Bauten in der Verbotenen Stadt

In der Verbotenen Stadt gibt es fast tausend Gebäude. Es ist hier nur möglich, einige wichtige Bauten als Beispiele zu behandeln.

Das Mittagstor (Wumen): Das Mittagstor ist der südliche Eingang zur Verbotenen Stadt und hat eine U-Form. Der Unterbau ist zehn Meter hoch, auf dem in der Mitte eine Torhalle und zwei vorgeschobene Seitenflügel Platz finden, die jeweils zwei Pavillons tragen. Das Mittagstor war mit seiner Höhe, vom Boden zum höchsten Dachfirst 37,95 Meter, der höchste Bau der Verbotenen Stadt und auch der ranghöchste Durchgang in der Kaiserzeit.

Das Mittagstor hat fünf Durchgänge. Drei sind Frontdurchgänge und zwei Seitendurchgänge. Es gab feste Regelungen für das Passieren dieses Tors. Das in der Mitte liegende Haupttor war nur für den Kaiser reserviert. Der Kaiserin wurde an ihrem Hochzeitstag gestattet, einmal das Haupttor zu durchschreiten. Auch die drei Besten beim Kaiserlichen Palastexamen durften es einmal passieren, nachdem ihnen die Würde eines Zhuangyuan (Examensbester in der Kaiserlichen Prüfung), eines Bangyan (Zweitplazierter in der Kaiserlichen Prüfung) und eines Tanhua (Drittplazierter in der Kaiserlichen Prüfung) verliehen worden war. In der Qing-Dynastie benutzten Zivil- wie Militärbeamte, Fürsten wie Prinzen zur Audienz die Tore zu beiden Seiten des Haupttors. Nur bei Kaiserlichen Prüfungen und großen Anlässen wurden auch die Flügeltore geöffnet. Alle Zivilbeamten gingen durch das östliche Flügeltor, alle Militärbeamten durch das westliche Flügeltor. Die an der Kaiserlichen Prüfung teilnehmenden Prüflinge benutzten nur die Tore der Seitenflügel, wobei Ränge ungerader Zahlen durch das östliche und Ränge gerader Zahlen durch das westliche Tor in den Palast gelangten. So streng war die Rangordnung in der feudalistischen Gesellschaft.

Wenn Truppen von einem siegreichen Feldzug zurückkehrten, veranstaltete der Kaiser am Mittagstor eine Zeremonie zur Übernahme der Kriegsgefangenen. Wenn der Kaiser Anweisungen erließ, versammelten sich die Zivil- und Militärbeamten ebenfalls auf dem Platz vor dem Mittagstor. Es war festgelegt, dass am fünften, fünfzehnten und fünfundzwanzigsten Tag jedes Monats nach dem Mondkalender Audienzen stattfanden. Erschien der Kaiser jedoch nicht, musste sich alle Zivil- und Militärbeamten vor dem Mittagstor versammeln. Zur Zeit der Ming-Dynastie wurden Minister, die den Unwillen des Kaisers auf sich gezogen hatten, auf dem Platz vor dem Mittagstor mit Stockschlägen bestraft.

Das Tor der Höchsten Harmonie (Taihemen): Geht man durch das Mittagstor, so befindet man sich schon im Äußeren Hof der Verbotenen Stadt. Das Tor der Höchsten Harmonie ist der Haupteingang der drei Haupthallen des Äußeren Hofs. Zwischen ihm und dem Mittagstor ist ein 26 000 Quadratmeter großer Platz. Auf der Südseite des Platzes fließt ein kleiner Fluss von West nach Ost. Fünf Brücken aus Marmor überspannen ihn. Er heißt Goldwasserfluss und wurde künstlich angelegt.

Im alten China wurde bei der Anlage von Baulichkeiten großer Wert auf die Form des Standorts und der Umgebung gelegt. In der Regel galt ein Standort mit einem Berg hinten und einem Fluss vorn als ideal. Der Berg im Rücken kann den kalten Wind fernhalten, und ein freies Gelände vor dem Haus gegen Süden beschert genügend Sonnenschein und Wasser. Die Fengshui-Lehre befasst sich speziell mit diesem Thema. Danach bestimmen die Form der Berge und die Richtung des Flusses in der Umgebung von Wohnstätten und Gräbern über Gedeih und Verderb. Wenn gewisse Faktoren nicht gegeben sind, können sie jedoch künstlich geschaffen werden. Der Fluss Goldwasser ist nach diesem Prinzip angelegt worden. An der nordwestlichen Ecke der Verbotenen Stadt wird das Wasser vom Wallgraben abgeleitet, fließt dann an einigen wichtigen Baukomplexen vorbei und verlässt die Verbotene Stadt an der südöstlichen Ecke in den Wallgraben. Der kleine Fluss leitete zwar auch Regenwasser ab und stellte Löschwasser zur Verfügung, aber seine wahre Funktion war seinerzeit im wesentlichen die, die ihm die Fengshui-Lehre zuschrieb.

