Die Tempel des Himmels, der Erde, der Sonne und des Mondes

China ist ein Land mit traditionsreichem Ackerbau. Da die Grundlage für den Ackerbau die Erde ist und die Ernte von Sonne, Mond, Wind, Regen, Donner und Blitz beeinflusst wird, haben die Menschen ganz früh diesbezügliche Formen der Anbetung entwickelt. In den Jahreszeiten für Aussaat und Ernte wurden Rituale abgehalten, um günstiges Wetter für eine gute Ernte herbeizuflehen oder im Fall einer guten Ernte der Gottheit Dankbarkeit auszudrücken. Die Herrscher in Altchina, in der Sklavenhalter- wie in der feudalistischen Gesellschaft, nutzten diesen Urglauben, um zu verbreiten, dass sie im Namen des Himmels die irdische Welt regierten und nannten sich schließlich Himmelssöhne. So wurde die Anbetung von Himmel und Erde mit der Stärkung und Befestigung der Staatsmacht in Einklang gebracht und gewann immer mehr an Bedeutung. In allen Dynastien der chinesischen Geschichte war eindeutig festgelegt, dass die Opferdarbringung für den Himmel das ausschließliche Recht des Kaisers sei. Zuwiderhandlungen wurden als schwerste Verstöße betrachtet. Die Opferdarbringung für den Himmel galt als der wichtige Ritus, wichtiger als der für die kaiserlichen Ahnen. Starb ein Kaiser oder eine Kaiserin, so musste das ganze Land trauern. Während der Trauerzeit gab es auch keine Opferdarbringung für die kaiserlichen Ahnen. Davon ausgeschlossen war nur die Opferdarbringung für den Himmel. Der Himmel- und der Erdtempel hatten in der Hauptstadt jeder Dynastie eine besonders günstige Lage.

Nach altchinesischer Ansicht war der Süden männlich, der Norden weiblich. Da der Himmel als männlich und die Erde als weiblich galten, war der Ort für den Himmelstempel immer im Süden und für den Erdtempel im Norden. Weil die Sonne im Osten aufgeht, gebührte dem Sonnentempel ein Platz im Osten, so dass sich der Mondtempel mit einem Platz im Westen begnügen musste. Götter meiden natürlich irdischen Lärm, und so befanden sich ihre Anbetungsstätten in der Regel in abgelegenen Vororten. Dieser Regelung entsprach die Anordnung der Tempelanlagen der Ming- und der Qing-Dynastie: Der Himmel-, der Erd-, der Sonnen- und der Mondtempel befanden sich jeweils im Süden, Norden, Osten und Westen außerhalb der Stadtmauer. Der Himmelstempel wurde erst durch einen Ausbau der Stadt Mitte der Ming-Dynastie in die Stadt aufgenommen.

Der Himmelstempel wurde 1420 erbaut, zur Bauzeit der Verbotenen Stadt. Die Qing-Dynastie führte im Himmelstempel Umbaumaßnahmen durch, wobei die Bauwerke jedoch im großen und ganzen erhalten bleiben. Der Himmelstempel nimmt eine Fläche von 278 Hektar ein und ist damit viermal so groß wie die Verbotene Stadt. Er ist zum größten Teil mit Bäumen bewachsen und hat nur wenige Bauten.

Der Haupteingang zum Himmelstempel befindet sich an der Westmauer. Von hier führt ein langer Weg gen Osten. Südlich des Weges gibt es einen wichtigen Baukomplex, den Palast des Fastens, wo der Kaiser während der Zeit des Opferrituals wohnte und fastete. Schon drei Tage vor dem Beginn der eigentlichen Zeremonie begab sich der Kaiser hierher. Er musste sich  jeglicher Lust enthalten, durfte kein Fleisch essen, keinen Alkohol trinken, keine Frau haben und keine Tanz- und Gesangsvorführungen besuchen, um dem Himmel seine Frömmigkeit und Ehre zu bezeigen. Die wichtigsten Bauwerke des Himmelstempels befinden sich im östlichen Teil des Parks. Das ist eine Gruppe von Baukomplexen, bestehend aus dem Himmelsalter, der Halle des Himmelsgewölbes und der Halle der Ernteopfer. Sie durchziehen den Himmelstempel von Süden nach Norden auf einer geraden Linie.

Der Himmelsaltar im südlichen Teil war der Ort für die große Zeremonie. Er ist ein runder Bau aus drei Terrassen, die alle mit steinernen Balustraden versehen sind. Um den Altar gibt es keine Bauwerke bis auf zwei ganz niedrige Mauern ringsherum. Die innere Mauer ist rund und die äußere quadratisch. Die Zeremonie fand am Tag der Wintersonnewende jedes Jahres vor Tagesanbruch statt. Der Kaiser stieg auf den Alter, der mit Lampions geschmückt und von Weihrauch aus einem Dutzend von Weihrauchgefäßen umwoben war. Jede einzelne Handlung der Zeremonie war von Musik begleitet.

