haupthalle mit einer Statue von Zhuge Liang. Jedes Jahr am Todestag von Zhuge wird hier ein feierliches Zeremoniell veranstaltet. Danach wird ein Festessen für die alten Sippenmitglieder, die mindestens den 70. Geburtstag gefeiert hatten, gegeben. Jüngere Sippenmitglieder müssen sich mit je einer Dampfnudel begnügen.

Ein  Palastbau repräsentiert normalerweise den höchsten Stand der Bautechnik seiner Zeit, und so zeigt auch eine Tempelanlage konzentriert die Bautechnik und das Kunstniveau eines Ortes. In Guangzhou an der Küste in Südchina gibt es einen Tempel der Familie Chen, der zwischen 1890 und 1894 erbaut wurde. Da er für die gesamte Sippe Chen in der Provinz gedacht war, hat man ihn entsprechend großzügig errichtet. Auf einer Fläche von über 8000 Quadratmetern befinden sich drei Haupthöfe und drei Nebenhöfe mit insgesamt 19 Hallen. In der Haupthalle und einer weiteren Halle werden die Ehrentafeln für die Ahnen aufbewahrt. Links und rechts sind Höfe für Studienzwecke, weshalb der Tempel auch unter dem Namen Studienhof der Familie Chen bekannt ist. Diese Tempelanlage ist nicht nur groß, sondern zeichnet sich auch durch ihre üppigen Verzierung aus. Jeder Dachfirst der größeren Hallen ist mit Ziegelschnitzereien geschmückt; Steinsäulen, -geländer und -balken zeigen reiche Schnitzereien mit vielerlei Motiven; an der Außenwand des Tempels sind mehrere geschnitzte Ziegel eingefasst; die Türen und Fenster sowie die Holzkonstruktionen haben gleichfalls wertvolle Verzierungen. Derartig aufwendig verzierte Sippentempel gibt es in ganz China selten. Dies drückt nicht nur den Respekt der Nachkommenschaft der Familie Chen gegenüber ihren Vorfahren aus, sondern demonstriert auch die finanzielle Kraft der Sippe.