Das Tor der Höchsten Harmonie befindet sich in der Mitte auf der Nordseite. Links und rechts des Hauptdurchgangs gibt es jeweils einen Nebendurchgang. Das Tor ruht auf einer nur niedrigen Plattform und hat auch keine vorgeschobenen Seitenflügel. Das heißt, dieses Tor ist um einen Rang niedriger als das Mittagstor. Links und rechts wird das Tor von je einem bronzenen Löwen bewacht. Der Löwe gilt in China als der König der Tiere. Mit Löwen wird einem Bau das Symbol der Macht hinzugefügt. Bei altchinesischen Bauten sehen wir oft diese Anordnung: Vor dem Tor stehen links und rechts je ein Löwe aus Bronze oder Stein. Der Löwe links ist ein männliches Tier mit einem Kugel unter einer Tatze, rechts ist die Löwin mit einem Jungtier unter einer Tatze.

Das Tor der Höchsten Harmonie war das Haupttor zum Äußeren Hof, hier erledigte der Kaiser auch manchmal Staatsangelegenheiten. Während der Ming-Dynastie galt als Regel, das sich alle Zivil- und Militärbeamten jeden Morgen im Hof vor dem Tor einzufinden hatten, um auf das Erscheinen des Kaisers zu warten. In der Qing-Dynastie waren diese Audienzen statt am Tor der Höchsten Harmonie am Tor der Himmlischen Reinheit. Kaiser Kangxi (Regierungsperiode 1662 - 1722), der während seiner Herrschaft viel geleistet hatte, kam am häufigsten zur Audienz hierher. Spätere Kaiser hielten zwar noch an dieser Tradition fest, kamen aber immer seltener. Nach 1861 wurde hier keine Audienz mehr abgehalten.

Die Halle der Höchsten Harmonie (Taigedian): Hinter dem Tor der Höchsten Harmonie liegt ein größerer Platz. Die drei Vorderen Hallen - Halle der Höchsten Harmonie, Halle der Vollkommenen Harmonie und Halle zur Erhaltung der Harmonie - befinden sich auf der Nordseite dieses Platzes. Da altchinesische Bauten aufgrund der Holzkonstruktion gegen Feuchtigkeit sehr empfindlich waren, wurden sie oft auf einer hohen Plattform errichtet. Je wichtiger der Bau, desto höher die Plattform. An der Höhe der Plattform konnte der Rang des Gebäudes erkannt werden. Die drei Vorderen Hallen der Verbotenen Stadt haben ganz hohe Plattformen, 8,17 Meter in drei Stufen.

Die Halle der Höchsten Harmonie war die wichtigste Halle der Verbotenen Stadt, in der die Kaiser der Ming- und der Qing-Dynastie die großen kaiserlichen Zeremonien abhielten: die Thronbesteigung, die Hochzeit des Kaisers und die Ernennung der Kaiserin, die Audienz für die Zivil- und Militärbeamten sowie die Feiern und Bankette anlässlich verschiedener Festtage. Und vor jedem Feldzug verabschiedete der Kaiser hier die Truppen. Da die Halle vom höchsten Rang war, wurde sie bezüglich der gesamten Projektierung, des Bauplans und der inneren Architektur bevorzugt.

Die Halle der Höchsten Harmonie hat eine Länge von elf Räumlichkeiten, umgerechnet 60,01 Meter, eine Tiefe von 33,33 Metern und eine Höhe von 35,05 Metern. Von den erhaltenen Palastgebäuden Chinas ist sie das längste, tiefste und höchste. Für die Halle der Höchsten Harmonie wurden die Dachform und die Dekoration des höchsten Rangs gewählt. Nach festen Bestimmungen durften die Dachfirste mit bis zu neun Schutzwesen in Tiergestalt geschmückt werden. Hinzu kam hier noch eine Menschenfigur, eine Seltenheit in der Architektur Chinas. Die Dekoration der Fenster, Türen, Balken und Säulen war feinste Malerei. Das alles hatte den Zweck, die kaiserliche Macht zu demonstrieren.