In der Halle des Himmelsgewölbes nördlich des Himmelsaltars wurden die Zeremonientafeln zur Verehrung des göttlichen Himmels aufbewahrt. Die Halle ist ein rundes kleines Gebäude, links und rechts von einem Seitenbau flankiert. Interessant ist die Mauer, die die Halle des Himmelsgewölbes umgibt. Spricht man gegen die glatte Wand, so kann ein anderer an der gegenüberliegenden Stelle es genau gehören. Deshalb ist diese Mauer unter dem Namen Echomauer bekannt..

Nördlich der Halle des Himmelsgewölbes ist ein 360 Meter langer und 30 Meter breiter Weg. Er liegt 4 Meter über dem Boden und ist von grünen Bäumen gesäumt. Am Ende des Weges erreicht man die Halle der Ernteopfer. Diese runde Halle wurde auf einer dreistufigen Marmorterrasse erbaut und hat ein dreigeteiltes Dach.

Man glaubte in Altchina lange Zeit, dass der Himmel rund und die Erde quadratisch wären. Deshalb wurden im Himmelstempel für viele Bauten runde und quadratische Formen gewählt. So ist der Abschnitt der Mauer im Norden rund, um den Himmel zu imitieren, und der Abschnitt der Mauer im Süden, die die Erde darstellen sollten, quadratisch. Bei den drei wichtigen Bauten im Himmelstempel, nämlich der Halle des Himmelsgewölbes, der Halle der Ernteopfer und dem Himmelsalter, herrschen die runden Formen vor: runder Grundriss, runde Plattformen und runde Dächer.

Wie oben schon erwähnt, galten in der chinesischen Antike die ungeraden Zahlen als Yang-Zahlen und die geraden Zahlen als Yin-Zahlen. Unter den Yang-Zahlen war Neun die höchste. Deshalb ist diese Glückszahl auch im Himmelstempel überall anzutreffen. Der Himmelsalter ist oben komplett mit Steinplatten belegt. In der Mitte befindet sich ein runder Stein, der von neun Steinringen umsäumt ist, der erste Ring mit 9 Steinplatten, der zweite mit 18, der dritte mit 27,... und der neunte Ring mit 81 Steinplatten. Die Geländerstücke der Balustraden sind auf jeder Etage eine Multiplikativzahl von neun. Davon gibt es auf der höchsten Etage 36, in der mittleren Etage 72 und in der niedrigsten Etage 108. Auch die drei Treppen haben jeweils neun Stufen. Die Halle der Ernteopfer hatte eine andere Funktion. Die Zahlen hier stehen oft mit dem Ackerbau im Zusammenhang. Die Holzsäulen, die in drei Ringen die ganze Konstruktion tragen, haben symbolische Bedeutungen. Die zwölf Säulen im äußeren Ring sind Sinnbilder für die zwölf Doppelstunden eines Tages, die zwölf Säulen im mittleren Ring sind Sinnbilder für die zwölf Monate des Jahres, und zusammen deuten sie auf die 24 Jahreseinteilungen nach dem Mondkalender hin. Die vier großen Säulen im inneren Ring verkörpern die vier Jahreszeiten.

Die Erde ist gelb und der Himmel ist blau, dementsprechend fand im Himmelstempel die blaue Farbe überall Anwendung. Die niedrige Mauer um den Himmelsaltar ist mit blauglasierten Ziegeln bedeckt, dieselbe Farbe findet man auch auf den Dächern der Halle des Himmelsgewölbes und der Halle der Ernteopfer. Auch ein paar Seitenhallen und Tore sind mit blauen Dächern versehen.

Neben dem Himmelstempel gibt es noch den Erd-, den Sonnen- und den Mondtempel. Sie haben alle Altäre für die Opferdarbringung, um die herum Steintore sowie Dienstbauten wie Küchen und Lagerräume stehen. Weil aber die Anbetung des Himmels am wichtigsten war, ist der Umfang dieser drei Bauten wesentlich kleiner. Symbolische Bezüge finden sich jedoch auch hier. Ein Beispiel dafür ist der Erdtempel: Aufgrund seines Yin-Charakters wurde er im nördlichen Vorort angelegt, wobei nur gerade Zahlen Anwendung fanden. Der Alter ist quadratisch und hat zwei Schichten. Die Treppen auf dem Altar haben jeweils acht Stufen, und die Terrasse darauf ist mit Steinplatten belegt, die wiederum gerade Zahlen aufweisen.

Auch sogenannte heilige Berge wurden verehrt. Die berühmten Fünf Berge z.B. hatten Altäre für Opferdarbringungen und Klöster in großer Zahl, davon ist der Taishan am bekanntesten. Er befindet sich in Mitte der Provinz Shandong, an seinem Fuß liegt das Dai-Kloster, ein palastähnlicher Baukomplex, in dem der Gott des Taishan verehrt wurde. Mehrere Kaiser veranstalteten hier Opferzeremonien mit dem Ziel, als legitime Vertreter des Himmels ihre Herrschaft zu festigen.