
Noch vor 20 Jahren waren etwa 20 Prozent der in China lebenden älteren Menschen von Depressionen betroffen. Doch heute, nach zwei Jahrzehnten des wirtschaftlichen Aufschwungs, hat sich diese Zahl verdoppelt. Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft hat zu tiefgreifenden Veränderungen im familiären Zusammenleben geführt. In der Folge fallen immer mehr ältere Menschen in China zurück und leben allein.
Die Abteilung für mentale Gesundheit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften veröffentlichte vor kurzem eine Befragung, die in 29 größeren Städten Chinas durchgeführt wurde. Einige der Ergebnisse können mit Fug und Recht als unerwartet bezeichnet werden.
In ihrem in der Zeitschrift International Journal of Geriatric Psychatry veröffentlichten Artikel stützen sich Professor Li Juan und ihre Kollegen auf Untersuchungen, die in den Jahren 2007 und 2008 in chinesischen Großstädten durchgeführt wurden. Die Teilnehmer der Erhebung waren über einen längeren Zeitrum über die Häufigkeit und Schwere von depressiven Verstimmungen befragt worden. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass bis zu 40 Prozent der älteren Menschen in China unter Depressionen leiden könnten.
„Wir hatten nicht damit gerechnet, dass der Anteil so hoch seien würde, aber wir hatten mit einem Anstieg gerechnet. Wie bekannt ist, durchläuft China zurzeit eine ganze Reihe sehr schneller sozialer und ökonomischer Veränderungen. Diese führen zu vielen Faktoren, die bei älteren Menschen depressive Symptome überdecken können. Allerdings hatten wir wirklich nicht damit gerechnet, dass der Anteil so hoch ausfallen würde."
Aber welche Faktoren tragen zu diesem Phänomen bei? Die chinesische Wirtschaft hat sich weiterentwickelt, und viele ältere Menschen sind überzeugt davon, dass ihr Lebensstandard weit über dem ihrer Vorgängergeneration liegt.
Doch Lebensqualität hängt auch mit anderen, nicht materiellen Faktoren zusammen. In der Vergangenheit wurden ältere Menschen häufig von ihren erwachsenen Kindern umsorgt. Ran Hao von der Organisation Community Alliance richtet lokale Gemeinschaftszentren für alte Menschen ein und erläutert, inwiefern sich diese Tatsache verändert hat.
„Aufgrund der schnellen Entwicklung in China sind die Chancen, dass junge Menschen außerhalb ihrer Heimatstadt arbeiten, sehr groß. Dadurch kommen sie nur sehr selten nach Hause zu ihren Eltern. Außerdem stehen die jungen Menschen heute unter einem großen Druck. Selbst wenn sie in der selben Stadt leben sollten, in der auch ihre Eltern wohnen, haben sie doch oftmals nicht mehr genug Zeit, sich um ihre Eltern zu kümmern. Dadurch sind ihre Eltern zunehmend isoliert und leiden mehr und mehr an Depressionen."
Dies mag für einige westliche Länder keine neue Entwicklung sein, wohl aber für China. In vielen Ländern gibt es Altenheime, in denen Einsamkeit und Depression eine häufige Erscheinung sind. In den USA etwa übertrifft die Suizidrate alter Menschen weit diejenige aller übrigen Bevölkerungsgruppen.
Li Juan betont zudem, dass die Angehörigen der älteren Generation häufig große Probleme damit haben, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. Herr Lu, selbst ein älterer Bewohner Beijings, stellt hingegen eine grundlegende Veränderung in den Bedürfnissen der Menschen fest.
„Zu diesem Phänomen trägt der schnelle gesellschaftliche Wandel bei. Warum? Mit der zunehmenden Entwicklung und dem wachsenden Konkurrenzdruck genießen die Menschen ein immer besseres Leben. Allerdings steigt dabei auch ihr Bedürfnis nach materiellen Besitztümern. Noch vor einer Generation waren die Menschen vor allem an den grundlegenden Bedürfnissen interessiert, also an Essen und Kleidung. Im Vergleich dazu bietet die heutige Gesellschaft viel mehr Raum für materielle Gewinne, was aber auch neue Begehrlichkeiten weckt. Werden diese Wünsche nicht erfüllt, verfallen Menschen in Depressionen."
Dass materielle Annehmlichkeiten nicht unbedingt ein glückliches Leben bedeuten müssen, meint auch Herr Lan, seines Zeichens ebenfalls langjähriger Anwohner Beijings. Herr Lan ist erst vor kurzem von einem Urlaub in Los Angeles zurückgekehrt und zeigt sich überrascht vom Zustand älterer Menschen in den USA.
„Ich glaube, dass alte Menschen in Amerika sehr einsam sind. Sie verfügen über eine gewisse finanzielle Sicherheit, aber sie haben kaum Kontakte zu ihrer Familie und sehnen sich nach der Fürsorge anderer Menschen. Ich, als alter Mensch, mag alt sein, aber ich habe immer noch Aktivitäten, denen ich nachgehe."
Frau Ma stammt ebenfalls aus Beijing und glaubt, dass sich die bestehenden Probleme noch verschärfen könnten. Allerdings ist sie gleichzeitig überzeugt davon, dass es nicht zu ähnlich verheerenden Zuständen wie in manchen anderen Ländern kommen wird. Wie sie betont, stehen den älteren Menschen in China Treffpunkte im Freien sowie Begegnungszentren zur Verfügung.
„Am frühen Morgen kann man zum Himmelstempel oder zum Zhongshan-Park gehen. Dort trifft man viele Leute, die trainieren, Sie sind glücklich und zufrieden mit dieser neuen Gesellschaft. Im Vergleich zu einigen krisengeschüttelten und instabilen Regionen ist China ja sehr sicher und friedlich. Auch jetzt, wo China stärker wird und die Lebensumstände immer besser werden, kann der Schutz der alten Menschen sichergestellt werden. Zum Beispiel haben wir finanzielle Zuwendungen, unsere Kinder sind unabhängig und können für sich selbst sorgen. Unter diesen Umständen ist es doch recht unwahrscheinlich, dass alte Menschen an Depressionen leiden."
Doch was wird getan, um dem Auftauchen von Altersdepressionen wirksam vorzubeugen? Nach Auskunft Ran Haos stellt die Community Alliance Begegnungsstätten für ältere Menschen bereit und bietet ihnen ihre Unterstützung an.
„Wir sehen uns mit der Tatsache konfrontiert, dass viele alte Menschen unter Depressionen leiden, aber es wurde bereits viel unternommen. Es gibt zum Beispiel Hotlines, die psychologische Unterstützung für alte Menschen anbieten. Außerdem gibt es einige Organisationen wie die Community Alliance. Wir organisieren regelmäßig gemeinschaftliche Aktivitäten und bieten psychologische und juristische Dienste an. In einigen Gemeinschaften gibt es auch spezialisiertes Personal, die älteren Menschen regelmäßige Besuche abstatten. Das gilt vor allem für die besonders Armen oder Alten. Damit versucht man, besser auf ihre Lage und Bedürfnisse eingehen und ihnen helfen zu können."
Ausreichend Helfer scheint es also zu geben, doch kann das chinesische Familienleben selbst den zukünftigen wirtschaftlichen Veränderungen etwas entgegensetzen? Die bisherige Entwicklung erweckt den Anschein, als müsste fortan tatsächlich zwischen Lebensstandard und Lebensqualität unterschieden werden.
Übersetzt und gesprochen von Lucas Göpfert



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