Die meisten Dekorationsmotive in der Halle der Höchsten Harmonie sind Drachenmuster. Da der Drachen das Symbol des Kaisers war, gab es am Kaiserhof überall Drachenmuster. Vor allem diese Halle ist voll davon. An den Balustraden der Plattform sind Drachen eingemeißelt, Säulen und Balken sind mit Drachen bemalt, an Fenstern und Türen sind Drachen eingeschnitzt. In der Mitte der Halle befinden sich sechs goldene Tragsäulen, um die sich jeweils ein prachtvoller Drache rankt. Der Thron ruht mit einem Paravent aus sieben Flügeln an der Rückseite auf einem siebenstufigen Sockel, und alle diese Teile sind reich mit Drachenornamenten geschmückt. Wer alle die Drachen in und an der Halle der Höchsten Harmonie zählt, kommt auf rund 12 600.

Auf der Plattform vor der Halle stehen eine Schildkröte und ein Kranich aus Bronze, Symbole für Langlebigkeit und Glück, sowie ein Hohlmaß und eine Sonnenuhr, Symbole für Einheit und Stabilität des Landes. Die Schildkröte und der Kranich können auch als Weihrauchgefäße genutzt werden.

Der weite Platz und die ganz oben ruhende Halle der Höchsten Harmonie mit ihren goldglasierten Dachziegeln und den bunten Malereien an der Front, den roten Säulen, Türen und Fenstern, der roten Mauer sowie der weißen Plattform bilden eine kontrastvolle Umgebung, die bei kaiserlichen Zeremonien für eine Ehrfurcht einflößende Stimmung sorgte, zu der noch der Weihrauch, das Getöse von Trommeln und Glocken sowie die bunten Fahnen beitrugen. Dies verfehlte nie die gewünschte Wirkung.

Die Halle der Vollkommenen Harmonie (Zhonghedian) und die Halle zur Erhaltung der Harmonie (Baohedian): Die Halle der Vollkommenen Harmonie befindet sich in der Mitte der drei Vorderen Hallen. Hier traf der Kaiser die Vorbereitungen zu seinen Audienzen. Diese Halle ist nicht sehr groß und einfach ausgestattet. Die Halle zur Erhaltung der Harmonie liegt nördlich von der Halle der Vollkommenen Harmonie und diente als Bankettsaal. Auch sie kann sich bezüglich des Umfangs und der Ausschmückung nicht mit der Halle der Höchsten Harmonie messen.

Die Halle zur Erhaltung der Harmonie hat eine Breite von neun Räumlichkeiten, und die Dachform ist um einen Rang niedriger als jene der Halle der Höchsten Harmonie. Die Halle der Vollkommenen Harmonie hat nur eine Breite von fünf Räumlichkeiten. Sie ist ein quadratisches Gebäude mit einem Zeltdach, die kleinste der drei Vorderen Hallen. Die drei Hallen befinden sich auf derselben Plattform, haben die gleichen goldglasierten Dachziegel sowie die gleichen roten Türen und Fenster, weisen aber unterschiedliche Dachformen auf. Was die Größe anbelangt, so sind die beiden Hallen an den Seiten sehr stattlich, die in der Mitte vergleichsweise klein. Sie erfüllten nicht nur unterschiedliche Funktionen, sondern demonstrierten auch zeremonielle Rangunterschiede. Der gleiche Baustil, doch feine Variationen.

