|
Wir haben jetzt bereits in mehr als einem Dutzend Kapiteln die wichtigsten Leistungen der chinesischen Zeichen und der Kalligraphie vorgestellt. In den folgenden vier Kapiteln wollen wir einige Höhepunkte in der Entwicklung der Schriftkunst in China besprechen, die jeweils eine entscheidende Erneuerung bedeuten. Diese Höhepunkte sind aus vier Dynastien, aus der Jin-, der Tang-, der Song- und der Qing-Dynastie. Diese Höhepunkte der Erneuerung wurden jeweils von den Meisterkalligraphen der Epoche bestimmt. Deshalb werden wir im Folgenden einige berühmte Kalligraphen vorstellen und den Leser gleichzeitig auch ein wenig mit den Verhältnissen der einzelnen Epochen vertraut machen.
Im vorliegenden Kapitel geht es um einen Vater und seinen Sohn. Wang Xizhi hatte sieben Söhne und eine Tochter. Einer starb früh, die anderen Söhne wurden alle Kalligraphen. Der berühmteste unter ihnen war der jüngste, Wang Xianzhi. Er und sein Vater repräsentieren den Geist der Epoche, sie haben den Stil der Jin-Dynastie bestimmt. Ihr Einfluß auf die Nachwelt ist in allen folgenden Jahrhunderten feststellbar. Wang Xizhi gilt als "Heiliger" der Kalligraphie, er ist auf seinem Gebiet ein wahrer Konfuzius.
Wang Xizhi wurde in eine Adelsfamilie geboren. Sein Großvater, sein Vater und dessen zwei Brüder hatten alle hohe Stellungen am Hofe bekleidet. Die Familie war auch ein Clan der Kalligraphen. In den Geschichtsbüchern sind ungefähr 100 namhafte Kalligraphen aus der Jin-Dynastie vermerkt, und davon gehören 20 zu den Wangs.
In seinen jungen Jahren hatte Wang Xizhi auch ein Amt inne, jedoch kein hohes. Er wurde von seinem Vorgesetzten gedemütigt. Als er die Schande nicht mehr ertragen konnte, schützte er Krankheit vor und kündigte seine Stelle. Am Grab seiner Eltern schwor er, in Hinkunft nie mehr als Beamter zu arbeiten. Es wird gesagt, dass er den Schwur auch in einer berühmten Schrift festgehalten hat. Wang hielt sich an seinen Schwur und lebte den Rest seines Lebens sehr zurückgezogen. Er war heiter und humorvoll, er liebte die Landschaft, züchtete Gänse und schrieb seine Zeichen, und er hatte auch viele Freunde. In seinem ganzen Leben hat er tausende Kalligraphien geschrieben, aber leider ist uns kein einziges Original von seiner Hand erhalten geblieben. Wir können nur Kopien betrachten, und die nach seinen Vorlagen eingravierten Texte, von denen es fast ein Dutzend gibt, das meiste in Schreibschrift und Normschrift; für seine Grasschrift haben wir nur ein einziges Beispiel.
Wang Xizhi lernte zuerst von seinem Vater, später von Frau Wei Shuo, der berühmten Kalligraphin. In seinen mittleren Jahren reiste er nach Norden, besichtigte die berühmten Berge, sah die Stelen der Meister und erweiterte seinen Horizont. Zudem durchforschte er die Bücher, und verwandelte schließlich die überkommene Kalligraphie in einen neuen Schriftstil, elegant und fließend, von dichter Form und gewandter Gestaltung, eine Verbindung des Normierten und des Fremdartigen, wie abgesetzt und doch nicht unterbrochen. Außerdem wurde sein Stil mit jedem Tag noch wundersamer. Als Wangs neue Schreibweise zuerst bekannt wurde, ahmten sie nach einer kurzen Weile sogar die Schüler des renommierten Hauses Yü nach. Yu Yi, der ursprünglich mit Wang Xizhi in einem Atemzug genannt worden war, war sehr aufgebracht, dass seine Schüler ,das wilde Geflügel den Hühnern des Hauses vorzogen',
wie er sagte. Wangs neue Schreibweise war also für Yu "wildes Geflügel". Aber bald nannte sogar Yu Yi den neuen Stil "glänzend wie das Licht der Götter".
Wang Xizhis Neuerung war ein Meilenstein in der Geschichte der chinesischen Kalligraphie. Ein Zeitgenosse sagte, ohne die Reformen Wangs würde man immer noch die alten Muster von Zhong You und Zhang Zhi aus der Östlichen Han-Dynastie nachahmen. Das ist nicht übertrieben. Als Wangs neuer Stil noch nicht hervorgetreten war, schrieb man kreuz und quer ohne einheitliches Maß, nicht zu vergleichen mit Wangs Kalligraphie.
Wir betrachten jetzt die Schreibschrift von Xie An, einem Premierminister und Kalligraphen aus der Jin-Dynastie. Xie war ein alter Freund von Wang und verbrachte zehn Jahre mit ihm in Kuaiji. Xie war auch einer der 41 von Lan Ting . Xies Stärke ist die Schreibschrift, und er hat auch bei Wang die Grasschrift studiert. Hier möchten wir den werten Leser bitten, die Schreibschrift Xies mit dem "Lan Ting-Vorwort" von Wang Xizhi am Beginn dieses Buches zu vergleichen. So kann man die Einmaligkeit von Wangs Stil deutlich sehen.
vorige Seite nächste Seite
|