Stimmen aus Wuhan (Folge 4): Sich wie eine Made bewegen oder im Aquarium angeln

2020-02-07 13:32:27

Ein Mann angelt zu Hause im eigenen Aquarium. Ein Anderer spielt das Familienspiel Mahjong alleine und wechselt dafür ähnlich wie bei "Dinner for one" ständig den Platz. Nachbarn singen am offenen Fenster gemeinsam die Nationalhyme und wünschen sich und der Stadt Wuhan viel Kraft. Ja, neben dem Kampf gegen das Virus gibt es in Wuhan, und in anderen Orten, auch einen sehr kreativen Kampf gegen die Langeweile. Und viele der einfallsreichen Spiele und Aktionen werden in Form von Fotos, Videos und Memes tausendfach in den sozialen Netzwerken geteilt und bieten den Millionen "Stubenhockern" eine willkommene Ablenkung.

Die 23-jährige Master-Studentin der Erziehungswissenschaft Tang sieht sich Videos und Fernsehserien an. Zudem liest sie die Neuigkeiten in Weibo. "Ich mache Videochats mit meinen Freunden und Witze. Ich spiele Mahjong mit meiner Familie oder spiele mit meinen Hunden. Doch einige Leute langweiligen sich auch, weil sie noch nie so lang zuhause geblieben sind." Tang hat gerade ein Bild online geteilt, das Apfelsinen zeigt, die auf Geldnoten von 5 Yuan RMB bis 100 Yuan RMB liegen. Man muss versuchen, einen Ring über eine der Apfelsinen zu werfen, um das darunterliegende Geld zu gewinnen. Von dem Spiel, das es auch auf deutschen Jahrmärkten mit Stofftieren gibt, kursieren viele Videos im Netz. In einem anderen Video versucht ein junger Mann verzweifelt den Ring über einen Laptop zu werfen. Am Ende hat er eine hübsche Frau "gewonnen", über deren Kopf aus Versehen der Ring gelandet war.

Tang will auch einmal das sogenannte Maden- oder Raupen-Spiel spielen, "wenn mir wieder mal zu langweilig ist". Maden bewegen sich wie Würmer durch Auseinander- und Zusammenziehen des Körpers fort. Viele Chinesen imitieren derzeit diese Bewegung auf dem Rücken liegend, in dem sie die Füße dicht ans Gesäß stellen, dieses dann heben und sich danach mit den Füßen wegdrücken, immer wieder. Es gibt auch Videos von Kindern, die aufwendig als Raupen verkleidet sind. Andere Wuhaner verreisen einfach daheim: "Sie stellen sich vor, dass sie reisen, und nutzen ihr eigenes Zuhause dafür. Eigentlich ist es wie in einem Theaterstück", erklärt Tang. Sie bedauert: "Ich muss auch online studieren, weil mein Mentor mir Aufgaben gegeben hat."

Der 30-jährige Selbständige Zhang liest viel. "Wir springen auch Seil und gucken Fernsehen", sagt er und weist lächelnd darauf hin, dass er sich zu Hause in einer viel komfortableren Lage befinde als die Ärzte und Krankenschwestern in den Krankenhäusern.

Die 25-jährige Grafik-Designerin Yao, von der wir bereits gestern berichteten, erzählt: 'Es gibt auch einige falsche Nachrichten, die sich im Internet verbreiten, was die Angst verstärken kann. Der Grund, warum sich diese Nachrichten verbreiten, ist, dass alle begierig darauf sind, die tatsächliche Situation der Epidemie zu kennen, um zu wissen, wie lange die Epidemie andauern wird und wann sie zum normalen Leben zurückkehren können."

Die 24-jährige Studentin Lin langweilt sich Zuhause oft sehr: "Jeden Tag das Gleiche: Zusammen mit der Familie essen und dann früh schlafen gehen." Sie fühle sich wie in ein vorzeitiges Rentnerdasein versetzt. Auch Lin ist gut informiert und vernetzt. Sie teilt das Foto eines Passierscheins, das Autofahrer inzwischen dabei haben müssen, wenn sie für wichtige Transporte oder Fahrdienste unterwegs sind. Es würden auch die QR Codes von Freiwilligen geteilt, die medizinische Fachkräfte hin- und herfahren, da öffentliche Verkehrsmittel eingestellt sind. Ein anderer Screenshot zeigt eine Spendenliste für das Krankenhaus. Lin zeigt auch Bilder mit den Namen von Hotels mit Telefonnummern. In den Hotels, die sich in der Nähe von Krankenhäusern befinden, können Krankenschwestern und Ärzte unentgeltlich schlafen.

Die 19-jährige Jiang, die das Aquarium-Angler- und das Solo-Mahjong-Spieler-Video weitergeleitet hat, langweilt sich auch oft sehr. "Ich lerne deshalb seit Tagen Englisch. Jeden Tag! Ich freue mich auf den Tag, wenn ich wieder richtig raus kann."

Am Montag geht es weiter mit der nächsten Folge.

Text: Nils Bergemann

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