Die Halle der Himmlischen Reinheit (Qianqinggong): Hinter der Halle zur Erhaltung der Harmonie führt von der Plattform eine Treppe hinab. Hier befindet sich ein Querhof (Hengjie), die Trennung zwischen dem Äußeren und dem Inneren Hof. Das Tor der Himmlischen Reinheit steht an der Nordseite des Querhofs. Es ist von zwei Schirmwänden flankiert. Schirmwände sind alleinstehende Mauern mit Verzierungsfunktion, die normalerweise in oder vor einem Eingang stehen, um den Einblick in den Hof zu verwehren. Bei den Schirmwänden am Tor der Himmlischen Reinheit handelt es sich ausschließlich um eine Verzierung, die den Eindruck der Ehrfurcht verstärken soll. Hinter dem Tor sieht man bereits das wichtigste Gebäude im Inneren Hof - die Halle der Himmlischen Reinheit. In der Ming-Dynastie und in der frühen Periode der Qing-Zeit war hier das Schlafgemach des Kaisers und der Kaiserin. Yongzheng, der fünfte Kaiser der Qing-Dynastie, verlegte jedoch sein Schlafgemach zur Halle der Pflege des Herzens (Yangxindian) im westlichen Teil des Inneren Hofs. Die Halle der Himmlischen Reinheit wurde dann der Ort, wo der Kaiser seine Minister und ausländische Gesandte empfing. Diesem Zweck entsprechend wurde in der Halle ein erhabener Thron aufgestellt, über dem man eine Tafel mit der Inschrift "Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit" aufhing. Mit dieser Tafel hat es folgende Bewandtnis: Vor der Qing-Dynastie galt das Prinzip, den ältesten Sohn des Kaisers zum Kronprinzen zu ernennen, egal, ob er die moralischen Aufforderungen erfüllte und fähig war. So entbrannten zwischen den Drachensöhnen unvermeidlich Kämpfe auf Leben und Tod. Während der Qing-Dynastie war es zunächst genauso. Kaiser Kangxi z. B. hatte 35 Söhne, die um die Gunst des Kaisers und mächtiger Beamter warben, um den Kronprinzen zu stürzen. Schließlich gelang es dem vierten Sohn des Kaisers, als Kaiser Yongzheng den Thron zu besteigen. Aufgrund seiner Erfahrungen entschloss er sich, zeit seines Lebens nicht offiziell zu verkünden, wer der Kronprinz sei. Er schrieb auf zwei Zettel den Namen des von ihm heimlich ausgewählten Kronprinzen. Den einen führte er bei sich, den anderen verschloss er in einer Schatulle, die hinter der Tafel mit der Inschrift "Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit " versteckt war. Nach dem Tod des Kaisers sollten die Minister die beiden Zettel vergleichen und den Namen des Kronprinzen bekannt geben. Der Kaiser wollte damit den Brudermord verhindern, mit dem er einmal konfrontiert war.

Die Halle der Berührung von Himmel und Erde (Jiaotaidian) und der Palast der Irdischen Ruhe (Kunninggong): Der Palast der Irdischen Ruhe war in der Ming-Dynastie Schlafgemach der Kaiserin. Sie hatte zunächst nur einen großen Raum. Shunzhi, der erste Qing-Kaiser, ließ gemäß der Tradition der Mandschuren den Palast umbauen. Er wurde in zwei Räume eingeteilt. Der östliche Raum wurde in eine Hochzeitskammer verwandelt, den westlichen nutzte man für Opferzeremonien und richtete ihn entsprechend ein. An der Wand wurde ein großer Herd aufgestellt, da nach den Gebräuchen der Mandschuren an Opfertagen Schweine zu schlachten waren, die dann als Opfer den Ahnen und Göttern dargebracht wurden.

Zwischen der Halle der Himmlischen Reinheit und dem Palast der Irdischen Ruhe befindet sich die relativ kleine und quadratische Halle der Berührung von Himmel und Erde. In der Qing-Dynastie nahm die Kaiserin an wichtigen Festtagen hier die Grüße und Wünsche von Mitgliedern ihrer Familie und der kaiserlichen Sippe entgegen. Später diente die Halle zur Aufbewahrung der unterschiedlichen Kaisersiegel. Anders als die drei Vorderen Hallen, die keine Phönixmuster aufweisen, wurden die Halle der Himmlischen Reinheit, die Halle der Berührung von Himmel und Erde und der Palast der Irdischen Ruhe gemischt mit Drachen- und Phönixmotiven verziert.

Wie die drei Vorderen Hallen sind auch die drei Hinteren Hallen auf einer gemeinsamen Steinplattform errichtet und nach der Regel die großen außen und die kleine in der Mitte angeordnet. Der gesamte Umfang jedoch, d.h. die Höhe der Plattform, die Größe der Räume und des Hofs sowie die Distanz zwischen den Gebäuden, ist hier wesentlich kleiner. Die drei Vorderen Hallen sind geräumig und prachtvoll, während die drei Hinteren Hallen friedlich und fast bescheiden erscheinen.

Der Kaiserliche Garten (Yuhuayuan): Der Kaiserliche Garten nördlich des Palastes der Irdischen Ruhe ist die hinterste Anlage der Verbotenen Stadt auf der Mittelachse. Hier gibt es sowohl Pflanzen und einen künstlich angelegten Berg als auch Bauwerke, die nicht mehr die Symmetrie berücksichtigen, sondern verstreut im Garten liegen. Neben richtigen Hallen sieht man hier auch Pavillons und einen Laubengang. Die Steine, aus denen der künstliche Berg aufgetürmt ist, stammen aus Südchina. Je nach Saison wurden hier Blumen aus Südchina ausgestellt.

Die Halle der Pflege des Herzens (Yangxindian): Sie befindet sich nicht auf der Mittelachse der Verbotenen Stadt, sondern auf der Westseite des Inneren Hofs. Von Qing-Kaiser Yongzheng an diente sie als Schlafstätte des Kaisers. Der Halle mit drei Räumen sind zwei Hinterkammern beigefügt, die eigentlichen Schlafgemächer des Kaisers. Diese Halle ist nicht groß, hat aber einen relativ großen Hof mit einem schönen Ausblick. Im mittleren Raum der Halle erledigte der Kaiser seine Arbeit und empfing auch seine Minister. Dafür stand in diesem Raum ein Thron. Im östlichen Raum, Ostkamme der Wärme (Dongnuange) genannt, und im westlichen Raum, der Westkammer der Wärme (Xinuange), beriet sich der Kaiser mit seinen Beamten. Im Jahr 1861 bestieg ein sechsjähriger Junge als Kaiser Tongzhi den Thron. Die Macht jedoch lag in den Händen seiner Mutter, der Kaiserinwitwe Cixi. Heute noch sehen wir in der Ostkammer der Wärme jenen Vorhang, hinter dem die Kaiserinwitwe bei Audienzen saß und ihre Anweisungen erteilte. Der kleine Kaiser saß zwar auf dem Thron, spielte aber nur die Rolle einer Marionette. Dafür wurde von den Geschichtsschreibern das Wort "hinter dem Vorhang regieren" geprägt. Die Halle der Pflege des Herzens ist noch in demselben Zustand wie zur Zeit des Kaisers Guangxu.

Das Tor des Göttlichen Kriegers (Shenwumen): Als Nordeingang der Verbotenen Stadt hieß es in der Ming-Dynastie Tor des Nordgottes (Xuanwumen). Da der eigentliche Name des Kaisers Kangxi, nämlich Xuanye, in der ersten Silbe mit jener des Tornamens übereinstimmte, musste das Tor umbenannt werden. Es ist ein prächtiges Tor mit einem großen Wachturm auf der Mauer und drei Durchgängen.

Bei unserem Rundgang durch die Verbotene Stadt haben wir gesehen, wie die Bauwerke neben ihren zweckdienlichen Funktionen die kaiserliche Autorität und Macht demonstrierten. Das war aber noch nicht alles. In der chinesischen Antike waren die Konstruktion und der Bau, durch die feudalistische Gesellschaft bedingt, vom System und der Ideologie bis in letzte Details beeinflusst. Die Bauwerke der Verbotenen Stadt verkörpern nicht nur die feudalistischen Ansichten über die zentralisierte Staatsmacht und die Ständeordnung, sondern vereinen auch die Lehre von Yin und Yang und die Lehre von den fünf Elementen in sich.

Die Lehre von Yin und Yang und die Lehre von den fünf Elementen sind eine Philosophie und eine Weltanschauung aus der chinesischen Antike. Danach ist alles in der Welt, der Himmel und die Erde, die Sonne und der Mond, der Tag und die Nacht, der Mann und die Frau, sogar Zahlen, plus und minus, und Positionen wie oben und unten, vorn und hinten, einen von den beiden Charaktern Yin und Yang zuzuordnen, die miteinander existieren in gegenseitiger Konfrontation. Mit den fünf Elementen waren einst Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde gemeint. Hinzu kamen die fünf Richtungen Ost, Süd , West, Nord und Mitte sowie die Farben Blau, Gelb, Rot, Weiß und Schwarz, die jeweils mit einem der fünf Elemente auf eine bestimmte Weise in Einklang gebracht wurden. Da nach diesen Vorstellungen das Vorn die Eigenschaft von Yang und das Hinten die von Yin habe, wurde der Äußere Hof der Verbotenen Stadt vorn und der Innere Hof hinten angelegt. Dadurch wurde nicht nur der praktischen Funktion der Baukomplexe Rechnung getragen, auch das Prinzip von Yin und Yang wurde dabei berücksichtigt. Drei ist eine Yang-Zahl, danach wurden die drei Vorderen Hallen im Äußeren Hof gebaut; zwei ist eine Yin-Zahl, danach wurden die zwei Hinteren Hallen errichtet. (Ursprünglich gab es nur die Halle der Himmlischen Reinheit und den Palast der Irdischen Ruhe. Die Halle der Berührung von Himmel und Erde wurde erst später gebaut.)

Was die fünf Farben betrifft, so ist Gelb die Farbe der Erde. Da die Erde die Grundlage für alles ist, wurde Gelb als die kardinale Farbe betrachtet. Später wurde Gelb mit dem Kaiser in Verbindung gebracht. Das ist der Grund, warum man bei einer großen Anzahl von Bauwerken in der Verbotenen Stadt gelbglasierte Dachziegel verwendet hatte. Die wenigen Ausnahmen beruhten auf der Grundlage der Fengshui-Theorie. Für den Pavillon der Literarischen Tiefgründigkeit, eine kaiserliche Bibliothek, kamen z. B. schwarzglasierte Dachziegel in Frage, da Schwarz das Wasser symbolisiert und das Wasser das Feuer bezwingt. Mit den schwarzglasierten Dachziegeln hoffte man den Pavillon der Literarischen Tiefgründigkeit vor Feuer zu bewahren. Das Rot war ebenfalls eine kardinale Farbe. In der Ming-Dynastie war vorgeschrieben, dass alle Thronberichte an den Kaiser in Rot zu schreiben waren, und in der Qing-Dynastie mussten die vom Kaiser überprüften Thronberichte im Kabinett mit rotem Vermerk weitergeleitet werden. Auch im Volk gilt das Rot als glückverheißende Farbe. So sind z. B. die Lampions an Festtagen und die aus Papier ausgeschnittenen Schriftzeichen Doppelglück bei der Hochzeitsfeier alle rot. In der Verbotenen Stadt wurden die Tore, Türen und Fenster sowie Pfeiler rot gestrichen.

Auch die Türbeschläge und die Tierfiguren auf den Dächern verdienen in der Verbotenen Stadt Beachtung.

Die wichtigen Tore in der Verbotenen Stadt wurden aus dicken Holzbohlen gezimmert, auf denen man Türbeschläge anbrachte. Die Türbeschläge bestanden aus Nägeln, die die Bretter befestigten. Nach und nach wurde aus dieser Befestigungsmaßnahme ein Schmuck. In der Ming-Dynastie wurde festgelegt, dass im Kaiserpalast für rote Tore goldene Türbeschläge zu verwenden seien. In der Rangfolge kamen danach grüne Tore mit bronzenen und schwarze Tore mit eisernen Nägeln. Besucher beachten oft nicht die Anzahl der Nägel an den Toren, die vieles erzählen können. In der chinesischen Antike galt die ungerade Zahl als Yang-Zahl und die gerade Zahl als Yin-Zahl. Unter den Yang- Zahlen war Neun die höchste. Deshalb war die Neun die dem Kaiser vorbehaltene Glückszahl. Auf dem vorderen und dem hinteren Kaiserweg der Plattform für die drei Vorderen und dem hinteren Kaiserweg der Plattform für die drei Vorderen Hallen z. B. sind jeweils neun Drachen eingemeißelt. Und die Tore, durch die der Kaiser ging, waren mit 81 Nägeln (neun Reihen mal neun Nägel) geschmückt.

Die Schutzwesen auf den Dächern sind gleichfalls voller symbolischer Bedeutungen. Als erstes in der Reihe ist eine Menschenfigur zu sehen, ein Unsterblicher, auf einem Fabelwesen reitend. Hinter ihm kommen Tierfiguren unbestimmter Anzahl. In der Regel sind sie von einer ungeraden Zahl. Man glaubte, diese Fabeltiere könnten Glück bringen und das Böse vertreiben. Gemäß der Rangordnung des Hofes waren die Größe und Höhe der Bauten genau festgelegt, und vorgeschrieben war auch die Anzahl der Schutzwesen. Da neun die höchste Yang-Zahl ist, stehen auf den höchsten Palastbauten neun Schutzwesen. Die zehn Schutzwesen auf dem Dach der Halle der Höchsten Harmonie sind die einzige Ausnahme.